Kulturszene

More than Shelters – Mehr als ein Dach über dem Kopf

Das Hamburger Sozialunternehmen More than Shelters baut flexible Flüchtlingsunterkünfte und arbeitet an besseren Lebensräumen für Menschen in Not. Angesichts steigender Flüchtlingszahlen sind neue Raumkonzepte gefragt – nicht nur in Nepal, Jordanien oder Griechenland, sondern auch in Deutschland.  

Domo, Innenansicht, Foto: morethanshelters

Eine mobile Kleiderkammer am Hamburger Hauptbahnhof versorgt Flüchtlinge mit Schuhen, Jacken und Decken. Notunterkünfte auf der griechischen Insel Lesbos beherbergen Menschen aus Syrien und dem Irak, von denen viele ihre Flucht übers Mittelmeer nur knapp überlebt haben. Und ein Internat in Nepal ermöglicht es Kindern, nach den Zerstörungen des Erdbebens vom Frühjahr 2015 wieder zusammen zu lernen.  
Domo, Aussenansicht, Foto: morethanshelters

Alle drei Orte haben eines gemeinsam: Sie bestehen aus Domo-Modulen. Das sind flexible, modulare Zeltsysteme mit Bodenfolie, Tragwerk und wasserdichter Außenhaut, die sich bei Bedarf schnell an unterschiedliche klimatische Bedingungen und kulturelle Bedürfnisse anpassen lassen. More than Shelters, ein Sozialunternehmen spezialisiert auf Design- und Architekturkonzepte für humanitäre Zwecke, hat Domo entwickelt und gebaut.

Mobile Unterkünfte und Monsundächer

Domo auf Lesbos, Foto: Malte Metag

Der Künstler Daniel Kerber gründete das Unternehmen 2012 in Hamburg. Seither beschäftigt er sich hauptberuflich mit Unterkünften für Menschen in Not, zusammen mit einem interdisziplinären Team aus zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Schon in seinen Kunstinstallationen und -projekten, die in Tokio, Berlin oder New York zu sehen waren, hat sich Kerber mit informeller Architektur und improvisierter Raumgestaltung auseinandergesetzt. Auf seinen Recherchereisen stellte er fest, dass in allen Flüchtlingslagern der Welt die gleichen normierten Zelte stehen – unabhängig von Hitze oder Minustemperaturen. Und noch etwas stört Daniel Kerber an den standardisierten Unterkünften: Sie lassen den Flüchtlingen kaum Möglichkeiten, ihren Lebensraum selbst zu gestalten und zu verbessern.

Domo in Nepal, Foto: moresthanshelters

„Unser Ansatz dagegen ist, die Menschen von Anfang an mit einzubeziehen. Sie können die einzelnen Domo-Module an ihre Wünsche und Bedürfnisse anpassen. Die Grundrisse lassen sich nach Bedarf verändern und erweitern“, erklärt Isabelle Poncette. Die Anthropologin koordiniert die humanitären Projekte von More than Shelters. In Nepal zum Beispiel seien die Domo-Module durch Monsundächer aus Bambuskonstruktionen ergänzt worden. Es geht aber nicht nur um architektonische Anpassungen, sondern auch darum, das Zusammenleben gut zu gestalten, und zwar unter den erschwerten Bedingungen, die in Flüchtlingscamps herrschen.  

Innovationsberatung in Jordanien

Flüchtlingslager in Za' atari, Foto: morethanshelters

Konkret bedeutet das: More than Shelters bietet nicht nur flexible Unterkünfte, sondern auch „Innovationsberatung“, wie Isabelle Poncette diese Serviceleistung nennt. Za‘atari in Jordanien ist eines der größten Flüchtlingscamps der Welt, rund 80.000 Menschen aus Syrien haben dort Zuflucht gesucht. Für die Organisation Oxfam arbeitet More than Shelters dort an einem Pilotprojekt zum Recycling. „Die Idee ist, dass Flüchtlinge recycelten Müll an jordanische Unternehmer verkaufen, damit etwas Geld verdienen und in einen Austausch mit der jordanischen Gesellschaft kommen.“ Ob das funktioniert, muss sich noch herausstellen.

Domo auf Lesbos, Foto: Malte Metag

Die Soforthilfe in Krisengebieten – ein Dach über dem Kopf, Essen, medizinische Grundversorgung – sei selbstverständlich nach wie vor notwendig, sagt Poncette. Schließlich gehe es meistens um Leben oder Tod. „Doch die Notversorgung mit ihrer eingespielten Logistik reicht nicht mehr aus. Wir müssen einen Schritt weiter gehen und zusammen mit den Betroffenen und Hilfsorganisationen neue Ansätze und Perspektiven für das Leben in Flüchtlingscamps entwickeln.“ Sie könnte recht haben angesichts der Zahl, die das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) nennt: Durchschnittlich zwölf Jahre bleibt ein Flüchtling in einem Lager.

Domo Arctic: Außeneinsatz im deutschen Winter

Domo in Hamburg, Foto: moresthanshelters

Weltweit flüchten immer mehr Menschen vor Gewalt, Krieg und Verfolgung. Etwa eine Million Flüchtende suchten 2015 Schutz in Deutschland – und benötigen ein Zuhause. Domo-Module werden in Deutschland bisher nicht zu Wohnzwecken eingesetzt, sondern als soziale Räume genutzt: als Kleiderkammer und Teestube am Hamburger Hauptbahnhof, als Rückzugsorte für Frauen und Kinder in Hamburger Erstunterkünften, als Gemeinschaftsraum in Bremen.
Doch der Bedarf an Wohnflächen wächst. Die Kommunen, die für die Unterbringung zuständig sind, funktionieren immer mehr Hallen und Industriegebäude zu Notunterkünften um.

Domo in Nepal, Foto: morethanshelters

Das Team von More than Shelters empfiehlt in diesen Fällen das „Raum-im-Raum-Konzept“ mit flexiblen Domo-Modulen, die Sicherheit und Privatsphäre und damit ein friedliches Zusammenleben ermöglichten. Außerdem arbeiten Architekten, Designer, Ingenieure und Wissenschaftler des Sozialunternehmens am winterfesten Modell Domo Arctic, das für den Außeneinsatz im mitteleuropäischen Winter geeignet ist.
Spenden, Fördergelder und Einnahmen aus der Vermietung von Domo-Modulen für Musikfestivals und andere Events finanzieren die Arbeit des Sozialunternehmens. Unternehmensgründer Daniel Kerber: „Unflexible Raumlösungen sind nicht mehr zeitgemäß. Die Unterkünfte müssen sich den Menschen anpassen, nicht umgekehrt.“

Elisabeth Schwiontek
ist freie Journalistin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
März 2016

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