Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


„Meine Wörter waren krank“
Emine Sevgi Özdamar, Najem Wali und Stefan Weidner diskutierten über „Sprache und Exil“

Emine Sevgi Özdamar sitzt auf der Bühne der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main und führt ein Wort zum Mund. Sie beißt ab, kaut darauf herum, schiebt es sich von einer Backe in die andere. „Man probiert, ob sie schmecken oder nicht“, sagt sie. Wörter haben nicht nur einen Klang, sondern auch eine Konsistenz, Größe, Temperatur, einen Körper.

Exil und Sprache

Zu welcher Sprache das Wort gehört, das Özdamar in den Mund nimmt, das verrät sie nicht. Es ist für sie wohl auch nicht entscheidend. Als Wörtersammlerin ist sie im Türkischen, Französischen und Spanischen auf der Suche. Und natürlich im Deutschen, der Sprache, in der sie ihre Romane schreibt.

Seit dem türkischen Militärputsch in den 70er Jahren lebt sie in der Mitte Europas, vor allem in Deutschland, aber auch in Frankreich. Sie ist das, was man eine Exilantin nennt. Aber sie ist nicht das, was man sich unter einer Exilantin vorstellt.

Denn das Wort „Exil“ verführt zu Assoziationen: das Exil als ein vorübergehender Zustand, zu erdulden bis zum unbekannten Zeitpunkt der ersehnten Rückkehr. Exil als Zeit und Ort der Entbehrung. Wer im Exil lebt, tut dies nicht freiwillig. Exilanten sind auf der Flucht, sie gehören nicht wirklich zu der Gesellschaft, die sie umgibt, sie fühlen sich fremd. Beispielhaft, wenn auch nicht eindeutig auf das Exil bezogen, hat Bertolt Brecht das in seinem Gedicht „Radwechsel“ von 1953 formuliert: „Ich sitze am Straßenhang. / Der Fahrer wechselt das Rad. / Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. / Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. / Warum sehe ich den Radwechsel / mit Ungeduld?“

BELASTUNG UND BEREICHERUNG

Viele dieser Assoziationen sind eng mit der Erfahrung deutscher Exilanten zwischen 1933 und 1945 verknüpft. Und sie sind gut belegt. Sie vor Augen zu haben, wenn man über „Sprache und Exil“ spricht, ist nicht verkehrt, aber eben auch nicht hinreichend, um der Vielschichtigkeit der Erfahrungen im Exil gerecht zu werden. Die angesichts gegenwärtiger Exile weithin anerkannte Festlegung, dass das Exil auch künstlerische Kreativität anregen und mitunter zu einer besonderen Form der Produktivität führen kann, gilt auch schon für das Exil zwischen 1933 und 1945. Es zählt zu den Stärken der Podiumsdiskussion „Exil und Sprache“, die das Goethe-Institut und das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek gemeinsam im Rahmen der Projektreihe DEUTSCH 3.0 in Frankfurt am Main veranstaltet haben, diese Wahrnehmung ergänzt zu haben. Sylvia Asmus, die Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek, sprach in ihrer Einleitung zur Veranstaltung vom „erweiterten Exilbegriff“, welcher die assoziative Engführung des Wortes „Exil“ auch für die Zeit 1933–1945 aufbricht: Exil ist nicht zwangsläufig erzwungen; es ist weder zwangsläufig dauerhaft noch von vornherein befristet; es kann eine Belastung, aber auch eine Bereicherung sein, sowohl für den Exilanten als auch für das Land, in dem er lebt. Dieser erweiterte Exilbegriff liegt auch der virtuellen Ausstellung „Künste im Exil“ zugrunde, die zurzeit unter Federführung des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 erarbeitet wird. (Unter kuenste-im-exil.de/KIE/Web/DE/Home/home.html ist darüber mehr zu erfahren.)

Exil und Sprache

Najem Wali, der in Deutschland lebende, aus dem Irak stammende Schriftsteller, wies auf den literarischen Reichtum hin, der im Exil entstanden ist: auf die deutschsprachigen Autoren Anna Seghers, Joseph Roth und Peter Weiss, aber auch auf James Joyce, der seinen Roman „Ulysses“ unter anderem in Triest verfasst hat, auf Gabriel García Márquez, dessen Roman „Der General hat niemand, der ihm schreibt“ in Paris entstanden ist, und auf Dantes „Göttliche Komödie“.

Die Erfahrung des Exils hat die Schaffenskraft vieler Autorinnen und Autoren beflügelt, indem es half, eine neue Distanz zur Herkunft zu finden. Es hat sie freier gemacht. Das gilt nicht nur für das Verhältnis der Autoren zum Ort ihrer Herkunft, sondern auch zu ihrer Muttersprache. Özdamar fand dafür poetische Worte, als sie von ihrem Verhältnis zur türkischen Sprache während der 60er und 70er Jahre berichtete: Vor dem Militärputsch sei das Diskutieren in den Cafés, der Austausch über die Gedanken Hegels und Marx’ ihr Weg gewesen, sich die Welt zu erschließen. „Wir wollten nicht nur wissen, wer wir waren, sondern auch, wer wir sein konnten.“ Doch nachdem die Militärs die Macht übernommen hatten, „sollten wir die Wörter ins Meer schmeißen oder verbrennen. Wir mussten sie unter unserer Zunge verstecken.“

„MIR BLIEB NUR DIE SPRACHE“

„Meine türkischen Wörter waren krank“, sagt Emine Sevgi Özdamar. „Ich musste sie in ein Sprachsanatorium bringen.“ Die Sätze Bertolt Brechts, in denen dessen Erfahrungen mit dem Faschismus verarbeitet sind, seien ihr damals eine große Hilfe gewesen. Und diesem Brecht wollte sie nahekommen. Er war tot, aber sie traf seinen Schüler Benno Besson in Paris und ging später mit ihren „kranken“ Wörtern nach Deutschland.

Exil und Sprache

„Man hat das Gefühl, es sei gar nicht die Person Emine Sevgi Özdamar, die ins Exil gegangen ist“, kommentierte Moderator Stefan Weidner, „sondern die Sprache habe Zuflucht gesucht bei ihr und habe sie sozusagen als Koffer benutzt, mit dem die türkische Sprache nach Deutschland übergesiedelt ist, wo sie sich wieder erholt.“

Gefragt nach ihrem persönlichen Verhältnis zu den Sprachen, in denen sie sich bewege, fand Özdamar ein schönes Bild, mit dem sie einen vermeintlichen Antagonismus der Sprachen kontert: „Wenn du einen Ehemann hast und einen Liebhaber, dann denkst du immer, du müsstest dich für einen entscheiden. Du wirst verrückt.“ Sie habe sich stattdessen das Französische erschlossen und sagt: „Wenn du noch einen zweiten, vielleicht sogar dritten Liebhaber hast, musst du dich nicht entscheiden, sondern denkst: Das ist eben meine Natur.“

Najem Wali erinnerte daran, dass das Exil auch eine Herausforderung ist. Das habe nicht nur für Erich Maria Remarque und für Lion Feuchtwanger gegolten, sondern auch für ihn persönlich: „Wenn ich an mich denke, denke ich: Alles wurde mir gestohlen. Meine Heimat, meine Familie. Ich konnte 23 Jahre nicht in den Irak. Mir blieb nur die Sprache.“

Andere Autoren entscheiden sich irgendwann, nicht mehr in ihrer Muttersprache zu schreiben, sondern in der des Gastlandes. Najem Wali wies auf Samuel Beckett hin, der „Warten auf Godot“ auf Französisch geschrieben hat. Vielleicht hat die Kargheit und Verlorenheit, das Beschreiben des ewigen Übergangs, der nirgendwo hinführt, auch mit den sprachlichen Beschränkungen zu tun, denen sich Beckett damit ausgesetzt hat. Und vielleicht hat die poetische Verarbeitung dieser Erfahrung dazu beigetragen, dass das Stück zum Klassiker wurde. Das Exil im weitesten Sinne scheint so als Mühsal, Beschränkung, Inspiration und Bereicherung


Andreas Unger, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

    PROJEKTSCHREIBER



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