Integrationsdebatte

Wie steht es um die Integration von Zuwanderern in die deutsche Gesellschaft?

Informationsbroschüren (rechts in türkischer Sprache) für den Nationalen Integrationsplan; Copyright: picture-alliance/ dpaEin Schild weist den Weg zum zweiten Integrationsgipfel im Kanzleramt in Berlin (12.07.2007). Copyright: picture-alliance/ dpaIntegrationsprozesse gehören zum alltäglichen gesellschaftlichen Geschehen – mal unterstützt und oft auch unabhängig von den Zielen und Programmen staatlicher Integrationspolitik. Vor allem durch ihr eigenes Handeln sind Einwanderer ein fester Bestandteil dieser Gesellschaft geworden.

Dazu gehören Arbeitsmigranten und -migrantinnen aus den ehemaligen mediterranen Anwerbeländern, die schon seit Jahrzehnten hier leben, und ihre oft hier geborenen Kinder und Enkel ebenso wie Aussiedler und Flüchtlinge. Inzwischen hat sich für Menschen, die selbst zugewandert sind oder die als Kinder von Migranten in Deutschland geboren wurden, der etwas sperrige Begriff der Personen „mit Migrationshintergrund“ eingebürgert, der sowohl Ausländer als auch eingebürgerte Deutsche (allein zwischen 1997 und 2006 1,36 Millionen Menschen) und Aussiedler erfasst.

Migranten und Migrantinnen haben ökonomische Erfolge erzielt und dabei auch Nischen genutzt, soziale Netzwerke und zivilgesellschaftliche Strukturen aufgebaut. Solche Leistungen dürfen allerdings nicht über weiter bestehende Benachteiligungen, alltägliche Diskriminierung und oft fehlende Anerkennung hinwegtäuschen.

Eingeschränkte Berufschancen

Zentral für Integration ist der gleichberechtigte Zugang zur Erwerbsarbeit und zwar zu allen beruflichen Hierarchiestufen. Auch wenn unter den Migranten und Migrantinnen Softwareingenieure, Ärzte und Anwälte ebenso wie Unternehmer und Stahlarbeiter sind, nehmen sie im Durchschnitt eine erheblich schlechtere berufliche Stellung als Deutsche ohne Migrationshintergrund ein. Ausländer arbeiten immer noch etwa zur Hälfte als Arbeiter und Arbeiterinnen. Allerdings hat der früher in der Ausländerbeschäftigung dominierende Wirtschaftsbereich „Bergbau und verarbeitendes Gewerbe“ erheblich an Bedeutung verloren. Die Konzentration von Migranten im Bereich der Un- und Angelernten spiegelt immer noch die Anwerbepolitik der 1950er- und 1960er-Jahre wider. Entgegen dem teils verbreiteten Bild des „türkischen Gemüsehändlers“ sind Personen mit Migrationshintergrund immer noch – mit 9,6 Prozent der Erwerbstätigen – etwas seltener selbständig tätig als Deutsche ohne Migrationsgeschichte.

Während Asylbewerbern und geduldeten Flüchtlingen ohnehin nur ein beschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt gewährt wird, sind auch Migranten und Migrantinnen insgesamt von höherer Arbeitslosigkeit betroffen: 2006 betrug die Arbeitslosenquote unter Ausländern mit 23,6 Prozent mehr als das Doppelte der allgemeinen Quote (10,8 Prozent), und auch unter Aussiedlern und Aussiedlerinnen ist die Arbeitslosenquote überdurchschnittlich hoch. Migranten und Migrantinnen sind von strukturellen Veränderungen und Arbeitsplatzabbau besonders hart betroffen gewesen.

Stagnation beim Bildungsniveau

Informationsbroschüren (rechts in türkischer Sprache) für den Nationalen Integrationsplan; Copyright: picture-alliance/ dpaFür die beruflichen Chancen der nachwachsenden Generation ist deren schulische Qualifikation mit entscheidend. Zwar hat sich das Bildungsniveau der Migrantenkinder seit den 1980er-Jahren erhöht, doch ist dieser positive Trend Mitte der 1990er-Jahre einer Stagnation, in Teilbereichen sogar einer Verschlechterung, gewichen. Im Jahr 2005 erreichten von allen Schulabgängern und Schulabgängerinnen mit ausländischer Staatsangehörigkeit 8,2 Prozent das Abitur, während 17,5 Prozent von ihnen noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss in den Händen hielten – bei deutschen Staatsangehörigen waren es dagegen 25,7 bzw. 7,2 Prozent. Dass das deutsche Schulsystem seinen Bildungsauftrag eher schlecht erfüllt, haben insbesondere die PISA-Ergebnisse gezeigt.

Auch im Bereich der beruflichen Ausbildung gibt es eklatante Unterschiede: Der Anteil der 18- bis unter 21-jährigen Ausländern, die im Jahr 2006 eine berufliche Ausbildung absolvierten, lag bei 23%, bei Deutschen hingegen bei 53 Prozent. Auch bei vergleichbaren Schulnoten haben Migranten und Migrantinnen schlechtere Chancen auf eine Lehrstelle. An Universitäten sind Studierende mit Zuwanderungshintergrund ebenfalls immer noch unterrepräsentiert.

Um solche Differenzen zu erklären, können eine Reihe von Faktoren angeführt werden. Allgemein spielt die soziale Schicht eine gewichtige Rolle. Kinder und Jugendliche aus Arbeiterfamilien und sozial schwachen, bildungsfernen Elternhäusern haben geringere Bildungschancen. Und gerade Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund stammen in Deutschland besonders häufig aus solchen Familien. Als migrationsspezifischer Aspekt kommt hinzu, dass die schulischen Schwierigkeiten steigen, je später eine Zuwanderung erfolgt. Zentral für einen erfolgreichen Bildungsweg wäre vor allem eine effektivere Vermittlung deutscher Sprachkenntnisse. Insgesamt werden schlechtere Startbedingungen durch das deutsche Schulsystem bislang nicht ausreichend kompensiert.

Für die alltägliche und berufliche Kommunikation sind Sprachkenntnisse entscheidend. 80 Prozent der Aussiedler und 54 Prozent der Türken schätzen ihre mündlichen Deutschkenntnisse als gut oder sehr gut ein. Auf in Deutschland geborene Kinder von Migranten trifft dies fast ausnahmslos zu; mit Freunden und Freundinnen sprechen sie überwiegend deutsch. Für die große Mehrheit aller Menschen mit Migrationshintergrund ist ein zweisprachiger Alltag gelebte Realität.

Ähnliche Wertvorstellungen

Entgegen verbreiteten Vorstellungen sind sich Jugendliche gleich welcher Herkunft in ihren Wertvorstellungen insgesamt sehr ähnlich. Moderate Unterschiede gibt es zum Beispiel beim „Familiensinn“, der unter Migranten und Migrantinnen etwas stärker ausgeprägt scheint. Jungen Menschen mit Migrationshintergrund ist die Gründung einer Familie ein besonders wichtiges Anliegen und sie halten mit ihren eigenen Eltern auch nach einem Auszug von Zuhause engeren Kontakt. Jugendliche ausländischer Herkunft gehören häufiger als Deutsche einer Religionsgemeinschaft an, und ihr Glaube wird in Form von Kirchen- oder Moscheebesuchen auch eher „gelebt“: 14 Prozent der deutschen, 21 Prozent der italienischen und 35 Prozent der türkischen Jugendlichen machen dies regelmäßig.

Mediennutzung

Während die tatsächliche Rezeption der höchst diversen Unterhaltungs- und Informationsflut bei Migranten wie Nicht-Migranten sehr verschieden ausgeprägt sein kann, sagt die Mediennutzung doch etwas über die Bezüge zur dominierenden Kultur der Aufnahmegesellschaft, zum Herkunftsland oder zur ethnischen Gemeinschaft aus. Es ist unter Migranten und Migrantinnen völlig normal, sowohl deutsch- als auch herkunftssprachige Medien zu nutzen. Nur 22 Prozent lesen nie deutschsprachige Zeitungen. Gleichzeitig liest über ein Viertel der Migranten mehrmals in der Woche eine Tageszeitung in der Herkunftssprache. Dies ist keinesfalls nur unter türkeistämmigen Migranten gängig; auch etwa ein Viertel der Griechen und Griechinnen und der Italiener und Italienerinnen lesen häufig Zeitungen in ihrer Herkunftssprache. Kulturelle Integration ist keine Einbahnstraße. Es gibt zunehmend Kulturschaffende mit Zuwanderungshintergrund, die sich im Mainstream der deutschen Einwanderungsgesellschaft etabliert haben.

Soziale Kontakte

Was die sozialen Kontakte zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund angeht, so ist es zumindest für Jugendliche eher untypisch, sich nur mit Freunden derselben Herkunft zu umgeben: Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund verbringen zu 15 bis 37 Prozent ihre unterschiedlichen Freizeitaktivitäten mit deutschen Freunden und zu circa 60 Prozent in gemischten Freundeskreisen. Welche Bedeutung die Jugendlichen dabei dem ethnischen Hintergrund zumessen, ist hiermit aber noch nicht gesagt.

Insgesamt bestehen die gravierendsten Probleme im Bereich der sozialen Benachteiligung, während es für gelegentlich befürchtete Tendenzen zur Abschottung ethnischer Gemeinschaften keine soliden Anzeichen gibt. Eine umfassende politische Partizipation zugewanderter Bewohner der Bundesrepublik ist mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts zwar wesentlich erleichtert, aber nicht automatisch erreicht worden. Bei der Gewährleistung von mehr Bildungschancen, einem erweiterten Zugang zu beruflicher wie Hochschulbildung und zu qualifizierten Berufstätigkeiten besteht dringender Handlungsbedarf. Dabei haben sich alte Betreuungskonzepte überlebt: Wir haben es nicht mit hilfsbedürftigen „Gastarbeitern“ zu tun, sondern (neben neuen Zuwanderern) mit Deutschen, die zum Teil spezifische Bedürfnisse und Probleme haben.

Dr. habil. Karen Schönwälder
ist Sozialwissenschaftlerin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Sie beschäftigt sich mit Integrationsprozessen und Integrationspolitik in Deutschland und Europa.
Zu den neueren Veröffentlichungen gehört ihr Aufsatz „Reformprojekt Integration“, in: Jürgen Kocka (Hg.), „Zukunftsfähigkeit Deutschlands“. Sozialwissenschaftliche Essays. WZB-Jahrbuch 2006, Berlin 2007, S. 371-390.

Janina Söhn
ist Diplom-Soziologin und Gastwissenschaftlerin in der Abteilung „Ausbildung und Arbeitsmarkt“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Als Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung beschäftigt sie sich insbesondere mit der Bildungsbenachteiligung von MigrantInnen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online Redaktion
März 2008

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