Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Weihnachtsbaum plündern mit Ministerin. Grenzenlose (Vor-)Lesefreude in Mainz

© Thomas Köster

Über 80.000 Vorleserinnen und Vorleser waren am 21. November 2014 beim bundesweiten Vorlesetag aktiv. Rund 40 Veranstaltungen gab es allein in Mainz. Die Lesung mit DEUTSCH-3.0-Beteiligung in der dortigen Theodor-Heuss-Grundschule war die einzige, die bilingual stattfand – und nicht nur dadurch spielerisch aufzeigte, wie eng Mehrsprachigkeit und Integration zusammenhängen.

Wer Kinder oder ein gutes Gedächtnis hat, der wird es wissen: Pippi Langstrumpf kann nicht richtig lesen. Ihre Schulausbildung hat die rotzfreche Göre schon nach wenigen Stunden abgebrochen, „Plutimikation“ ist ihr ein Gräuel. Und mit dem Schreiben hat sie auch Probleme.

In Astrid Lindgrens Geschichte „Pippi plündert den Weihnachtsbaum“ muss die Titelheldin deshalb ihren Freund Tommy um Hilfe bitten, um alle Kinder der Stadt auf einem Plakat an der Rathaustür zu ihrem „Plünderfest“ einzuladen. Wer in der Gemeinschaft mitfeiern will, muss also besser als Pippi Langstrumpf lesen können – oder sich den Text doch zumindest vorlesen lassen.

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WIE JAULT EIN HUND?

Da traf es sich gut, dass am bundesweiten Vorlesetag von Stiftung Lesen, der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der Deutsche Bahn Stiftung in der Mainzer Theodor-Heuss-Grundschule aus „Pippi plündert den Weihnachtsbaum“ vorgelesen wurde. Dort hatten sich rund 40 Zweit- und Drittklässler im Halbkreis versammelt, um der rheinland-pfälzischen Ministerin für Familie und Integration Irene Alt (Bündnis 90/Die Grünen) zuzuhören. Und auch die Vorleserin passte denkbar gut zur Geschichte: Zwar geht es darin vor allem um Geschenke, Rodelbahnen und Lichterglanz. Aber es geht neben Sprache und Lesen eben auch um Toleranz, Verständnis, Gemeinschaft und – gleich mehrmals – um Integration.

Pippi Langstrumpf sei eine ihrer Lieblingsheldinnen, bekannte die sichtlich gut gelaunte Ministerin gleich zu Beginn ihrer Lesung. Und dann machte sie beim Lesen auch noch alles richtig: indem sie den Text stimmlich lebendig werden ließ, den Kindern zwischendurch die Illustrationen zeigte, auf Lachen oder Staunen reagierte und ihr aufmerksam lauschendes Publikum durch Zwischenfragen immer wieder mit einbezog. Etwa dort, wo Pippi einen einsamen und hungrigen Hund in die feiernde Kinderschar aufnimmt, nachdem er ihr in angeblich „reinstem Schwedisch“ seine traurige Geschichte erzählte. „Wie jault ein Hund?“, fragt die Ministerin. Und plötzlich heult und jault in der Klasse eine ganze Hundeschar.

Ihr mitreißendes Talent hat Irene Alt offenbar von ihren Eltern geerbt – und im Laufe ihres Lebens immer weiter ausgebaut. „Mit dem Vorlesen bin ich groß geworden“, sagt sie später im Gespräch. „Und auch bei meinen beiden Töchtern, die jetzt selber gerne lesen, war das wichtig“. Nun führe sie die Tradition bei ihren Enkelkindern weiter, „wobei wir uns immer versprechen, Mama und Papa nicht zu verraten, wie lange wir gelesen haben, wenn‘s allzu spannend war.“ Vorlesen bringe Familien zusammen, sagt Irene Alt aus eigener Erfahrung: eine Erkenntnis, die sich mit den Ergebnissen einer neuen Studie der Stiftung Lesen zum bundesweiten Vorlesetag 2014 deckt. Vorlesen fördert familiäre Bindungen, regt zu Gesprächen an und bereichert generell den gemeinsamen Alltag, heißt es dort. Eltern hilft es, ihr Kind besser zu verstehen. Und es dient nicht zuletzt der Bildung des Kindes und seiner sprachlichen Kompetenz.

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„SPASIBA, PEPPI“

Das unterstreicht auch Anastasia Fazius, die „Pippi plündert den Weihnachtsbaum“ als Lektüre für die Mainzer Veranstaltung ausgesucht hat. Die junge Klassenlehrerin der 2b an der Theodor-Heuss-Grundschule stammt aus Sibirien und ist mit neun Jahren nach Deutschland gekommen. Ihr Vater ist Deutscher, die Mutter Russin, sie selbst zweisprachig aufgewachsen. Auch in ihrem Elternhaus waren Bücher präsent, bevor sie selber lesen konnte. „Sprache ist das, was die Familie verbindet“, lautet ihr Credo aus der Praxis. „Und Vorlesen gibt Anlass zu positiver Kommunikation untereinander.“

Im zweiten Teil der Mainzer Veranstaltung liest Fazius einen Teil von Lindgrens Geschichte auf Russisch vor – die richtige Intonation hat sie im Vorfeld sicherheitshalber noch mal mit der Mutter eingeübt. Die Kinder sollen raten, um welche Stelle es sich handelt. Als die für viele fremde Sprache erklingt, sind alle hochkonzentriert, um die entsprechende Passage herauszufinden. Aber es wird auch gelacht. „Das klang total komisch“, sagt eine Schülerin hinterher. „Für mich klang das gar nicht komisch“ entgegnet eine andere. „Klar“, sagt Fazius. „Weil du Russisch kannst!“

Unscheinbare Szenen wie diese machten während der Mainzer Veranstaltung deutlich, warum es wichtig ist, Kinder möglichst früh auch für die anderen Sprachen ihrer Umgebung empfänglich zu machen. Denn das noch unschuldig-kindliche Lachen über den ungewohnten Klang könnte später irgendwann vielleicht einmal der Befremdung weichen. In Mainz ging es nicht zuletzt darum, den Grundschulkindern auf spielerische Weise zu vermitteln, dass jede Sprache einen ganz eigenen Wert besitzt. Und dass jedes Kind auf die Sprachen, die es spricht, stolz sein kann. Ein Versuch, der gelang: Jedenfalls wünschten sich die Schülerinnen und Schüler von Fazius lautstark noch eine zweite Stelle auf Russisch, die sie erraten wollten.

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MINISTERIN MIT „MIGRATIONSHINTERGRUND“

Mehrsprachigkeit als Chance begreifen: Dafür ist die Theodor-Heuss-Grundschule im Mainzer Stadtteil Hechtsheim ohnehin ein guter Ort. Weit entfernt davon, eine Brennpunktschule zu sein, stammen von den rund 400 Schülerinnen und Schülern doch rund 40 Prozent aus Familien mit Migrationshintergrund. Türkisch, Französisch, Serbisch und Arabisch sind hier ebenso vertreten wie Portugiesisch, Italienisch, Schwedisch, Holländisch oder Ungarisch. „Wir sind sehr multikulturell“, betont auch Anastasia Fazius. „Deshalb müssen wir die Kinder für die vielen Sprachen sensibel machen, die sie und die anderen sprechen.“ Das stärke ihr Selbstbewusstsein. „Aber es kommt auch den Kindern zugute, die nur Deutsch sprechen und verstehen können.“

Wie sehr gemeinsames Lesen im heimischen Umfeld auch dazu dient, die eigene Mehrsprachigkeit als Wert zu begreifen, wurde im dritten Teil der Mainzer Veranstaltung klar, als Sabine Bonewitz, Leiterin des Programmbereichs „Familie“ der Stiftung Lesen die Kinder nach den Vorlesegewohnheiten im eigenen Elternhaus fragte. Fast in allen Familien wird offenbar noch vorgelesen – und oft in der vertrauten Herkunftssprache. Oder eben bilingual. „Meine Eltern lesen mir auf Russisch vor“, antwortet ein Mädchen. „Und wenn ich meinen Eltern vorlese, dann tue ich das auf Deutsch.“

Am Ende durfte jedes Kind noch einen Satz in einer jeweils anderen Sprache sagen. Und dann kam sogar noch heraus, dass auch die Integrationsministerin Irene Alt in gewisser Weise Migrationshintergrund besitzt. Warum sie denn so merkwürdig spreche, wollte ein Schüler wissen. Sie sei zwar Ministerin von Rheinland-Pfalz, gab Irene Alt zur Antwort, komme aber eigentlich aus dem Saarland. „Deshalb rolle ich das ‚R‘ so. Und deshalb spreche ich auch Französisch, was man an saarländischen Schulen statt Englisch als erste Sprache lernt.“

RIESENSPASS MIT GROSSER BOTSCHAFT

So war es ein rundherum gelungener, fröhlicher Vormittag in Mainz. „Das hat mir einen Riesenspaß gemacht“, meldete sich dem entsprechend ein Kind zum Schluss spontan zu Wort – und der Rest der Zweit- und Drittklässler klatschte begeistert zur Bestätigung. Aber die Veranstaltung in der Theodor-Heuss-Grundschule war noch mehr als ein Vergnügen. Es war ein Ereignis mit wichtiger Botschaft. Mehrsprachigkeit ist ein Pfund, mit dem man wuchern sollte, lautete diese Botschaft. Und auch zur Integration ist Mehrsprachigkeit nicht Hemmschuh, sondern multikultureller Schlüssel.

So gelesen erwies sich „Pippi plündert den Weihnachtsbaum“ als ideale Lektüre in einem Kreis, der tagtäglich mit kindlicher Selbstverständlichkeit darauf angewiesen ist, das Anderssein der anderen – und das eigene Anderssein – als kulturelle und sprachliche Bereicherung zu empfinden. Jetzt müsste eigentlich nur noch Pippi Langstrumpf richtig lesen lernen.

© Thomas Köster

„Mehrsprachigkeit ist etwas Tolles.“
3 Fragen an Integrationsministerin Irene Alt


Frau Alt, wie wichtig ist Sprache für Bildung und Integration?

Irene Alt: Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Und Sprache ist der Schlüssel zur Bildung. Sprache ist die Grundlage für alles. Man muss die Sprache lernen, um alles zu verstehen, was in der Gesellschaft vor sich geht. Und um ein Teil dieser Gesellschaft zu sein.

An der Grundschule, an der Sie gerade gelesen haben, haben die Kinder unterschiedliche Vater- und Muttersprachen. Sollte diese Mehrsprachigkeit gefördert werden?

Irene Alt: Unbedingt! Es ist wichtig, dass wir die vorhandenen Sprachkompetenzen fördern und der Mehrsprachigkeit als positiver Ressource Raum geben. Damit der Respekt wächst für die unterschiedlichen Fähigkeiten, die alle haben. Ich glaube, wir müssen uns in unserer Gesellschaft offener machen für dieses Thema. Und die Kindertagesstätten und Schulen müssen sich öffnen für die vielen, vielen Kulturen, die in ihnen spielen und lernen.

Wie muss diese Öffnung in der Sprachen- und Bildungspolitik aussehen?

Irene Alt: Wir brauchen bereits in den Kitas Sprachförderungsbausteine, die je nach Bedarf flexibel angepasst sein müssen. Das ist der eine Schritt.

Der andere Schritt wäre, eine Offenheit dafür zu entwickeln, dass Mehrsprachigkeit etwas Tolles ist. Das es etwas Tolles ist, wenn jemand auch Türkisch oder Russisch oder Hebräisch sprechen kann. Das muss im Bildungsalltag aufgegriffen werden.

In Reinland-Pfalz gibt es in den Schulen ja schon Angebote, wo Schülerinnen und Schüler von ihren Lehrern Unterricht in insgesamt 14 Herkunftssprachen erhalten können. Auch das ist ein Baustein, um zu sagen: Wir nehmen eure Herkunft ernst. Wir wollen eure Sprache würdigen. Wir greifen eure Fähigkeiten auf. Und nutzen für uns alle das Potenzial dieser vielen tollen Kulturen, die wir in Deutschland haben.



Thomas Köster, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

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