Moussa & Katy

Moussa & Katy (Hamburg)


Es ist ein Wunder, dass Moussa Katy überhaupt wahrnahm. Sie stand immer in der letzten Reihe, wenn Moussa seine Schüler im Fitnessstudio in Bamako, der Hauptstadt Malis, unterrichtete. Aerobic, Bauch-Beine-Po und Body-Pumper – vergeblich versuchte Katy, den Übungen im Rhythmus der Musik zu folgen. „Sie war zu Beginn keine talentierte Kundin“ berichtet Moussa. „Aber ich habe mich nach vorne gearbeitet“, kontert Katy. Nach ein, zwei Monaten schwang sie selbstbewusst in der ersten Reihe die Beine. Aber da hatte Moussa sie schon längst entdeckt.

Katy lebte seit zwei Jahren als Beraterin für Entwicklungszusammenarbeit in Mali. Vorher hatte sie sieben Jahre in Burkina-Faso und in Tunesien gearbeitet, hatte ein Jobanagebot für Kongo-Kinshasa. Aber die Liebe zu Moussa kam dazwischen. „Das wahre Abenteuer lag nicht in Kongo-Kinshasa, sondern darin, mit Moussa nach Deutschland zu gehen“ sagt Katy über ihre Odyssee, die damals begann.

Aus der geplanten Hochzeit in Deutschland wurde erst einmal nichts, die Deutsche Botschaft in Mali durfte die notwendigen Urkunden nicht legalisieren. Kurz entschlossen heirateten sie deshalb in Dänemark. Nach einem Bürokratie-Marathon in Mali erhielt Moussa ein zeitlich begrenztes Visum für Deutschland.

Am Goethe-Institut in Hamburg begann er nun, Deutsch zu lernen. Er hatte bereits Bambara, die Nationalsprache Malis, und Französisch gelernt, aber nur über das Hören und Sprechen. Nomen, Adjektiv, Verb, Satzzeichen – alles das war neu für ihn. Immer wieder schrieb er die Sätze, die er sprach, und sprach die Sätze, die er schrieb, jeden Tag, bis weit nach Mitternacht. Auf dem Weg vom Goethe-Institut wendete er das Gelernte gleich an, fragte verdutzte Fahrgäste in der U-Bahn nach ihrem Namen und wollte wissen, was sie am Vortag gegessen hatten. Der entscheidende Tag kam, Moussa bestand die mündliche Prüfung problemlos – und fiel bei der schriftlichen durch. Unsicher, wie er war, hatte er seine Antworten auf den Fragebogen statt auf den Antwortbogen geschrieben. Beim zweiten Anlauf bestand Moussa die Prüfung. Nun galt es also nur noch, das Visum zu beantragen. Nur noch?

Durch eine Gesetzesänderung können Ehegatten, die in Dänemark geheiratet haben, ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr von Deutschland aus beantragen, sondern müssen dies von ihrem Heimatland aus tun. Moussa flog also wieder nach Mali, Katy konnte ihn zeitweise besuchen. Nun begann das bislang größte Abenteuer in ihrer gemeinsamen Geschichte.

Zuerst erkannte die Deutsche Botschaft die Abschrift von Moussas Geburtsurkunde nicht an. Weil das Original während des Bürgerkriegs verbrannt war, war auch die Abschrift nicht mehr gültig, denn deren Echtheit konnte nicht mehr festgestellt werden. In letzter Minute erinnerte sich Katy an ein Dokument – alt, abgegriffen, kaum lesbar –, das sie in Deutschland gelassen hatten. In Hamburg durchsuchte Katys Familie fieberhaft Moussas Sachen und fand das Dokument schließlich.

Das Verfahren wurde erneut aufgenommen. Um die Geburts- und Sterbeurkunde seines Vaters zu beschaffen, sollte Moussa nun tief in seine Familiengeschichte eintauchen. Die Reise, die Katy und Moussa eigentlich in die Zukunft führen sollte, wurde zu einer Reise in die Vergangenheit. Moussa war das einzige Kind seiner Mutter gewesen, sein Vater hatte jedoch, wie er nun staunend erfuhr, viele Kinder von unterschiedlichen Frauen gehabt. Er erinnert sich an Besuche bei unzähligen Verwandten, die aus verstaubten Truhen und Koffern Dokumente zogen. Mit deren Hilfe konnte Moussa in detektivischer Kleinarbeit das Leben und den Tod seines Vaters, der 2001 in Äquatorial-Guinea verstorben war, rekonstruieren. Dann begann das Warten und Hoffen. Katy erfuhr als Erste von der Ausländerbehörde, dass eine Entscheidung gefallen war, aber nicht welche. Die gute Nachricht erhielt Moussa dann ein paar Stunden später von der Botschaft in Bamako.

Damit ist Moussas und Katys Odyssee beendet. Ihr Abenteuer jedoch noch lange nicht.

Links zum Thema