Kulturszene

„Deutsch ist meine neue Zunge“ – ein Interview mit Abbas Khider

Abbas Khider; © Jacob Steden


Als in seiner Heimat der Krieg ausbrach, lebte der irakische Schriftsteller Abbas Khider schon in Deutschland. Im Gespräch erzählt er, warum er sich zu dem Geschehen in der Sprache seiner neuen Heimat äußerte, und weshalb er inzwischen auch seine Bücher auf Deutsch verfasst.

Herr Khider, Sie haben bereits ihren dritten Roman veröffentlicht. Wie sind Sie Schriftsteller geworden?

Ich stamme aus einer armen Bagdader Familie, meine Eltern können weder lesen noch schreiben. Die einzigen Bücher, die wir zu Hause hatten, waren religiöse Bücher. Mit 14 oder 15 Jahren habe ich begonnen, diese religiösen Texte zu lesen. So habe ich die Literatur für mich entdeckt, weil die Sprache religiöser Texte oft metaphorisch ist. Das hat mir geholfen, die Poesie zu lesen und zu verstehen. Auf diese Weise habe ich die Welt neu entdeckt. Lesen war für mich eine Art Ausflug und Zuflucht. Ich flüchtete mit Franz Kafka nach Deutschland, mit Alexander Puschkin nach Russland und mit Charles Baudelaire nach Frankreich. Die Liebe zum Lesen hat mich dazu gebracht, Texte zu schreiben.

Sie sagen, dass Ihre Eltern weder lesen noch schreiben können. Wer hat Sie in Ihrer Arbeit unterstützt?

Meine älteren Brüder haben zwar alle studiert, aber sie hatten keinerlei Interesse an der Literatur. Mehr Unterstützung habe ich von meinen Schwestern erhalten. Ein anderer Förderer war mein Schwager, der irakische Literaturkritiker Salhe Zamel. In seiner Bibliothek habe ich viel gelesen. Salhe Zamel hat meine Schwester geheiratet und ich gewissermaßen seine Bibliothek. Durch ihn habe ich viele neue Autoren für mich entdeckt und viele von ihnen auch persönlich kennengelernt. Das war ein wichtiger Impuls für meine eigene Arbeit.

„Die Erfahrung des Gefängnisses möchte ich als Autor nicht missen“

Im Irak saßen Sie aus politischen Gründen im Gefängnis. Inwiefern hat diese Erfahrung Sie in Ihrem Schaffen beeinflusst?

Auch nach der Freilassung wird man immer und überall von dieser Erfahrung begleitet. Der Kampf und die Schmerzen gehen weiter. Dieser Kampf nimmt mit der Zeit andere Dimensionen an und weitet sich zum Beispiel auf Sprache, Religion und Literatur aus. Letztlich handelt es sich um einen Kampf in der Gesellschaft gegen diese Gesellschaft. Als Autor möchte ich die Erfahrung des Gefängnisses dennoch nicht missen.

Sehen Sie im Schreiben eine Art Therapie, mit der Sie das Erlebte verarbeiten?

Schreiben ist für mich keine Therapie, es ist viel mehr als das. Das Schreiben ist ein Projekt, mit dem ich mein Leben neu gestaltet, neu aufgebaut habe – in einer ästhetischen Form. Schreiben ist auch ein Versuch der Auseinandersetzung mit Geschichte, Zeit und Lügen. Mein Beruf ermöglicht es mir, in die Offensive zu gehen.

„Meine arabischen und deutschen Einflüsse sind ein Vorteil“

Seit 2006 schreiben Sie viele Ihrer Werke auf Deutsch. Warum haben Sie sich für die deutsche Sprache entschieden, obwohl Sie kein Muttersprachler sind?

Manchmal durchlebt man eine Phase, in der man schreien möchte, aber keinen Ton herausbekommt. Eine Phase der Müdigkeit, der Erschöpfung, in der man merkt, dass man eine andere Sprache braucht. Während des Irakkrieges war ich in Deutschland. Die Lage in meinem Heimatland hat mich beschäftigt, ich wollte mich dazu äußern, aber auf Arabisch konnte ich das irgendwie nicht. Die deutsche Sprache hat mir diese Möglichkeit gegeben, und seitdem ist sie meine neue Zunge. Die deutsche Sprache hat eine lange Tradition in der Literatur. Es ist natürlich schwierig, auf Deutsch zu schreiben, wenn man nicht weiß, was bereits in dieser Sprache verfasst worden ist. Sowohl mit dem Arabischen als auch mit dem Deutschen bin ich verbunden. In dieser Mischung sehe ich inhaltlich und sprachlich einen Vorteil.

Sie haben 2014 in Kairo einen Workshop des Goethe-Instituts geleitet. Worum ging es und was haben Sie erlebt?

Gemeinsam mit anderen Autoren betreute ich einen Schreibworkshop für junge Menschen. 108 Ägypter hatten sich mit ihren literarischen Texten um die Teilnahme beworben. Am Ende wählten wir elf Teilnehmer aus. Wir gaben ihnen Tipps und unterstützten sie dabei, sich weiterzuentwickeln. Ich wollte sie an den Erfahrungen teilhaben lassen, die ich als von der arabischen und der deutschen Kultur beeinflusster Autor gemacht habe.

An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?

Ich veranstalte Lesungen in Europa, aber auch in nicht-europäischen Ländern. Außerdem möchte ich meine auf Deutsch erschienenen Romane übersetzen lassen und ich arbeite an meinem nächsten Buch.

Abbas Khider wurde am 3. März 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach seiner Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich als illegaler Flüchtling in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland, wo er Literatur und Philosophie studierte. Seine Romane „Der falsche Inder“ (2008) und „Die Orangen des Präsidenten“ (2011) wurden mehrfach ausgezeichnet. Im Februar 2013 erschien sein dritter Roman „Brief in die Auberginenrepublik“.
Abderrahmane Ammar
führte das Gespräch. Er ist freier Journalist und Übersetzer.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2014

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