Integrationsdebatte

Die Beschneidung, die Richter und das Gesetz – ein Gespräch mit Ilhan Ilkiliç

Die Beschneidung Jesu, Detail, Guido Reni um 1635-1640, Foto: public domain Die Beschneidung Jesu, Detail, Guido Reni um 1635–1640, Foto: public domain
Die Beschneidung Jesu, Detail, Guido Reni um 1635–1640, Foto: public domain

Im Juni 2012 wertete das Kölner Landgericht Beschneidung von Jungen als Körperverletzung. Daraufhin entstand eine hitzige Debatte um Religionsfreiheit und körperliche Unversehrtheit, religiöse Tradition und bürgerliche Gesellschaft. Inzwischen hat der Bundestag ein Gesetz zur Beschneidung verabschiedet, das sie bei Einhaltung medizinischer Standards erlaubt. Goethe.de sprach darüber mit dem Mediziner und Islamwissenschaftler Ilhan Ilkiliç.

Herr Dr. Ilkiliç, wie haben Sie die nun ja schon etwas zurückliegende Debatte in Deutschland nach dem Urteil des Kölner Landgerichts gegen die Beschneidung erlebt?

Mich hat schon negativ überrascht, wie polemisch und polarisierend sie geführt wurde. Es ging weniger um die Sache, als vielmehr um grundsätzliche Gegnerschaft. Da war die eine Seite schnell mit der Holocaust-Keule dabei, die andere sah lauter vormoderne Barbarei. Das hätte ich so in der aufgeklärten deutschen Szene nicht erwartet.

Projizierte Spannungen

Sehen Sie im Nachhinein Gründe dafür?

Offensichtlich sind vorher schon vorhandene grundlegende Spannungen zwischen den Religionen und Weltanschauungen auf dieses Thema projiziert worden. Ich habe etwa ein Interview gegeben, das im Internet veröffentlicht wurde. Das wurde innerhalb kurzer Zeit achtzig Mal kommentiert – leider war der überwiegende Teil der Kommentare offen ausländerfeindlich und rassistisch.

Ist das jetzt von der Bundesregierung beschlossene Gesetz zur Beschneidung eine tragfähige Lösung?

Ich denke schon. Insbesondere aus muslimischer Perspektive kann man damit leben. Es gibt allerdings eine Sonderregelung für die jüdische Seite. Danach darf auch ein Beschneider, der kein Arzt ist, Säuglinge unter sechs Monaten beschneiden. Diese Klausel ist weder juristisch noch medizinisch wirklich zu begründen. Es geht ja darum, dass immer die höchsten medizinischen Standards einschließlich der professionellen Schmerzvermeidung eingehalten werden; da sollte kein Unterschied zwischen einem sechs Tage alten Säugling und einem sechs Jahre alten Kind gemacht werden.

Wird sich die jüdische und muslimische Beschneidungspraxis durch die Debatte und das Gesetz verändern?

Eher nicht. Schon bisher haben die Eltern die Beschneidung privat bezahlt; das wird so bleiben, wenn es keine medizinische Indikation gibt. Die hygienischen und medizinischen Standards sind jetzt gesicherter. Ich glaube nicht, dass dies zu dem bei einem Verbot befürchteten Beschneidungstourismus führen wird. Die Eltern der zweiten und dritten Einwanderergeneration begrüßen eher die hier gegebenen Standards, sie werden diese oft auch einer Beschneidung im Heimatland der Familie vorziehen.

Fehlendes Verständnis

Sie lehren jetzt in Istanbul. Gibt es in der Türkei eine vergleichbare Diskussion?

Ich habe auch schon während der Debatte in Deutschland die Berichterstattung in den türkischen Medien verfolgt. Sie reagierten leider spiegelbildlich genauso unsachlich und polemisch wie ich es in Deutschland erlebte. Man nahm das Urteil des Kölner Gerichts einfach als Beleg dafür, wie anti-islamisch Deutschland – und Europa insgesamt – sei.

Auch unter Kollegen habe ich wenig Verständnis für die Debatte gefunden, einfach weil man die Knabenbeschneidung als selbstverständlich empfindet. Ich dagegen nehme das juristische Argument, dass Beschneidung immer auch eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit darstellt, durchaus ernst. Man muss das Problem und seine Lösung bewusst machen. Wenn ich das so erkläre, stoße ich durchaus auf Verständnis. Aber die Boulevardpresse ist weder in der Türkei noch in Deutschland an solch einer Differenzierung interessiert.

Dr. (TR) Dr. Ilhan Ilkiliç ist Mediziner, Philosoph und Islamwissenschaftler. Er war Dozent am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Mainz und ist zurzeit an der Medizinischen Fakultät der Universität Istanbul als Associate Professor tätig.

Gregor Taxacher
stellte die Fragen. Er ist Theologe und arbeitet als Redakteur des Westdeutschen Rundfunks sowie als freier Autor (Schwerpunkt unter anderem: Christentum, Judentum und Islam) in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2013

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