Integrationsdebatte

Im Flüchtlingslager, in Istanbul: Überall ist Kunst

Quelle: Still aus dem Video „Searching Traces“, einer Dokumentation von Sabine Küper-Büsch und Thomas Büsch des vom Goethe-Institut unterstützten Videoworkshops mit syrischen KünstlerInnen in Istanbul (mit Videos von Moawia Shannan, Mais Mhd, Renas Mele,
Quelle: Still aus dem Video „Searching Traces“, einer Dokumentation von Sabine Küper-Büsch und Thomas Büsch des vom Goethe-Institut unterstützten Videoworkshops mit syrischen KünstlerInnen in Istanbul (mit Videos von Moawia Shannan, Mais Mhd, Renas Mele, Hossam Abuu Ali, Mohamad Fares, Bassel Halabi.)


Die Türkei ist im Füchtlingsausnahmezustand, fast zwei Millionen Syrer haben hier vor Gewalt und Krieg Zuflucht gesucht. Darauf reagiert auch das Goethe-Institut und versucht, mit Theaterworkshops, Filmprojekten und Sprachkursen Kulturarbeit für Flüchtlinge zu leisten.

„Eine Flüchtlingskatastrophe von lange nicht gekanntem Ausmaß“ nennt der Leiter des Goethe-Instituts in Istanbul, Christian Lüffe, die Situation im Land. Viele wollen bloß durchreisen, manche bleiben, andere kommen nach; alle wollen versorgt sein, mit dem Nötigsten, aber fast genau so wichtig: Mit Kultur.

Das Goethe-Institut unterstützt deshalb Kinder und Jugendliche in Flüchtlingslagern in der Osttürkei, 20 Kilometer von der syrischen Grenze, die dort in desolaten Verhältnissen leben: Für sie sind die Theaterprojekte ein Lichtblick, der sie stärken kann. In Istanbul hingegen bietet das Institut Filmprojekte und Workshops für geflohene Filmemachern und Künstlern an, sowie Sprachkurse für jene Flüchtlinge, die bereits Aufenthaltstitel für Deutschland erhalten haben. Institutsleiter Christian Lüffe erzählt.

Herr Lüffe, in Istanbul und anderen Städten der Türkei kam es im August zu einer Anschlagserie. Wie ist die Lage im Institut?

Christian Lüffe: Angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen müssen wir täglich neu abwägen: Mit den Mitarbeitern unseres Partners in Mardin in der Osttürkei, der NGO Her Yerde Sanat (Überall ist Kunst), stehen wir in ständigem Telefonkontakt. Derzeit scheint Mardin offenbar weniger gefährdet als andere Städte der syrischen und irakischen Grenzregion. Dennoch erschwert die momentane Gesamtsituation natürlich unsere Aktivitäten, weil die Genehmigungen dort immer neu eingeholt werden müssen.

Wie kann Kulturarbeit Flüchtlinge unterstützen?

Kultur kann etwas sehr Wichtiges, was häufig stark unterschätzt wird: Sie bringt die Menschen auf neue Gedanken und erfordert gestalterische Konzentration. So kann sie dazu beitragen, wieder kreativ zu werden und neue Perspektiven zu entwickeln. Musik zu machen, zu malen oder zu tanzen kann helfen, den alltäglichen Kreislauf der Gedanken zu durchbrechen und die „Traumastarre“ zu lösen.

Wo setzt das Goethe-Institut mit seiner Arbeit an?

Christian Lüffe, Institutsleiter des Goethe-Instituts Istanbul (Foto: Bettina Siegwart)Wir haben im Moment zwei Schwerpunkte gesetzt: Einen in der Osttürkei, 20 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, in einem Flüchtlingslager nahe der Stadt Mardin. Seit Dezember 2014 arbeiten wir dort vor allem mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Mardin hat etwa 150.000 Einwohner, 100.000 urbane Flüchtlinge sind dazugekommen. Darüber hinaus gibt es in der Nähe noch verschiedene Lager mit Tausenden von Flüchtlingen. Wir lassen uns bei allen Initiativen von Trauma-Experten beraten und arbeiten mit den Organisationen zusammen, die die Hilfe vor Ort koordinieren.

In Istanbul, wo ja eine grundlegend andere Situation herrscht, arbeiten wir vor allem mit Künstlern oder Filmemacherinnen, die aus Syrien fliehen mussten. Für sie bieten wir unter anderem Theaterworkshops und Filmprojekte an.

Wie ist die Situation im Flüchtlingslager?

Es gibt kaum Bäume und im Sommer ist es wahnsinnig heiß, aber selbst wenn jeder Familie nur 20 m² Wohnraum zur Verfügung stehen, gibt es zumindest Kleidung und Essen. Was die Bildung angeht, ist die Versorgung wesentlich schlechter: Es gibt ein Schulgebäude mit 10 Klassenräumen für etwa 1.500 Kinder. Außerdem dürfen die Flüchtlinge das Lager nur alle 14 Tage für sechs Stunden verlassen.

Und was tun sie konkret?

Wir organisieren zum Beispiel Hip-Hop Seminare mit einem deutsch-türkischen Rapper, bieten Musiktherapie an und in der zweiten Jahreshälfte auch einen traumapädagogischen Workshop für die Lehrerinnen und Lehrer im Lager. Geleitet wird dieser Workshop von einem Dozenten des Instituts für Folteropfer in Berlin, der kurdisch und arabisch spricht.

Außerdem arbeiten wir ja mit der in diesem Arbeitsfeld sehr erfahrenen NGO Überall ist Kunst zusammen, die in den Bereichen Zirkus, Musik und Kunstpädagogik mit Kindern aktiv ist. Gemeinsam mit dieser NGO laden wir seit mehreren Monaten regelmäßig Künstler wie zum Beispiel erfahrene Theaterpädagogen der Gruppe „Die Stelzer“ aus Landsberg/Lech ein, die im Flüchtlingslager Stelzenworkshops geben und mit den jungen Flüchtlingen Inszenierungen erarbeiten.

Bayrische Stelzenworkshops in einem türkischen Flüchtlingscamp?

Auf jeden Fall! Zwei, drei Dozenten gehen hin und treffen sich mit einer Gruppe von Jugendlichen. Wir arbeiten nach dem Prinzip „Train the Trainer“, bringen also diesen Jugendlichen das Stelzenlaufen bei, später geben sie ihre Kenntnisse dann im Camp weiter. Sie üben den ganzen Tag, schneidern Kostüme, für die wir das Material mitbringen, und inzwischen gibt es Aufführungen und Paraden in Mardin und auch in den Nachbarstädten. Besonders freut uns, dass die Mardin Giants, wie sie sich neuerdings nennen, inzwischen zu einem Jugend-Zirkus-Festival nach Istanbul eingeladen wurden.

Warum ausgerechnet Stelzen?

Für viele Jugendliche ist es ein besonderes Gefühl, sich einen Meter fünfzig über dem Rest der Menschen zu befinden, die Lage aus der Vogelperspektive zu betrachten. Auch die Freude, die die Vorführungen bei den kleineren Kindern im Camp auslöst, und die Begeisterung der erwachsenen Zuschauer stärkt das Selbstbewusstsein der jungen Artisten. Andere gehen die Sache eher pragmatisch an: Sie haben sich darauf spezialisiert, ihre Stelzen dafür zu nutzen, Decken zu streichen, weil sie dann keine Leiter brauchen. Davon schicken sie uns dann ganz stolz Handyvideos.

Inzwischen lernen übrigens auch unsere bayrischen Dozenten von den Flüchtlingen, die ihre eigenen Traditionen mit den Stelzen verbunden haben: Junge Männer führen kurdische Volkstänze auf Stelzen auf und haben den Dozenten die Schritte gezeigt.

Begeistert beobachten die kleinen und großen Zuschauer die Vorführung im Camp Nusaybin

Wie sieht die Arbeit in Istanbul aus?

In Istanbul arbeiten wir mit der syrisch-türkischen Institution Diyalog zusammen, an der auch zwei deutsche Journalisten und Filmemacher beteiligt sind, die häufig im syrisch-irakischen Krisengebiet arbeiten. Im Zentrum dieser Initiative stehen vor allem junge Künstlerinnen und Künstler, die aus Syrien geflohen und jetzt gezwungen sind, für längere Zeit in Istanbul zu bleiben. In Filmworkshops arbeiten sie ihre eigene Flüchtlingsgeschichte unter dem Titel „Searching Traces“ auf – teils satirisch, teils dokumentarisch. Andere beteiligen sich an Tanz- oder Theaterworkshops.

Mindestens genauso wichtig ist uns aber die sprachliche Vorbereitung der Flüchtlinge, die bereits in deutschsprachigen Gebieten eine Aufenthaltserlaubnis erhalten haben. Das Flüchtlingshilfswerk der UNO, mit dem wir in Istanbul eng zusammenarbeiten, vermittelt uns diese Flüchtlinge und wir hoffen, ihnen mit unseren Kursen das Ankommen in Deutschland sprachlich und kulturell zu erleichtern.

Wie erleben Sie die Situation der jungen Künstlerinnen und Künstler?

Wir sprechen hier von jungen Leuten, die künstlerische Ambitionen haben und vor ihrer Flucht in Syrien zum Beispiel Film, Tanz, Kunst oder Theater studiert haben. Einer der Teilnehmer unserer Filmworkshops hat zum Beispiel bei dem Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig einen Preis gewonnen. Viele von ihnen sehen die Türkei aber auch als Zwischenstation und möchten in andere Länder. Eine junge Filmemacherin, mit der wir gearbeitet haben, ist gerade nach Wien gegangen. Ein anderer Künstler ist inzwischen in Griechenland. Dauerhaft etwas aufzubauen, ist schwierig. Viele machen sich große Sorgen, wie es weitergeht.

Workshops für Künstler, die fliehen mussten – ist das nicht ein Tropfen auf den heißen Stein?

Die Antwort lautet ganz klar „ja“. Aber die Lösung kann nicht sein, deswegen gar nichts zu unternehmen. Jede NGO, die auf diesem Gebiet arbeitet, auch die klassisch-humanitären Hilfsorganisationen – und wir treffen uns alle einmal im Monat in Istanbul, um Arbeitsfelder abzustecken und Synergien auszuloten – ist sich bewusst, dass sie nur einen Bruchteil des eigentlich Notwendigen abdecken kann. Sehr viele Initiativen engagieren sich, jede in dem Bereich, in dem sie etwas tun kann – aber es bleibt eine Flüchtlingskatastrophe von lange nicht gekanntem Ausmaß. Das sehen wir in den Straßen von Istanbul jeden Tag.

Was hoffen Sie für die Zukunft?
Wir versuchen, für unsere Projekte noch zusätzlich Drittmittel einzuwerben. Die ersten Privatinitiativen machen auch schon mit und bezahlen das eine oder andere Dozentenhonorar. Vor allem hoffen wir aber, dass wir trotz des leider wieder aufbrechenden kurdisch-türkischen Konfliktes weiterarbeiten können.

Mehrere Millionen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak suchen derzeit in der Türkei Schutz. Seit 2014 entwickelt das Goethe-Institut Türkei Projekte für Künstler, die fliehen mussten oder Angebote in der kulturellen Bildung für Kinder und Jugendliche. Grundlage ist dabei stets, dass die Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak in die Entwicklung der Angebote einbezogen werden.


Die Fragen stellte Sonja von Struve

September 2015

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