Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


„Medien und Minderheiten – Fragen der Repräsentation im internationalen Vergleich“.
Eine Konferenz der Akademie des Jüdischen Museums Berlin in Kooperation mit dem Rat für Migration, 27.–28. November 2014


Medien reproduzieren Stereotype, wenn es um die Darstellung von Minderheiten geht. Dieser Zusammenhang ist gut erforscht. Von diesem Grundkonsens ausgehend stellte die Konferenz „Medien und Minderheiten“ spezifischere Fragen. Man wolle, so die Leiterin der Akademieprogramme des Jüdischen Museums Berlin Dr. Yasemin Shooman in ihrer Eröffnungsrede, nicht bei der Analyse von Medieninhalten stehen bleiben, sondern Fragen nach der Wirkung der medial vermittelten Bilder auf die Rezipienten stellen.

Medien und Minderheiten. Fragen der Repräsentation im internationalen Vergleich; Foto: Eva Simon

WOHER WISSEN WIR, DASS DER SCHWARZE KEIN DEUTSCHER IST?

Als Beleg dafür, dass beileibe nicht nur die Boulevard-Presse auf Stereotype zurückgreift, diente die kürzlich kontrovers diskutierte Plakat-Kampagne zur ARD-Themenwoche Toleranz. „Belastung oder Bereicherung?“, fragt das Plakat, auf dem das Portrait eines schwarzen Mannes zu sehen ist; die Adern auf seiner Stirn treten deutlich hervor, die Haut glänzt, der Blick fixiert stechend ein unbekanntes Ziel. Offenbar soll das Bild die Flüchtlingsfrage illustrieren und, so Yasemin Shooman, „die nach überwiegend ökonomischen Gesichtspunkten geführte Debatte um den ‚Nutzen‘ von Einwanderung personifizieren. Doch das Motiv verweist vor allem auf das Selbstbild einer sich als weiß definierenden Mehrheitsgesellschaft – denn woher wissen wir eigentlich, dass dieser Mann kein deutscher Staatsbürger ist?“ Diese Mehrheitsgesellschaft hat die ARD offenbar als alleiniges Publikum vor Augen – Angehörige der abgebildeten Minderheiten (außer dem Schwarzen gehören noch zwei Homosexuelle, ein Kind und ein Behinderter in die Reihe) offenbar nicht.

Medien und Minderheiten. Fragen der Repräsentation im internationalen Vergleich; Foto: Eva Simon

MAINSTREAM-MEDIEN ALS ETHNISCHE, WEISSE MEDIEN BETRACHTEN

Was Mainstream-Medien mit ihrer Darstellung von Minderheiten über sich selbst aussagen, war auch der zentrale Punkt des Vortrags von Prof. Dr. Augie Fleras von der University of Waterloo in Kanada. Mit dem Status Quo hielt Fleras sich nicht lange auf, kurz gesagt scheitern auch kanadische Mainstream-Medien daran, gesellschaftliche Diversität ausgewogen darzustellen, und arbeiten mit Verzerrungen, seien sie negativer, stereotyper oder beschönigender Art. Fleras‘ These: Wir sollten aufhören zu beklagen, wie die Medien Minderheiten missrepräsentieren, und uns stattdessen klar machen: Sie können gar nicht anders, weil es sich bei ihnen um weiße, eurozentristische Medien handelt. Als solche seien sie nicht anti-minoritär, sondern pro-weiß. „Whiteness“ als Ethnie zu definieren – das stieß im Publikum nicht nur auf Zustimmung, aber Fleras war überzeugt: „ Weißheit als Ethnizität zu leugnen, könnte den Effekt haben, sie als universelle Norm zu setzen, statt sie als eine Manifestation menschlicher Erfahrung unter anderen zu sehen.“ In der folgenden Diskussion beharrte er aber weniger auf Definitionen, was Ethnizität sei, als vielmehr auf der Nützlichkeit des Modells für die Beschreibung des bestehenden Zustands. Demnach leisten Mainstream-Medien dasselbe, was alle ethnischen Medien tun: Sie sind Sprachrohr von der und für die Zielgruppe, schaffen eine kollektive Identität und bauen Brücken in die „Welt da draußen“. So sei es nur logisch, dass kanadische Mainstream-Medien ein positives Selbstbild der weißen Mehrheitsgesellschaft zeichneten. Rassismus etwa werde durchgängig als Vorurteil von Einzelnen dargestellt, nicht als Teil institutionalisierter Machtstrukturen. Minderheiten würden, so führte Fleras weiter aus, fast nie aufgrund ihrer „Rasse“ als minderwertig kritisiert. Eine so plump rassistische Haltung wäre mit dem aufgeklärten, toleranten Selbstbild der Kanadier nicht vereinbar. Eher werde eine „situative Antipathie“ kultiviert, die auf der Annahme beruhe, dass bestimmte Minderheiten kulturell inkompatibel seien.

GUTE MINDERHEITEN, SCHLECHTE MINDERHEITEN

Zudem gebe es einen deutlichen Dualismus von „guten“ und „schlechten“ Minderheiten. Demnach tragen die Angehörigen „guter“ Minderheiten durch Fleiß, harte Arbeit und Unternehmergeist zum Wirtschaftswachstum bei und bestätigen so kanadische Werte: „Sie legitimieren die Mythen und Tugenden der Leistungsgesellschaft.“ Beliebt seien auch „berechtigte“ Asylbewerber, vorzugsweise solche, die in kommunistischen oder muslimischen Ländern verfolgt wurden – ihre Anwesenheit unterstreiche die moralische Überlegenheit Kanadas. Ganz anders sieht es laut Fleras mit „ungerufenen“ Asylbewerbern aus, die gelten als „Vordrängler“, die das Sozialsystem betrügen und den Einheimischen Jobs wegnehmen. Kanadische Werte wie Demokratie und Geschlechtergleichheit lehnen sie – in der medialen Darstellung – ab, sie gelten als Sicherheitsrisiko und tragen vermeintlich durch nicht abgelegte Loyalität mit ihrem Heimatland zur Spaltung der kanadischen Gesellschaft bei. Die wenigsten Kanadier, so Fleras, hätten direkten Kontakt mit Minderheiten, umso stärker präge die mediale Repräsentation das Bild in den Köpfen – eine Feststellung, die, auf die jeweilige Mehrheitsgesellschaft bezogen, in kaum einem der folgenden Vorträge fehlen sollte.

Medien und Minderheiten. Fragen der Repräsentation im internationalen Vergleich; Foto: Eva Simon

MINDERHEITEN REPRODUZIEREN SELBER STEREOTYPE

Dr. Anamik Saha von der Goldsmith University of London teilte die Prämisse, dass eine inhaltliche Kritik am Status Quo („Wir sehen keine Vielfalt muslimischen Lebens, sondern Kopftücher, Terrorismus und Zwangsehen“) wenig ändern dürfte. Auch er sieht die Missrepräsentation von Minderheiten als systembedingt an – allerdings konzentriert er sich in seinem Forschungsfeld auf die Produktionsbedingungen innerhalb der Kulturindustrie. Seine These: Diese Produktionsbedingungen sind es, die zu der beklagten stereotypen Darstellung von Minderheiten beitragen. Einleitend stellte er eine verbreitete Annahme in Frage: dass Medienhäuser lediglich mehr Vertreter von Minderheiten einstellen müssten, dann löse sich das Problem mit der Zeit von selbst. Nach seiner Erfahrung gilt vielmehr: „Vertreter von Minderheiten hinter dem Bildschirm helfen sehr wenig, ihre Repräsentation auf dem Bildschirm zu verbessern.“ Ganz im Gegenteil: Sie spielten das Spiel mit und reproduzierten selbst Stereotype über die „eigene“ Gruppe. Diesen Zusammenhang hat Saha am Beispiel von „South Asians“ (in Großbritannien sind das vor allem Einwanderer und deren Nachkommen aus Indien und Pakistan) untersucht und in der medialen Darstellung eine „Dualität von Begehren und Furcht“ ausgemacht. Die Ethnie wird entweder mit farbenfrohen Hochzeiten, scharfen Currys, Spiritualität und Bollywood in Verbindung gebracht – oder mit Terrorismus, Zwangsheirat und Scharia. „In beunruhigend großer Dimension wurden diese Repräsentationen von Fachleuten produziert, die selbst diesen Minderheiten entstammen.“ Bei näherer Betrachtung sei das aber kein Wunder, so Saha. Schließlich unterlägen die Leute denselben Produktionsbedingungen wie alle anderen, und diese seien es ja, die stereotype Darstellungen förderten.

NISCHENPROGRAMME VERSCHWINDEN

Wie sehen diese Produktionsbedingungen nun aus? Saha hob zu einer Kritik des britischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens an, die man eins zu eins auf das deutsche System aus ARD und ZDF übertragen kann: Der zunehmende ökonomische Druck führe dazu, dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich in der Konkurrenz zu anderen Medien sähen – das Angebot werde immer populärer und Nischen-Programme für ethnische Minderheiten verschwänden. Bei der BBC war es etwa die Asian Programme Unit, die dichtgemacht wurde, beim deutschen RBB könnte man an Radio Multikulti denken, das 2008 eingestellt wurde. Offizielle Begründung bei der BBC sei, dass die Stimmen ethnischer Minderheiten ins Hauptprogramm integriert würden – es gebe demnach keinen Bedarf mehr für Extrasendeplätze. Was nach Inklusion klingt, heißt in der Alltagsrealität der Redaktionen: Man muss sich dem Massengeschmack anpassen, „Komplexität wird auf Einzeiler reduziert“ – oder, wie Saha leicht schockiert aus einem Workshop zitierte, der schwarze und asiatische Medienschaffende fördern sollte: „Wenn deine Idee auf ein T-Shirt passt, ist sie vermutlich sehr gut.“

Medien und Minderheiten. Fragen der Repräsentation im internationalen Vergleich; Foto: Eva Simon

ETHNISCHE THEMEN MÜSSEN LÄRM GENERIEREN

Trotz all dieser Bemühungen, sich dem Massengeschmack anzupassen – Quote könne man mit ethnischen Themen nicht machen, berichtete ein TV-Produzent dem Forscher. Umso wichtiger sei es, Aufmerksamkeit zu generieren, kurz: Lärm zu machen. Dieses Ansinnen schlägt sich in Original-Titeln wie diesen nieder: „Inside the Mind of a Suicide Bomber“, „The Cult of the Suicide Bomber“, „Women Only Jihad“ oder „Putting the ‚Fun‘ in Fundamental“. Saha stellte trocken fest: „Solche Geschichten mögen Lärm machen, aber dieser Lärm tut der Darstellung des Islam in Großbritannien keinen Gefallen.“

Abstrakt klingt Sahas Forderung plausibel: Nämlich dass wir die entsprechenden Umstände schaffen müssten, damit Diversität überhaupt stattfinden könne. Aber wie? Je konkreter es wird, desto deutlicher tritt die Hilflosigkeit der Forderung zutage: Öffentlich-rechtliche Sender, so Saha, müssten vollständig vor den Kräften des Marktes geschützt werden. Von diesem Ziel sind wir – zumindest in Deutschland – sehr weit entfernt, und das Gros der Sende-Verantwortlichen bewegt sich immer weiter davon weg. Ein weiterer Appell Sahas war, ein kritisches Publikum zu bilden, das Diversität einfordert. Aber wie viel Einfluss wird ein solches – immer kleines, immer elitäres – Publikum haben? Saha gab dann auch zu, „leicht pessimistisch“ in die Zukunft zu blicken.

Medien und Minderheiten. Fragen der Repräsentation im internationalen Vergleich; Foto: Eva Simon

DEUTSCHE EMOTIONEN: JUDEN IM „TATORT“

Auf einen Programmpunkt am Nachmittag freute sich das Publikum besonders: Der „Tatort“ ist das identitätsstiftende TV-Lagerfeuer in Deutschland schlechthin. Mit liebevoller Ironie stellte Dr. Daniel Wildmann vom Leo Baeck Institute London / Queen Mary College, University of London, den internationalen Gästen dieses deutsche Nationalheiligtum vor. Um dann anhand von zwei Folgen aus dem letzten Jahrzehnt der Frage nachzugehen, wie sich visuelle Sprache und Moral verbinden, und zwar im spezifischen Fall der Darstellung von Juden. Sowohl in dem „Tatort“ „Der Schächter“ von 2003 als auch in dem Schimanski-„Tatort“ „Das Geheimnis des Golem“ von 2004 sind die Protagonisten, so Wildmann, „hörbar und sichtbar als Juden identifizierbar“. Sie streuen jiddische und hebräische Wörter in ihre Sprache, tragen eine Kippa über schütterem Haar, bewegen sich mit gebücktem, unsicherem Gang – und entsprechen somit dem Klischeebild vom physisch schwächlichen Juden. Es bleibt unklar, in welchem Land sie sich zu Hause fühlen. Wildmann lenkte die Aufmerksamkeit auf Emotionen, die vom Zuschauer verstanden und geteilt werden können, und zwar, um den moralischen Konzepten auf die Schliche zu kommen, die der Film mit seinen Zuschauern teilen will. Denn: „Geteilte Emotionen weisen auf moralische Werte hin, auf die sich eine Gesellschaft verständigt hat.“

WOLLEN WIR ANTISEMITISCHE KLISCHEES MIT GUTEM GEWISSEN GENIESSEN?

Wildmann sezierte exemplarische Szenen mit spitzem Analysewerkzeug. Was er dabei zutage brachte, war geschmacklos bis verstörend. Ein Beispiel: Am Ende von „Der Schächter“ will der titelgebende Jude Leeb seine Villa verlassen, bepackt mit einem Koffer. Grund ist offenbar ein antisemitischer Anschlag, seine Haustüre ist mit roter Farbe beschmiert. Die Kommissarin Klara Blum hält Leeb auf, redet ihm ins Gewissen, zu bleiben und dem Antisemitismus die Stirn zu bieten: „In den entscheidenden Momenten meines Lebens bin ich nie weggelaufen.“ Die Deutsche muss den Juden dazu erziehen, nicht feige zu sein und mit ihr ein „Wir“ zu bilden; eine Kampfgemeinschaft gegen Antisemitismus. Das Opfer selbst verweigert sich diesem Ansinnen, indem es weggehen will. Hier, wie auch im Schimanski-„Tatort“, sind die Kommissare gute Deutsche, die „vermögenden, bleichen, orthodoxen Juden helfen, trotz allen Vorurteilen, seien es eigene oder fremde.“ Aber wäre es auch möglich, die Figur des guten Deutschen ganz anders zu deuten? Wildmann fragt: „Ermöglicht nicht gerade diese Figur, antisemitische Imaginationen mit gutem Gewissen zu genießen?“ Nach Selbstauskunft des Regisseurs sei das Anliegen gar gewesen, über Antisemitismus aufzuklären. Doch die Bildsprache schließe an antisemitische Narrative an, und verräterisch sei, dass die Juden nicht als Teil der deutschen Gesellschaft auftreten. „Eine Kippa zu zeigen ist nichts Schlechtes“, stellte Wildmann klar, „aber hier geht es einher mit visueller und somit gesellschaftlicher Exklusion“.

Medien und Minderheiten. Fragen der Repräsentation im internationalen Vergleich; Foto: Eva Simon

VOM SCHWARZEN TÄTER ZUM SCHWARZEN OPFER

Tag zwei der Konferenz begann unter dem Eindruck aktueller Nachrichten: Die Meldung, dass der Todesschütze im Fall des erschossenen Teenagers in Ferguson nicht vor Gericht gestellt wird, erreichte Dr. Charlton McIlwain von der New York University am Flughafen, auf dem Weg nach Berlin. „Criminal Blackness“ betitelte McIlwain seinen Vortrag, in dem er allerdings der Frage nachging, ob sich in dieser Hinsicht nicht gerade ein Paradigmenwechsel vollziehe, weg vom schwarzen Täter, hin zum schwarzen Opfer. Ausgangspunkt seiner Untersuchung war die Schlagzeile „Unbewaffneter schwarzer Teenager“, die tausendfach von amerikanischen Titelseiten prangte, nachdem ein weißer Polizist in Ferguson im Bundesstaat Missouri den 18-jährigen Schwarzen Michael Brown erschossen hatte. McIlwain stutzte: Erstmals wurde ein Schwarzer sogar im ultra-rechten TV-Sender Fox News nicht als Täter, sondern als Opfer charakterisiert.

„RACIALIZING“ IN DEN US-AMERIKANISCHEN MEDIEN

„Ist ‚Criminal Blackness‘ noch die dominante Metapher, die das Image der Schwarzen in den USA bestimmt? Oder wandelt sich das Bild?“, fragte McIlwain und erinnerte daran, dass seit der Abschaffung der Sklaverei Schwarzsein medial mit Kriminalität identifiziert wurde. Die Analyse überregionaler Tageszeitungen ergab ein überaus komplexes Bild, ein Fazit ließ sich laut McIlwain dennoch ziehen; es gebe nach wie vor ein Übergewicht an Berichterstattung über Schwarze als Täter. Dass jedoch auch die Berichterstattung über Schwarze als Opfer „racialized“ werde, sei ein verhältnismäßig neues Phänomen, für das vor Michael Brown der Fall Trayvon Martin exemplarisch sei: Auch er ein unbewaffneter Teenager, der von einem Nachbarschaftswachmann erschossen wurde, nachdem er sich gerade Süßigkeiten gekauft hatte. „Racializing“ – zu Deutsch „Rassifizierung“ – heißt: Ein Fall wird aus dem Blickwinkel der Zugehörigkeit zu einer als „Rasse“ bzw. Ethnie konstruierten Gruppe betrachtet, nicht als individuelles Einzelschicksal. Erst dieses „racializing“ führe zum Skandal hinter dem konkreten Fall, nämlich dass das Schicksal von Michael Brown oder Trayvon Martin symptomatisch für das sei, was Schwarzen in den USA tagtäglich passiere, so McIlwain.

ROMA UND „ARMUTSMIGRATION“ – EIN LEHRSTÜCK ÜBER DIE THEATRALITÄT VON POLITIK?

Dr. Peter Widmann von der Istanbul Bilgi Universität richtete den Blick wieder auf die deutsche Medienlandschaft – und zwar auf die Debatte über Roma und sogenannte „Armutsmigration“ in der EU. Eine Debatte, die Ende  013 von der CSU mit dem Slogan „Wer betrügt, der fliegt“ initiiert wurde und die ein knappes Jahr später in einer Änderung des Freizügigkeitsgesetzes resultierte, der von Fachleuten ein eher symbolischer Charakter attestiert wird. Für Widmann ist der Ablauf ein Beispiel für die Theatralität von Politik: „Das Drehbuch lag offen zutage und es hat trotzdem funktioniert.“ Auch, weil die Medien ihre vorgesehene Rolle erfüllt und CSU-wunschgemäß Problemgeschichten über Roma geliefert hätten. Eine Darstellung, die Werner Schiffauer vom „Rat für Integration“ und Ferda Ataman vom „Mediendienst Integration“ nicht teilten. Der Mediendienst Integration versteht sich als Informations-Service für Journalisten zu den Themen Migration, Integration und Asyl; die Debatte um „Wer betrügt, der fliegt“, wird hier als Erfolgsgeschichte gesehen: Kurz nach den Äußerungen habe man Journalisten mit Informationen („Es gibt keine Belege über nennenswerte Armutsmigration“) versorgt und damit den thematischen Rahmen neu gesetzt, so Ataman und Schiffauer. Diese schnelle Intervention habe dazu geführt, dass die Medien eher den Populismus der CSU kritisiert hätten, als dass sie auf den Zug „Armutsmigration“ aufgesprungen seien. Weder bei der Kommunalwahl in Bayern noch bei der Europawahl habe die CSU Stimmen gewonnen. Letztlich sei die Debatte als Sieg zivilgesellschaftlicher Intervention zu betrachten.

STIGMATISIERENDE BILDER VON ROMA IN UNSEREN KÖPFEN

„Wie definieren wir gewinnen?“, gab Widmann zurück. Auch wenn die CSU keine Wahlen gewonnen habe, so sei es ihr doch gelungen, ein Thema zu setzen. In den Medien hätten dabei „Resonanzeffekte“ gewirkt, es gebe nämlich bereits „die ‚Zigeunerbilder‘ in unseren Köpfen“, die man nur aktivieren müsse. Roma würden als Anti-Bürger charakterisiert, was etwa in der immer wieder gelesenen und gehörten Floskel „Welten prallen aufeinander“ deutlich werde. Weiter werde auf das „Motiv der großen Zahl“ gesetzt: In Bild und Text tauchten Roma stets als „Sippe“ auf, so werde der Eindruck generiert, es handele sich um viele. Tatsächlich wisse aber keiner, wie viele Roma unter den Zuwanderern aus Rumänien seien, die Zahl werde nicht erhoben. Diese Leerstelle suggeriere erst recht eine Bedrohung. Etablierte Roma, so Widmann, fehlten in der Berichterstattung vollständig. Der Grund hierfür: „Armut macht sichtbar. Alltagsnormalität macht unsichtbar.“ Hinzu komme, dass integrierte Roma aus Angst vor Diskriminierung meist verschweigen, dass sie Roma sind. Das mache sie erst recht unsichtbar.

DIE DIALEKTIK MEDIALER EVIDENZ: DAS AUSSERGEWÖHNLICHE IST EXEMPLARISCH

Medial kämen Roma vor allem „episodisch“ vor – als schockierende Einzelfälle, mit denen aber suggeriert werde, dass sie typisch seien. Widmann nennt das „die Dialektik medialer Evidenz: Es kommt in die Zeitung, weil es außerordentlich ist, wird aber als exemplarisch verkauft.“ Auch die Sprache trage zur Exemplifizierung bei: Selten sei die Rede davon, dass es „in Duisburg“ ein Problem mit verwahrlosten, von Roma bewohnten Mietshäusern gebe. Vielmehr heiße es „in Städten wie Duisburg“. Welche Städte gemeint sind und wie viele es sein mögen, bleibt im Dunkeln.

ROMA-FRAUEN ILLUSTRIEREN „KRIMINELLE OSTEUROPÄER“

Ein Zeitungsausschnitt blieb im Gedächtnis haften: Eine Gruppe Frauen von hinten; an ihren langen, weiten Röcken und bunten Kopftüchern sind sie als Roma zu erkennen. Sie illustrieren einen Artikel über „kriminelle Osteuropäer“. Der Zusammenhang wird offenbar als bekannt vorausgesetzt. Um den Bogen zurück zum Auftakt der Konferenz und dem weißen Selbstverständnis zu schlagen: Solche Text-Bild-Kombinationen sagen mehr über die Überzeugungen der Mehrheitsgesellschaft aus als über die Roma. Und sie dürften oft den „Produktionsbedingungen“ geschuldet sein, von denen am ersten Konferenztag die Rede war. Das legt zumindest die Einschätzung der Praktiker nahe, die auf der abschließenden Podiumsdiskussion auch noch zu Wort kamen. Im Zeitdruck des Tagesgeschäfts werde mitunter zu automatisch manches „Ausländerthema“ mit einer Neuköllner Straßenszene mit Kopftüchern bebildert. In einem war sich der Vertreter von RTL mit seinen Kollegen von Deutschlandradio Kultur und der taz einig: Die notwendige Vielfalt ist dann erreicht, wenn Protagonisten mit Migrationshintergrund in Rollen auftreten, die nichts mit ihrem Migrationshintergrund zu tun haben.

EIN GESPRÄCH ÜBER MÖBEL STATT ÜBER TERROR

Dieses Ziel erinnerte an eine Anekdote, die Anamik Saha am Vortag erzählt hatte: Wie perplex er gewesen sei, als er im Fernsehen ein offensichtlich muslimisches Ehepaar gesehen habe – er mit Vollbart, sie mit Kopftuch – und beide sprachen nicht etwa über Religion, nicht über Integration oder Terrorismus, sondern plauderten über Fragen der Wohnungseinrichtung. Sie waren Protagonisten in einer Reportage für ein Lifestyle-Magazin. Dass es als ungewöhnlich auffällt, wenn Muslime über Möbel statt über Terror reden – das zeigt, wie weit der Weg zu echter Vielfalt noch ist.


Eva Simon, Projektschreiberin DEUTSCH 3.0

    PROJEKTSCHREIBER



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