Altan (Izmir)


Altans Zimmer gleicht einer Höhle. Die Wände des kleinen Raumes sind mit Postern von bekannten Fußballclubs tapeziert. Durch ein kleines Fenster dringt spärlich etwas Tageslicht, eine rote Glühbirne taucht den Raum in eine schummrige Beleuchtung.

Es ist eine eigene kleine Welt, die sich Altan geschaffen hat, um der Wirklichkeit vor seiner schwarz bemalten Zimmertür entfliehen zu können. Diese Wirklichkeit war für ihn lange Zeit kaum zu ertragen. Immer wieder musste er als Junge miterleben, wie der betrunkene Vater seine Mutter verprügelte und die Familie terrorisierte. Als Altan zehn Jahre alt war, setzte die Mutter ihren Mann vor die Tür. Aber damit nahmen die Belästigungen noch lange kein Ende. Was sich zuvor innerhalb der vier Wände abgespielt hatte, verlagerte sich nach der Trennung der Eltern lediglich nach draußen. Erst verlor Altan seine Anstellung in einem Tante-Emma- Laden, dann in einer Apotheke, weil sein Vater jedes Mal volltrunken vor den Geschäften aufgetaucht war und ihn öffentlich beschimpft hatte. Bis heute fand der 29-Jährige keine neue Arbeit.

Immer größer wurde mit der Zeit das Misstrauen gegenüber seinen Mitmenschen, bis er vor drei Jahren schließlich ganz den Kontakt zur Außenwelt abbrach und begann, sich in seinem Zimmer einzuschließen. Oft verschwand er tagelang in seiner Höhle und las religiöse Literatur und philosophische Schriften. Drei Jahre, in denen er kein Café besuchte, Einladungen zu Hochzeiten ausschlug und sich abkapselte. Dennoch suchte er den Gedankenaustausch mit anderen. Das Internet bot Altan die Möglichkeit, mit Menschen in Verbindung zu treten, ohne dass sie ihm zu nahe kamen. Auf diese Weise lernte er Hatice in einem Facebook- Forum zum Thema „Fremdgehen“ kennen. Tagelang diskutierten die beiden über ihre unterschiedlichen Ansichten. Die 39-jährige Hatice stammt wie er aus Aydın und lebt seit 30 Jahren in Deutschland. Drei Monate nach ihrem ersten Kontakt kam seine neue Freundin in die Türkei. Sie versuchte, Altan davon zu überzeugen, dass eine baldige Hochzeit und ein gemeinsamer Neuanfang in Deutschland für sie beide das Beste wäre. Zu Beginn zögerte er, besonders der Gedanke an ein Zusammenleben mit Hatice beunruhigte ihn, er hatte Angst vor der Nähe. Relativ spontan heirateten die beiden dann im September 2011.

Dann kam der erste Tag des Deutschkurses. Panisch lief Altan vor dem Unterrichtsraum auf und ab, kurz davor, kehrtzumachen, zu groß war seine Angst, zu versagen. Die Herausforderung für Altan bestand nicht nur darin, die Sprache zu lernen. Hier war er ganz direkt mit Menschen konfrontiert. Sich anderen gegenüber wieder öffnen zu können, wagte er vor allem dank seiner Frau. Sie ermutigte ihn, stets einen Schritt weiterzugehen. Während der Prüfung war seine Befürchtung, es nicht zu schaffen, allerdings wieder so groß, dass er kurz vor dem Ziel aufgeben wollte. Aber er hielt durch und bestand.

Der Deutschkurs hat Altan mehr gegeben als ein Zertifikat: Er hat ihm geholfen, seine Ängste abzubauen. Obwohl der Gedanke, nach Deutschland zu gehen, neue Ängste in ihm weckt, sieht er darin auch die Möglichkeit, mit seiner Vergangenheit abzuschließen.

Nur sein Zimmer, das will Altan nicht aufgeben. Er will die Tür verriegeln, von außen diesmal. Dann wird er losgehen, in sein neues Leben.

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