Integrationsdebatte

Integration in den Arbeitsmarkt – Arbeitgeber und Arbeitnehmende geben Antworten

Gute Sprachkenntnisse erleichtern die Integration am Arbeitsplatz. | Foto: © fotolia / industrieblick

Was brauchen ausländische Arbeitnehmerinnen und -nehmer in puncto Sprache wirklich? Welche Vorstellungen haben sie und ihre Unternehmen über das berufliche Fortkommen? Eine Umfrage in Deutschland, Italien und Portugal gibt interessante Einblicke in die Bedürfnisse und Einstellungen von migrierten Arbeitnehmerinnen und -nehmern.

Der Europäische Integrationsfond hat das transnationale Projekt Formazione, Lavoro e Integrazione gefördert. Im Rahmen dieses Projekts befragten vier europäische Sprachkurs- und Prüfungsanbieter – das Sprachzentrum der Università per Stranieri di Perugia, das Cambridge English Language Assessment, das Goethe-Institut und das Sprachzentrum der Universidade de Lisboa – ausländische Arbeitnehmende und ihre Unternehmen zur Integration in den Arbeitsmarkt. Ziel der Befragung war es, Maßnahmen zu identifizieren, mit denen die Integration am Arbeitsplatz besser gelingen kann. Die Ergebnisse zeigen, dass sich in den drei europäischen Staaten die Herausforderungen der Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt ähneln. Die Umfrage bestätigt, dass sowohl die Sprachkenntnisse als auch die Bereitschaft zur beruflichen Aus- und Weiterbildung für Migranten von fundamentaler Bedeutung sind, wenn es darum geht, eine Stelle zu finden, berufsrelevante Fähigkeiten zu erweitern und sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
 
In der qualitativ und quantitativ angelegten Studie wurden ein Fragebogen für die Arbeitgeberseite und ein anderer für die Arbeitnehmerseite verwendet. Bei den Arbeitnehmerinnen und -nehmern handelte es sich um Zuwanderer aus Ländern jenseits der Europäischen Union. Die meisten kamen aus der Türkei, Russland, Vietnam, Sri Lanka und dem Kosovo. An der Umfrage haben sich Unternehmen aus dem Baugewerbe, der Industrie, dem Gastgewerbe und dem Dienstleistungssektor beteiligt. Dank ihrer Unterstützung wurden insgesamt 319 Fragebögen in Deutschland, Italien und Portugal ausgewertet. In Deutschland nahmen 117 Arbeitnehmende und sieben Arbeitgeberinnen oder Arbeitgeber an dieser Befragung teil. Nach der empirischen Auswertung in Fokusgruppen evaluierten die vier Institutionen gemeinsam mit Vertretern der Agentur für Arbeit sowie mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Ergebnisse.

117 Arbeitnehmerinnen und -nehmer wurden in Deutschland befragt. | Foto: © Goethe-Institut

Wie wichtig sind Deutschkenntnisse?

Die Landessprache zu beherrschen ist die wichtigste Voraussetzung für eine Jobzusage. Dabei stufen die Befragten die Sprachkenntnisse, die für den Arbeitsalltag gebraucht werden, als besonders wichtig ein. Die mit Abstand wichtigsten Ratschläge der  befragten Arbeitnehmenden für andere Arbeitssuchende sind die „Landessprache zu erwerben", gefolgt von „Gesetze zu respektieren" sowie „Isolation zu vermeiden".

Zwischen den beiden befragten Gruppen herrscht allerdings eine Diskrepanz zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung der vorhandenen Deutschkenntnisse. Die Mehrheit der Arbeitnehmerinnen und -nehmer hielt ihre Sprachkenntnisse in allen vier Fertigkeiten für „gut" oder sogar „sehr gut". 72 Prozent der Arbeitgeberinnen und -geber bezeichneten diese Kenntnisse dagegen nur als „ausreichend“. Einerseits lässt das auf möglicherweise überzogene Ansprüche der Arbeitgeberinnen und -geber schließen, andererseits auf Zweckoptimismus seitens der Arbeitnehmenden. Diese unterschätzen unter Umständen die negative Wirkung von geringen Sprachkenntnissen.

Fertigkeiten – Ergebnis aus dem Fragebogen der Arbeitnehmenden | © Goethe-Institut

Laut Aussage des Leiters des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, Frank-Jürgen Weise, müssen Zuwanderer vor allem Sprechen und Lesen können. Dahingegen räumen die befragten Arbeitnehmerinnen und -nehmer neben der mündlichen Interaktion mit Kollegen und Vorgesetzen auch dem Hören einen hohen Stellenwert ein. Lesen, bis auf das Verständnis von Instruktionen sowie Warnhinweisen, und Schreiben halten sie für weniger relevant. Im Bereich Wortschatz bewertet ein hoher Anteil die Fachausdrücke als besonders wichtig.

Wie stellen Arbeitgeberinnen und -geber Die Sprachkenntnisse fest?

Die befragten Arbeitgeberinnen und -geber nannten das Bewerbungsgespräch als wichtigstes Instrument, um die Sprachkenntnisse der Bewerberinnen und Bewerber zu überprüfen. Sie verlassen sich bei der Einstellung von nicht-muttersprachlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kaum auf Zertifikate, die sie zu wenig kennen. Stattdessen überprüfen sie im persönlichen Gespräch selber, was Bewerberinnen und Bewerber sprachlich können.

Feststellung von Deutschkenntnissen – Ergebnis aus dem Fragebogen der Arbeitnehmenden | © Goethe-Institut

Diese Grundeinstellung mag für die Anbieter von international bekannten Sprachzertifikaten unverständlich sein. Trotzdem ist sie schwer zu beeinflussen. Deshalb sollten Sprachinstitutionen mehr Informationsmaterial zu den Sprachniveaus speziell für Unternehmen bereitstellen. Sie benötigen knappe Leitfäden, die relevante Aspekte der Sprachbeherrschung in den Mittelpunkt stellen.

Wo und wann können ausländische Arbeitnehmende ihre Sprachkenntnisse ausbauen?

Nachdem die staatliche Förderung in Form von Integrationskursen ausgelaufen ist, kommen betriebliche Angebote ins Spiel. In Deutschland gaben zwei Drittel der befragten Arbeitgeberinnen und -geber an, dass sie Weiterbildungsmaßnahmen anbieten. Allerdings haben sie teilweise unrealistische Vorstellungen davon, in welcher Zeit Fortschritte bei den Sprachkenntnissen erzielt werden können. Die Befragung macht deutlich, dass für die Arbeitnehmenden der Ort und der Zeitpunkt für die Weiterbildung ausschlaggebend sind. Die Befragten nehmen die Angebote nur gern und regelmäßig wahr, wenn sie während der Arbeitszeit durchgeführt werden. Die Gründe, nicht an ihnen teilzunehmen, sind unterschiedlich:

Weiterbildung am Arbeitsplatz – Ergebnis aus dem Fragebogen der Arbeitnehmenden | © Goethe-Institut

Empfehlungen für Unternehmen

Aus den gewonnenen Daten geht hervor, dass die Unternehmen gefordert sind, ihren ausländischen Arbeitnehmenden Möglichkeiten zur Weiterbildung im Bereich Sprache bereitzustellen. Idealerweise sollten es maßgeschneiderte Aufbaukurse sein, die das Unternehmen finanziert. Diese Kurse sollten in der Arbeitszeit und möglichst am Arbeitsplatz stattfinden.
Außerdem sollten die Kommunikationsbedürfnisse der Arbeitgeberseite und der Arbeitnehmerseite vor Beginn des Kurses identifiziert werden. Sprachtrainingsprogramme sollten sich an den Situationen und Aktivitäten orientieren, mit denen die Lernenden in ihrem Arbeitsalltag konfrontiert werden. Zukunftsweisend sind Kurse, die Sprachunterricht mit Inhalten der professionellen Weiterentwicklung oder Themen wie der Sicherheit am Arbeitsplatz koppeln.
Dr. Michaela Perlmann-Balme
arbeitet als Referentin für Prüfungsentwicklung und Leistungsmessung in der Abteilung „Sprache“ der Zentrale des Goethe-Instituts. Sie vertritt das Goethe-Institut in der „Association of Language Testers in Europe" (ALTE).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Redaktion Magazin Sprache
Oktober 2016

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