Eindrücke einer Reise

Eindrücke einer Reise

© Astrid Dill
© Astrid Dill
Hamburg. Izmir. Casablanca. Yaoundé. Hamburg. Und dann. Hamburg. Sarajevo. Hamburg. Bangkok. Hamburg. Angekommen. Ich bin auf der Suche nach den Geschichten, die Menschen miteinander verbinden. Auf der Suche nach der Liebe, aber auch nach der Bedeutung eines Gesetzes, welches das gefundene Glück mitunter auf eine harte Bewährungsprobe stellt. Gleich zu Beginn meiner Reise eine erste Begegnung, die mich nachdenklich stimmt – Hamburg Flughafen. Terminal 1. Ich warte darauf, an Bord zu gehen. Eine junge türkische Mutter hält mir ihre Tickets unter die Nase, deutet, spricht etwas auf Türkisch. Ich erahne, was sie wissen möchte und sage ihr, dass das der Flug nach Istanbul und sie hier richtig sei. Sie wirkt unbeholfen und ein wenig verloren. Ihre Kinder, schätzungsweise im Kindergarten- und Vorschulalter stellen sich höflich vor, fragen wie es mir geht, brillieren mit bestem Deutsch. Und ich frage mich, ob es Situationen wie diese sind, denen das geänderte Zuwanderungsgesetz entgegenwirken soll.

Je intensiver ich mich mit der Thematik befasse, umso mehr Grundsatzfragen kommen mir in den Sinn. Was eigentlich bedeutet Integration? Und wie genau definiert sich hieraus der Begriff Vorintegration? Ist Sprache gleich Integration oder eben nur Grundlage für diese? Ab wann sprechen wir von Integration? Bedeutet es, die eigene Identität zugunsten von Integration aufzugeben?

Die Reisen in fünf Länder und die Gespräche mit den Menschen, die mir während dieser Zeit begegnen, an den Goethe-Instituten, im Flieger, im Hotel oder auf der Straße, zeigen mir wieder einmal, dass es kein absolutes Bild gibt, weder von dem, was Leben bedeutet, noch von der Liebe und eben auch nicht von dem, was wir als Integration bezeichnen. So unterschiedlich wie jedes Land ist seine Kultur, seine Tradition, seine Sprachen, seine Menschen mit all ihrem Erlebten, ihren Träumen und Wünschen und ihrer mitunter eigenen Definition von Liebe. Nach vielen Gesprächen ist aber auch klar, Integration bedarf Sprache. Eine Erkenntnis, die mir durchaus nicht fremd war, deren Bedeutung ich mir auf meiner Reise jedoch immer wieder bewusst werde.

Ich stehe in Yaoundé am Straßenrand und versuche, eines der gelben Sammeltaxis anzuhalten, das mich zu meinem Hotel bringen soll. Ich spreche kein Französisch. Auf einem kleinen Zettel habe ich mir Namen und Bezirk des Hotels notiert. Ein Taxi nach dem anderen hält und ich versuche, mich erst auf Englisch, dann mit zwei, drei französischen Worten verständlich zu machen. Zu guter Letzt ziehe ich meinen kleinen Zettel zur Hilfe und halte ihn den Taxifahrern unter die Nase. Dann folgt ein Kopfschütteln und sie fahren weiter. Es kratzt an meinem Ego, dass ich hier am Straßenrand stehe, nicht in der Lage, selbstständig ein Taxi zu finden, das mich ans Ziel bringt.

Die Unfähigkeit zu kommunizieren, beraubt mich in jedem der fünf Länder meiner Selbstständigkeit, auf die ich sonst stolz bin. Ich oute mich als Fremder. Bleibe außen vor. Natürlich könnte man sagen, dass eine Reise von einigen Tagen nicht zwangsläufig voraussetzt, die Sprache des jeweiligen Landes sprechen zu müssen. Und mit Sicherheit bliebe ich weiterhin eine Fremde, auch wenn ich in der Lage wäre, eine einfache Konversation zu führen. Dennoch nimmt mir die Tatsache, mich nicht verständlich machen zu können, entscheidende Momente: den Austausch, ein kurzes Gespräch am Straßenrand – Dinge, die einem ein Land näherbringen.

Auf meinen Reisen möchte ich herausfinden, wer die Menschen sind, die von der Gesetzeslage betroffen sind. Welche ganz persönliche Geschichte steht hinter jeder abgelegten Prüfung? So unterschiedlich wie die Menschen sind dann auch ihre Geschichten. Die Herausforderungen, die die neue Sprache mit sich bringt, Rückschläge und Schwierigkeiten beim Lernen ähneln sich weitaus mehr. Dabei betrachtet niemand das Gesetz wirklich kritisch. Irgendwie hatte ich erwartet, auf differenzierte Stimmen oder so etwas wie Unverständnis zu stoßen. Während ich in Marokko mit Mourad am Strand entlanggehe, erzählt er mir, was das Gesetz für ihn bedeutet. Natürlich bringe der Sprachnachweis zusätzlichen Stress, finanzielle und psychische Belastung mit sich. Gleichzeitig findet er es gut und wichtig, die Sprache zu lernen. Im Wesentlichen geht es für Mourad allerdings um Gleichberechtigung, die Freiheit, selbstbestimmt wählen zu können, wo er leben möchte. Und so sieht er den Sprachnachweis auch nur als eine von vielen Auflagen, die es zu erfüllen gilt, um einen Schritt tun zu können, der für Europäer einfacher und von weitaus weniger Hürden begleitet ist.

Immer wieder versuche ich Position zu beziehen. Frage mich, was ich von dem Gesetz halten soll. Ich schwanke, fühle mich wie ein Fähnchen im Wind, dass je nach Wetterlage die Richtung ändert. Klar ist nichts. Windstill. Ich hänge. Ich frage mich jetzt, wie auch zu Beginn meiner Arbeit: Was will dieses Gesetz? Dient es wirklich dazu, Menschen auf Deutschland vorzubereiten, ihnen den Einstieg und das Leben hier zu erleichtern? Stehen finanzieller, zeitlicher und logistischer Aufwand, die psychische Belastung und der Stress in Relation zu dem, was es ihnen bringt? Oder steckt dahinter viel mehr die Idee, zukünftigen Einwanderern ein entsprechendes Profil zu geben, nicht allzu speziell und anspruchsvoll, aber durchaus gewissen Mindestanforderungen entsprechend?

Es sind die immer gleichen Fragen, die mich während meiner Reise, den Gesprächen und Interviews beschäftigen und auf die ich bisher keine Antwort finden konnte. Dass die Sprache, mit der ich aufgewachsen bin, eine schwere Sprache ist, das ist mir jetzt klarer als je zuvor. Artikel, Verbkonjugationen, Intonation schallt es mir entgegen wie ein Echo. Insgeheim bin ich froh, Deutsch nicht als Fremdsprache lernen zu müssen. Umso mehr ziehe ich meinen Hut vor all denen, die es tun, weil sie müssen oder möchten oder eben beides.

Es ist ein Freitagabend im Oktober. Eine E-Mail von Pascal aus Kamerun liegt in meinem Postfach. Ihn traf ich Anfang August in Yaoundé. Er schreibt mir aus Deutschland:

„Ich bin jetzt in Berlin. Ich bin am Samstag nach Deutschland geflogen. Das Wetter ist ein bisschen kalt. Ich bin sehr glücklich mit meiner Frau. Ich wünsche dir einen schönen Abend. Bis bald. Pascal“

Astrid Dill
Die Fotografin Astrid Dill wurde 1983 in Fulda geboren. Nach einer Ausbildung zur Fotografin folgte von 2006 bis 2010 ein Fotografie-Studium an der Hochschule München. Seit 2008 arbeitet sie als freie Fotografin im Bereich Porträt- und Dokumentarfotografie. Für dokumentarische Arbeiten und freie Projekte mit NGOs, Tänzern und Musikern reist sie seit Anfang 2010 immer wieder nach Ostafrika/Uganda.

„Es ist die Lust zu reisen, zu sehen und zu verstehen. Es sind die Menschen, ihre Geschichten und Emotionen, die mich faszinieren. Die Fotografien sind meine Sicht der Dinge, meine persönliche Wahrnehmung und dabei keinesfalls objektiv.“

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