Integrationsdebatte

„Kulturelle Diversität ist eine Bereicherung“ – Armin Nassehi im Gespräch

Armin Nassehi; © privatArmin Nassehi; © privatMiteinander und/oder nebeneinander? Und nach welchen Regeln? In der Integrationsdebatte kommt der Wert kultureller Vielfalt häufig zu kurz. Ein Gespräch darüber mit dem Münchener Soziologen Armin Nassehi.

Herr Professor Nassehi, das über die Grenzen Deutschlands hinaus vieldiskutierte Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin hat die Forderungen nach Integration wieder lauter werden lassen. Auch von Leuten, die den in dem Besteller aufgestellten und zum guten Teil mehr als fragwürdigen Thesen ausdrücklich nur sehr eingeschränkt folgen wollen, ist immer häufiger der Satz zu hören: „Multikulti ist tot“. Halten Sie das für eine angemessene Antwort auf die Probleme einer Gesellschaft, in der heute Menschen so unterschiedlicher kultureller Herkunft zusammen leben, wie in Deutschland?

Der Hype um das Buch von Thilo Sarrazin hat die Diskussion um die Integration schwieriger gemacht. Eine angemessene Antwort wäre zunächst eine genauere Analyse der Einwanderungssituation in der Bundesrepublik, die Sarrazins Buch gerade nicht leistet. In der Tat: Eine über Jahrzehnte zum Teil halbherzige Politik hat durchaus vermeidbare Probleme mit Teilen der Einwanderungspopulation in der Bundesrepublik hervorgebracht. Das sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die Bundesrepublik eine erstaunlich erfolgreiche Integration ihrer Einwanderer verzeichnen kann, obwohl dem politisch vieles entgegen stand. Wir haben stets verleugnet, ein Einwanderungsland zu sein – und doch hat diese Gesellschaft eine inklusive Kraft entfaltet, die sich auch im internationalen Vergleich sehen lassen kann.

Dass es dafür in der Bundesrepublik bisweilen mutigere und auch forderndere Strategien Einwanderern gegenüber braucht, könnten wir aus klassischen Einwanderungsländern lernen. Eine Integrationsbremse dagegen ist der Ton, den Sarrazins Buch in der öffentlichen Diskussion provoziert hat – ein Ton, der bisweilen erreichte zivilisatorische Standards weit unterschreitet. Mehr Sorgen als die Einwanderungsrealität macht womöglich, dass der Ton des Buches solchen Anklang findet.

Der Alltag ist auf kulturelle Integration nicht angewiesen

Cover des Buches „Mit dem Taxi durch die Gesellschaft“ von Armin Nassehi; © MurrmannAber bedroht kulturelle Vielfalt nicht die Stabilität von Staat und Gesellschaft, so dass man sich wieder stärker um soziale Einheitlichkeit und nationale Identität bemühen müsste?

Ich fürchte, über das, was „soziale Einheitlichkeit“ genannt wird, besteht echter Aufklärungsbedarf. Die „soziale Einheitlichkeit“ von Gesellschaften unseres Typs besteht gerade in der Unterschiedlichkeit von Lebensformen und Orientierungen. Entscheidend ist vielmehr, dass das fremde, das unvertraute, das andere Milieu nicht weiter auffällt, weil der Alltag eben nicht auf kulturelle Integration angewiesen ist. Auch ohne Einwanderungsmilieus wäre unsere Gesellschaft kulturell außerordentlich plural. Lebensstile und moralische Standards, ästhetische Vorlieben und Glaubensfragen, Gewohnheiten und Ansprüche – all das produziert unterschiedlichste Welten, vielleicht kann man sogar sagen: Parallelgesellschaften. Entscheidend ist aber, dass es diesen Parallelgesellschaften und kulturellen Milieus offensichtlich gelingt, sich gegenseitig indifferent zu verhalten.

Unsere Institutionen des Arbeitsmarktes, der Märkte für Produkte und Dienstleistungen, der Bildung, der Massenmedien, sogar der religiösen Praxis und der Freizeitindustrie haben sich auf diese unterschiedlichen Realitäten und Kontexte eingestellt. Wenn die Bundeskanzlerin betont, Multikulti sei gescheitert, dann hat sie im Hinblick auf naive Schwärmereien über das Fremde und Exotische Recht. Aber sie blendet zugleich aus, wie plural und multikulturell unser Land auch ganz ohne Migranten schon ist und wie sehr es gelingt, dies zu entschärfen. Wer erinnert sich noch daran, wie sich vor zwei Generationen noch die beiden christlichen Konfessionen gegenüber standen; wer erinnert sich noch daran, wie vor einer Generation jugendliche Subkulturen dramatisiert wurden; wer erinnert sich noch daran, dass das Outing von Schwulen und Lesben vor kurzem noch ein Skandal war; wer erinnert sich noch daran, dass in den 1960er-Jahren auch italienische oder spanische katholische Gastarbeiter als Bedrohung angesehen wurden; wer erinnert sich noch an den Abscheu der braven Bürger gegenüber der aus den USA stammenden Popkultur; wer erinnert sich noch an die Prüderie und bigotte Sexualmoral der 1950er-Jahre?

Auch Konflikte können eine integrative Kraft entfalten

Cover des Buches „Geschlossenheit und Offenheit“ von Armin Nassehi; © SuhrkampSollte man folglich kulturelle Vielfalt – diversity – als Wert und Bereicherung einer Gesellschaft verstehen?

Kulturelle Diversität ist stets eine Bereicherung, weil sie uns in die Lage versetzt, eingespielte Selbstverständlichkeiten aus anderen Perspektiven sehen zu lernen. Aber das ist eine erwartbare Antwort aus der Position eines akademischen Beobachters. Was die Einwanderungsrealität angeht, so wissen wir wiederum aus klassischen Einwanderungsländern, dass klare Forderungen und Erwartungen auch an Einwanderer zu ihrer Integration beitragen. Ich wiederhole: Obwohl dies in der Bundesrepublik lange versäumt wurde, haben die Institutionen und Routinen unserer Gesellschaft Diversität vergleichsweise unproblematisch bewältigt – und das nicht nur bezogen auf Immigranten.

Könnte kulturelle Vielfalt dann nicht auch zur Stabilisierung der Gesellschaft beitragen?

Ja, und zwar insofern, als gesellschaftliche Modernität geradezu auf Perspektivendifferenzen angewiesen ist. Das gilt sowohl für funktionale Differenzen – die Sprachen von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Religion und Kunst sind sehr unterschiedlich und müssen sich aneinander reiben. Das gilt aber auch für „kulturelle“ Orientierungen, seien sie nun ethnischer Natur oder nicht. Das große Potenzial moderner Gesellschaften besteht gerade darin, auf enge Integration dieser Differenzen verzichten zu können – was übrigens keineswegs bedeutet, auf rechtliche und moralische Standards ganz verzichten zu müssen. Nicht umsonst sind solche Standards heute eher abstrakt formuliert. Dass es dabei zu Konflikten kommen kann und auch kommt, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist für einen Soziologen übrigens die Einsicht, dass Konflikte eine integrative Kraft entfalten können – wenn man sich ihnen nur stellt.

Armin Nassehi, Jahrgang 1960, ist Professor für Sozioloie an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Er ist Mitherausgeber des soziologischen Journals Soziale Welt. Für BR-alpha moderiert er die Sendung „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“.
Buchtipps: Mit dem Taxi durch die Gesellschaft, Murrmann Verlag 2010, ISBN: 978-3-86774-095-1; Geschlossenheit und Offenheit. Studien zur Theorie der modernen Gesellschaft, Suhrkamp 2003, ISBN 978-3-518-29236-5.

Hans-Martin Schönherr-Mann
stellte die Fragen. Er ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

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