Marie Claire

Marie Claire (Yaoundé)


Der Regen am Morgen hat die rote Erde aufgeweicht. Auf dem Markt in Yaoundé schieben sich die Menschen vorbei an zahllosen Verkaufsständen durch die matschigen Gassen. Plötzlich ist Musik zu hören. Von Trommeln begleitet beginnt eine Gruppe junger Männer, mitten im Gedränge zu singen. Der ganze Markt stimmt ein. Marie Claire hinter ihrem Stand singt lauthals mit.

Als sie den Deutschkurs am Goethe-Institut besuchte, konnte die junge Frau nur halbtags auf dem Markt arbeiten. Oft litt sie unter dem Gefühl, ihre beiden Töchter im Alter von drei und sieben Jahren zu vernachlässigen. Im Kurs hat sie viel Neues erfahren, zum Beispiel über die Korrektheit der Deutschen. „Sie halten sich an Entscheidungen“, meint die 29-Jährige. Die Sprache zu lernen, betrachtete sie auch als Liebesbeweis für Rainer, ihren Verlobten, der den Kurs bezahlt hat. Sie lernte den 48-Jährigen über das Internet kennen. Mit ihm habe sie die wahre Liebe gefunden, glaubt sie, auch weil er, anders als viele Männer in Kamerun, ihre Kinder akzeptiere. Einen Monat nach ihrem ersten Treffen ließ er sich von seiner damaligen Frau scheiden. Dann kam der Schock: Am Tag nach der mündlichen Prüfung teilte Rainer Marie Claire mit, er sei herzkrank und wisse nicht mehr sicher, ob er sie heiraten könne. Es sei vielleicht besser, sie bliebe in Yaoundé. Marie Claire war verzweifelt.

Als vor acht Jahren ihr Vater starb, hatte ihre Mutter die Familie Hals über Kopf verlassen. Marie Claire war nun als die Älteste für ihre fünf jüngeren Geschwister verantwortlich. Obwohl er selbst elf Kinder von zwei Frauen hatte, nahm ihr Onkel sie und ihre Geschwister bei sich auf. Kurze Zeit später wurde Marie Claire schwanger. Sie brach das Gymnasium ab, ein Jahr vor dem Abitur, und begann, auf dem Markt Miondo zu verkaufen, eine kamerunische Spezialität aus Maniok. Damit kann sie sich und ihre Familie ernähren, wenigstens das ist im Moment sicher. In ihren Augen ist alles, was geschieht, Gottes Plan.

Marie Claire steht neben den Musikern. Sie hat ein Lächeln auf den Lippen, klatscht in die Hände und scheint für einen seltenen Moment völlig unbeschwert.

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