Integrationsdebatte

Geschäftserfolg durch Sprachenvielfalt

Viele Unternehmen setzen gezielt auf eine nicht-nur-deutschsprachige Kundschaft.  Foto: Jacob Wackerhausen © iStockphotoViele Unternehmen setzen gezielt auf eine nicht-nur-deutschsprachige Kundschaft.  Foto: Jacob Wackerhausen © iStockphotoBei der Initiative „Charta der Vielfalt“ verpflichten sich Unternehmen die vielfältigen Potenziale ihrer Mitarbeiter und die Bedürfnisse ihrer Kunden anzuerkennen. Damit sind auch kulturelle Aspekte gemeint, zu denen die Identifikation mit einer Sprache zählt.

Gülcan Urul ist die Inhaberin eines Optikerfachgeschäfts im Dortmunder Norden. Dass in diesem Stadtteil viele Menschen aus Zuwandererfamilien leben, macht sich die junge Türkin für ihren Geschäftserfolg gezielt zunutze. Um alle Kunden unabhängig ihres Alters und ihrer Herkunft anzusprechen, setzt sie bei ihren Mitarbeitern auf Sprachkenntnisse und kulturelle Kompetenzen. Auf ihrer Website wirbt sie damit, dass ihre Kunden sich nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Türkisch, Polnisch, Russisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch, Spanisch, Englisch und Französisch beraten lassen können. Das Konzept macht sich bezahlt: Rund 60 Prozent ihrer Kundschaft sind türkischer Herkunft und es ist ihr gelungen, den Einzugsbereich im Hinblick auf die türkische Kundschaft auf angrenzende Stadtteile und Städte auszuweiten. Zudem kann Urul auch mehr und mehr Kunden anderer Muttersprachen anlocken. Für ihre Ideen bei der Neugründung wurde die junge Unternehmerin 2007 sogar von der Dortmunder Industrie- und Handelskammer ausgezeichnet.

Zuwanderer als attraktive Kundengruppe

Gülcan Uruls Optikerfachgeschäft;  Foto: © Brillenwelt Optik UrulWie in Dortmund stellt eine kulturelle Bevölkerungsvielfalt in vielen Regionen Deutschlands eine Normalität dar: Laut einer Publikation der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration aus dem Jahr 2008 kommen deutschlandweit etwa 15 Millionen Menschen aus Zuwandererfamilien, von denen allein die 2,5 Millionen Menschen mit türkischem Hintergrund eine Kaufkraft von etwa 17 Milliarden Euro haben, die wiederum der Kaufkraft des gesamten Saarlandes entspricht. Kein Wunder, dass Gülcan Urul also auch nur eine von zahlreichen Unternehmerinnen und Unternehmern ist, die bei ihrer Sprachenpolitik genau diese Kundengruppe anvisieren. So zeigt ein Blick in die Best-Practice-Beispiele der Unternehmensinitiative Charta der Vielfalt: Von der interkulturellen Steuerberatung über den kultursensiblen Pflegedienst bis hin zu großen Automobilkonzernen wie Volkswagen oder Daimler setzen Unternehmen der unterschiedlichsten Größe ganz gezielt auf eine nicht-nur-deutschsprachige Kundschaft. Und auch öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Polizeistationen haben erkannt, dass sie die Bürger mit der richtigen (An-) Sprache besser erreichen.

Sprachliche Potenziale ausschöpfen

Charta der Vielfalt; Foto: © Charta der VielfaltUm sich sprachlich auf die Bedürfnisse ihrer Kunden einstellen zu können, sind die Arbeitgeber zunehmend auf Mitarbeiter mit den entsprechenden Sprachkenntnissen angewiesen. In großen Betrieben oder Einrichtungen, die sich ohnehin aus einer interkulturellen Belegschaft zusammensetzen, können die Sprachkenntnisse der Mitarbeiter durch dieses Umdenken eine zuvor unbekannte Beachtung erfahren. Ein Beispiel ist das Universitätsklinikum Mannheim. Um die Kommunikation mit Patienten oder Angehörigen zu verbessern, wurde hier ein betriebsinterner Dolmetscherpool erstellt. Dafür wurde das Personal – Ärzte, Pflegekräfte sowie andere Mitarbeiter – lediglich nach den vorhandenen Sprachkenntnissen befragt. Das Ergebnis: 130 Mitarbeiter mit insgesamt rund 40 Fremdsprachen erklärten sich bereit, für die Kommunikation mit Patienten oder Angehörigen kurzfristig als Dolmetscher zur Verfügung zu stehen.

Andere Unternehmer und auch öffentliche Institutionen müssen sich wie Gülcan Urul entsprechend qualifizierte Mitarbeiter erst noch ins Haus holen. Dabei suchen sie häufig nach Auszubildenden oder Mitarbeitern, die selbst aus einer Zuwandererfamilie mit dem passenden sprachlichen Hintergrund stammen. Nicht selten bieten die Arbeitgeber auch Möglichkeiten an, um bei Bedarf deren (fach-)sprachliche Kenntnisse im Deutschen oder der anderen Sprachen zu fördern. Weil die Polizei beispielsweise in Gegenden mit vielen ausländischen Einwohnern bevorzugt Beamte mit den passenden Sprachkenntnissen einsetzt, setzen die Polizeischulen in ihren Bewerbungsverfahren auf Bewerber mit Migrationshintergrund: Schlechtere Deutschkenntnisse fallen bei der Auswahl jetzt weniger ins Gewicht, sondern werden während der Ausbildung durch Sprachkurse verbessert. Und die Stadt München hat gemeinsam mit der Ludwig-Maximilians-Universität ein neues Personalauswahlverfahren für die Nachwuchskräfte entwickelt, das Mehrsprachigkeit als Pluspunkt wertet.

Chancen einer auf Sprachenvielfalt ausgerichteten Personalpolitik

Sprachenvielfalt bietet auch gesamtgesellschaftlichen Chancen. Foto: Paul Kooi © iStockphotoFür die Unternehmen und Institutionen verspricht eine auf Vielfalt ausgerichtete Personalpolitik neben einer Erweiterung des Kundenstamms auch weitere Vorteile: Laut der Webseite der Kampagne ergab eine Befragung von 155 Charta-Unternehmen, dass in rund 87 Prozent der Fälle ein aktives Diversity Management die Kreativität und Innovationsfähigkeit der Angestellten steigere. Dazu kommen die gesamtgesellschaftlichen Chancen dieser Entwicklung: Bisher haben Kinder aus Zuwandererfamilien es noch besonders schwer, einen höheren Schulabschluss zu erreichen oder eine Lehrstelle zu finden und selbst Zuwanderer mit einem akademischen Abschluss sind in Deutschland noch stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. Für diese Menschen eröffnet die Anerkennung und Nutzung ihrer sprachlichen und kulturellen Kompetenzen neue Arbeitsmarktperspektiven.

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

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