Integrationsdebatte

Wir sind Neudeutsche

Der Verein „Typisch Deutsch“ unterteilt nicht in Deutsche und Migranten sondern in Alt- und Neudeutsche. Foto: © Typisch Deutsch e. V.Der Verein „Typisch Deutsch“ unterteilt nicht in Deutsche und Migranten sondern in Alt- und Neudeutsche. Foto: © Typisch Deutsch e. V.Ihre Eltern kommen aus der Türkei, Ghana oder Korea und den Begriff Menschen „mit Migrationshintergrund“ mögen sie gar nicht. Die Mitglieder des Vereins „Typisch Deutsch“ sagen lieber „Neudeutsche“ und wollen das Deutschsein neu definieren.

Am Anfang stand lediglich die Idee, ein Video zu drehen – ein Video mit Menschen, die ganz verschieden aussehen, sich aber als Teil der deutschen Gesellschaft verstehen. Diese Idee hatte die Berlinerin Sezen Tatlici, die die ständige Debatte um die „Integration“ von „Menschen mit Migrationshintergrund“ satt hatte. „Ich bin doch längst Teil dieses Landes“, sagt die 28-Jährige mit türkischen und arabischen Wurzeln. Sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat Wirtschaft studiert und arbeitet für den deutschen Medienkonzern Bertelsmann. Für Politiker wäre sie ein Paradebeispiel der gelungenen Integration. Tatlici würde das nicht so gern hören. Dass sie immer noch zu den „Menschen mit Migrationshintergrund“ zählt, kann sie überhaupt nicht nachvollziehen und wollte etwas dagegen tun.

Typisch Deutsch

Das Logo des Vereins.  Foto: © Typisch Deutsch e. V.Für das Video hat sie Freunde und Bekannte zusammengetrommelt, denen es auch so geht – engagierte, junge Menschen, deren Eltern aus Ghana, der Türkei, Korea, Afghanistan und Deutschland stammen. Jeder Einzelne schaut in die Kamera und stellt sich vor: „Ich heiße Max Pöppel, und ich bin typisch deutsch. Ich heiße Martin Hyun, und ich bin typisch deutsch. Ich heiße Abdullah Ince, und ich bin typisch deutsch“. Außerdem: Joshua Lupemba: typisch deutsch, Bahar Naghavi: typisch deutsch, Sabrina Corsi: typisch deutsch, Sezen Tatlici: typisch deutsch. Den kurzen Film stellten sie ins Internetportal Youtube. Er wurde ein Renner, und die vielen positiven Reaktionen brachten die Videomacher auf die Idee, den Verein Typisch Deutsch zu gründen.

Das war Anfang 2011. In den Monaten davor hatte eine Debatte über die angeblich mangelnde Integrationswilligkeit von Migranten die Gesellschaft beschäftigt. Der Verein wollte dem negativen Bild etwas entgegensetzen. „Wir finden, dass vieles besser läuft, als es dargestellt wird“, sagt Sezen Tatlici, die lieber auf Gemeinsamkeiten aufbauen möchte. Über diese wird nämlich selten gesprochen. „Der Begriff ‚Integration‘ ist an sich falsch“, sagt Tatlici. „Er geht von ‚wir‘ und ‚die‘ aus. ‚Die‘ sind außerhalb und müssen sich einfügen.“

Neudeutsche und Altdeutsche

Gruppenfoto des Vereins.  Foto: © Typisch Deutsch e. V.Der Verein unterteilt nicht in Deutsche und Migranten sondern in Alt- und Neudeutsche. Neudeutsch sind alle, die zwar ausländische Wurzeln haben, aber ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland sehen. Wer hier lebt, gehört dazu. Das sei die Grundlage ihrer Arbeit, so Tatlici. Und, wer sich dazugehörig fühlt, der wird von ganz allein die Sprache lernen und an der Gesellschaft teilhaben wollen – davon ist sie überzeugt. Genauso wie Joshua Lupemba, der stellvertretende Vorsitzende des Vereins. „Deutschland braucht eine Kultur des Willkommens“, sagt der 25-Jährige, dessen Eltern aus Ghana stammen. „Nur das schafft eine Atmosphäre, in der die Menschen sich engagieren wollen.“ Lupemba ist Pastor in Schöneberg und hat jahrelang an Schulen Workshops mit einem Gospelchor durchgeführt. Er kennt die Stimmung auf den Schulhöfen: Ablehnung, Enttäuschung, negative Vorstellungen vom Deutschsein. „Auch wir wurden schon verletzt und enttäuscht“, sagt er, „doch das bedeutet nicht, dass alle Altdeutschen so sind. Wir sagen trotzdem: Wir sind alle eins.“ Die meisten der 70 Mitglieder des Vereins sind altdeutsch. Schließlich sollen alle an einem Tisch sitzen, egal welcher Religion und Herkunft.

Die Mitglieder von Typisch Deutsch sehen den ersten Schritt auf dem Weg zu einem verantwortungsvollen Zusammenleben darin, Positives zu vermitteln und Jugendlichen zu zeigen, dass sie auch dazu gehören. Auch sie sind deutsch – neudeutsch. Die Mitglieder gehen an Schulen in Berliner Problembezirken, dahin, wo der Anteil der Kinder mit „Migrationshintergrund“ sehr hoch ist und sprechen mit den 15- und 16-Jährigen. „Wir sagen den Schülern aber nicht, dass sie Verantwortung übernehmen müssen“, sagt Tatlici. „Sie kommen selbst darauf. Wenn du ihnen zuhörst, öffnen sie sich und hören auch dir zu.“

Was bist du?

Neudeutsche: Wer hier lebt, gehört dazu.  Foto: kudryashka © 123RFZum Einstieg sprechen sie mit den Schülern über deren Deutschlandbild. Das reicht von positiv bis negativ, von Dankbarkeit bis zu Enttäuschung. Oft fallen Sätze wie: „Die wollen uns nicht.“ Oder: „Meine Oma war schon hier, meine Eltern auch, warum fragen mich Leute immer noch, warum ich so gut Deutsch spreche?“ Aber auch: „Ich bin dankbar, weil Deutschland mir alles gegeben hat.“ Die Frage „Was bist du?“ ist für manche Jugendliche ganz einfach: Türke, Russe, Albaner antworten sie schnell. Und wonach sehnen sie sich, wenn sie drei Wochen in der Türkei oder in Albanien sind? Ach, Berlin? Ja, sind sie dann nicht deutsch? Neudeutsch? Die Mitglieder des Vereins sprechen mit ihnen über die Gesellschaft und darüber, wer Teil von ihr ist. Mit Spielen lenken sie den Fokus langsam auf die Schüler selbst. Tatlici und Lupemba finden es erstaunlich, wie positiv die Jugendlichen reagieren. „Die meisten bedanken sich, dass wir ihnen zugehört haben“, sagt Tatlici.

Auch zu Podiumsdiskussionen und Vorträgen wurden die Neudeutschen bereits eingeladen. „Die Politiker sagen, dass wir ein neues Paradigma einleiten“, sagt Sezen Tatlici. Dabei sei Typisch Deutsch nicht kompliziert. „Wir vermitteln einfach Positives. Das öffnet die Tür für Veränderung.“

Katja Hanke
ist freie Journalistin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2013

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