Integrationsdebatte

Einwanderung verändert die Erinnerung an den Holocaust – Angela Kühner im Interview

Angela Kühner; Foto: privatAngela Kühner; Foto: privatUnter den Bedingungen der Migration sind sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die nationalsozialistischen Verbrechen möglich – eine Herausforderung für Lehrer und Schüler. Angela Kühner, Sozialpsychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, hat zusammen mit Kollegen die Einstellungen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund und ihren Lehrern untersucht. Goethe.de hat mit ihr gesprochen.

Frau Dr. Kühner, die Zeitzeugen der nationalsozialistischen Verbrechen werden weniger. Muss man damit rechnen, dass die Erinnerung an den Holocaust bei den Jugendlichen verblasst?

Uns hat überrascht, dass von dem vielfach in den Medien kolportierten Desinteresse bei den befragten Schülern sehr wenig zu spüren war. Wir waren fasziniert zu sehen, wie die Schüler über ihre Geschichtslehrer nachdachten. Ihnen fiel auf, dass der Holocaust den Lehrern wichtig ist, vor allem den älteren. In den Interviews konnten wir auch feststellen, dass Schüler, die zu Beginn meinten, das Thema interessiere sie nicht so sehr, im weiteren Verlauf doch mit Freunden die KZ-Gedenkstätte in Dachau besucht haben. Wie kann es sein, dass jemand, der scheinbar kein Interesse am Holocaust hat, trotzdem motiviert ist, privat nach Dachau zu fahren? Aussagen von Jugendlichen, wie „Nicht schon wieder!“, sind somit also nicht als Ausdruck einer verfestigten Abwehr, sondern situativ zu verstehen. Tendenziell wird die Bereitschaft von Jugendlichen unterschätzt, sich auf ein Gespräch zu diesem Thema einzulassen.

Haben jugendliche Migranten eine andere Einstellung zu den nationalsozialistischen Verbrechen als die deutschen Schüler?

In Deutschland ist es üblich, sogar bei solchen Kindern noch von Migranten zu sprechen, deren Eltern und Großeltern hier geboren wurden. Das ist doch ein großer Unterschied zu jemandem, der die ersten zwanzig Jahre seines Lebens im Ausland aufgewachsen ist, dann mit einem bestimmten Geschichtsbild nach Deutschland kommt und ein anderes Geschichtsbild kennenlernt. Die Kinder und Jugendlichen, über die wir meistens reden, wenn wir uns auf Migranten-Kinder beziehen, sind aber von Anfang an hier aufgewachsen. Ich finde die Vorstellung eigenartig, dass diese Kinder oder Jugendlichen so sehr von der Herkunftskultur ihrer Eltern und Großeltern beeinflusst sein und ein ganz anderes Geschichtsbild haben sollen als Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin; Foto: Südpol-Redaktionsbüro

Denkmal für die ermorderten Juden in Europa; Foto: Südpol-Redaktionsbüro

Mischung aus Engagement und Unsicherheit

Welche Rolle spielen Lehrer bei der „Holocaust-Erziehung“?

Bei allen Lehrern, die wir befragt haben, war zu spüren, wie wichtig ihnen die „Holocaust-Erziehung“ ist. Auch waren sie unsicher, ob sie mit dem Holocaust, so wie sie ihn im Unterricht behandeln, auch richtig umgehen – eine Mischung aus hohem Engagement und Unsicherheit. Engagierte Lehrer haben oft den Eindruck, dass das, was sie sonst im Unterricht machen und gut können – etwa Fakten vermitteln, Verständnis und Bewusstsein für Geschichte wecken – nicht reicht. Manche betonen, wie wichtig ihnen Betroffenheit und Empathie neben der Wissensvermittlung sind. Konkret sichtbar wird das Dilemma der Lehrer an ihren Reaktionen auf die Schüler, die auf dem Rückweg von der KZ-Gedenkstätte im Bus blödelten, lachten oder sangen. Angesichts dessen fragten sich die Lehrer, ob sie das pädagogische Ziel nicht verfehlt hätten. Aus sozialpsychologischer Sicht halten wir dem entgegen: Das ist überbewertet.

Warum lassen sich Lehrer so leicht enttäuschen?

Das Thema ist emotional überladen, weil anscheinend das Vertrauen fehlt, dass die jüngere Generation einen eigenen, angemessenen Bezug zu dem Thema finden wird.

Die eigentliche Gefahr bei der „Holocaust-Erziehung“ ist laut Ihrer Studie die Übertragung negativer Gefühle der Lehrer auf die Schüler mit Migrationshintergrund: das „projektive Othering“ – Schüler mit Migrationshintergrund werden sozusagen zum bedrohlichen Anderen, ja zu Fremden gemacht. Wie meinen Sie das?

Von „Othering“ sprechen wir immer dann, wenn wir vermuten, dass der Migrations-Andere zum Anderen konstruiert wird, dass also Unterschiede einerseits überschätzt und dann dramatisiert werden. Projektive Mechanismen vermute ich, wenn es bei genauerer Analyse deutliche Hinweise gibt, dass mit plakativen Aussagen zu „den Gastarbeitern“ oder „Türken“ eher etwas Eigenes, beispielsweise eigenes Unbehagen ausgedrückt wird. So sagt zum Beispiel ein Lehrer: „Die Türken verstehen die Selbstgeißelung der Deutschen nicht.“ Doch woher weiß er das so genau? Es handelte sich um einen besonders engagierten Lehrer, der zusätzlich Führungen in einer KZ-Gedenkstätte anbietet. Die Analyse des Interviews legte nahe, dass er sich selbst nicht sicher ist, warum er sich diese Arbeit in der Gedenkstätte antut. In den plakativen Aussagen über die türkischen Schüler sahen wir ihn mit seiner Einstellung zum Thema ringen. Dahinter steckt die Vorstellung, dass uns jedes Gegenüber mit eigenen psychischen Anteilen konfrontiert und die interkulturelle Psychologie weist darauf hin, dass dies besonders ausgeprägt ist, wenn das Gegenüber fremd erscheint.

KZ-Gedenkstätte Dachau; Foto: brewbooks/Flickr; Lizenz: CC-BY-SA

KZ-Gedenkstätte Dachau; Foto: brewbooks/Flickr; Lizenz: CC-BY-SA

Mehr Supervision für Lehrende

Wenn man behauptet, dass die Lehrer eigene negative Gefühle auf Jugendliche mit Migrationshintergrund übertragen, unterstellt man ihnen dann nicht zugleich auch, dass sie selbst eine wichtige Lektion aus dem Holocaust nicht gelernt haben: nämlich Andersdenkende nicht zu stigmatisieren?

Aus psychologischer Sicht ist es normal, dass Menschen, auch Lehrer, mit schwierigen Themen nicht so schnell fertig werden, dass sie mit ihnen ständig ringen. Sowohl ein richtiger Umgang mit der Erinnerung an den Holocaust ist eine pädagogische Herausforderung, als auch ein sensibler Umgang mit Migration. Ich würde bei beiden Themen, Erinnerung und Migration, auf mehr Supervision für Lehrende setzen. Wenn sie mit dem Erinnern an den Holocaust innerlich kämpfen, wenn sie nicht zufrieden damit sind, wie sie das Thema pädagogisch behandeln, was normal ist, dann brauchen sie den Austausch mit anderen Pädagogen oder Schulpsychologen. Es braucht generell mehr Räume, in denen pädagogisch schwierige Themen reflektiert werden können.

Wie könnte eine zeitgemäße „Holocaust-Erziehung“ nun aussehen?

Es ist sinnvoll, stärker über eine Metaebene in das Thema einzusteigen: Welche Erfahrungen haben die Jugendlichen bereits gemacht? Wie haben sie die Art der Thematisierung empfunden? Auf diese Weise könnte man generell besser über die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Perspektiven auf den Holocaust ins Gespräch kommen.

Arnd Zickgraf
arbeitet als freier Redakteur für Wissenschaft und Bildung in Bonn.

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Juli 2012

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