Kulturszene

Ein neues Leben – 3. Europäisches PASCH-Schülertheaterfestival 2017

Sieben Jugendliche aus Berlin bei der Aufführung von Auf den Weg und weg! | Foto: Lennart Kortmann

Ein Thema – eine Bühne – fünf Interpretationen. Beim diesjährigen PASCH-Theaterfestival in Berlin trafen Jugendliche aus ganz Europa aufeinander, im Gepäck ein selbstverfasstes deutschsprachiges Theaterstück.

Was bedeutet Heimat? Warum machen sich Menschen auf den Weg? Wie fühlt sich Flucht körperlich an? Und wie viel Mut ist nötig, sich gegen Erwartungen und gesellschaftliche Konventionen zu stellen, um (s)ein eigenes Leben zu leben? Und ist das „neue“ Leben dann wirklich besser als das alte? Dem Motto „Ein neues Leben“ haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 3. europäischen PASCH-Schülertheaterfestivals auf Einladung der Goethe-Institute Südwesteuropas gewidmet: Im Mai 2017 trafen sich 50 Jugendliche der PASCH-Schulen in Frankreich, Portugal, Spanien, Italien und aus Deutschland in Berlin, um ihre Stücke am JugendKulturZentrum PUMPE aufzuführen.

Szenen des Schreckens und der Solidarität

„Wege“ – ein Stück von 10 Jugendlichen aus der Schule „IES Garcilaso de la Vega“ in Spanien | Foto: Lennart Kortmann

Wellen, ein dunkler Himmel, Schüsse. Eine Mauer, meterhohe Zäune, Angst. Ein junger Mann flieht über das Meer. In Berlin angekommen landet er auf der Straße und verdient sich seinen Lebensunterhalt als Straßenkünstler. In „Wege“ erzählen die Schülerinnen und Schüler aus Spanien seine Geschichte.

Sieben Berliner zeigen „Auf den Weg und weg!“ | Foto: Lennart Kortmann

Die Berliner Jugendgruppe interviewte im Vorfeld Menschen mit Fluchterfahrung, die sich zu unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen auf den Weg gemacht haben. Auf der Bühne lassen sie die Einzelschicksale in Form eines Zitate-Potpourris in ihrem Stück „Auf den Weg und weg!“ lebendig werden.

„Die anderen und ich“ führen neun Achtklässler der Schule D. Fernando II aus Portugal auf | Foto: Lennart Kortmann

Auf humorvolle Weise setzte sich die Gruppe aus Portugal mit dem Festivalmotto auseinander. Bei „Die anderen und ich“ wird die Geschichte eines Jungen erzählt, der gegen alle Widerstände aus dem Familien- und Freundeskreis den Mut aufbringt, sein neues Leben als „Papalaka“ zu beginnen.

Ein Dialog auf Augenhöhe

Wie die auf der Bühne gezeigten Inszenierungen sich im wahren Leben spiegeln können, wurde spätestens beim Publikumsgespräch mit Çingiz Sülejmanov und Mohammed Jouni, Gründer der Initiative „Jugendliche ohne Grenzen“, deutlich. Aus Aserbaidschan und dem Libanon nach Deutschland geflohen, setzen sich die beiden mit dem Zusammenschluss junger Geflüchteter für ein großzügigeres Bleiberecht, die Umsetzung der UNO-Kinderrechte sowie ein Rückkehrrecht ihrer abgeschobenen Freunde ein.

„Auch nach Jahren in Berlin werde ich in der U-Bahn noch kritisch beäugt“, erzählt Jouni. Die immer gleichen Fragen nach seiner Herkunft ärgern ihn. Ein Dialog auf Augenhöhe – das ist es, was sich beide wünschen. „Materielle Hilfe zum Ankommen ist wichtig, doch für eine gelungene Integration und ein schönes neues Leben ist die Akzeptanz und Wertschätzung meines Andersseins unerlässlich. Redet nicht über, sondern mit uns!“

Ein neues Leben leben – in Berlin!

Wie fühlt es sich an, angestarrt zu werden oder ohne Geld in einer fremden Stadt überleben zu müssen? Das erfuhren die jungen Europäerinnen und Europäer in dreitägigen Theater-Workshops, die das Rahmenprogramm des Theaterfestivals bildeten: Die Arbeitsgruppe „Berlin erobern“ testete Städter und Stadt auf deren Integrationstauglichkeit und erfuhr so mehr über die Überlebensstrategien Geflüchteter in Berlin. Das Gefühl des Fremdseins verkörpern und dadurch mit Menschen ins Gespräch kommen, waren die Ziele des Workshops „Den Blick schärfen“, in dem künstlerische Interventionen entwickelt wurden. Die Gruppenmitglieder übertrugen ihre Gefühle zum Thema Flucht in Choreografien und präsentierten sie im öffentlichen Raum.

Die Workshopgruppe „Den Blick schärfen“ lädt Passanten zum Frühstück | Foto: Lennart Kortmann

Gemeinsam setzten sich die 50 Jugendlichen aus fünf Ländern mit den Themen Heimat, Flucht und Ankommen auseinander. Auf und abseits der Bühne konnten sie nachfühlen, wie es ist, „Ein neues Leben“ zu beginnen. Eine Teilnehmerin des PASCH-Schülertheaterfestivals resümiert: „Toleranz entsteht durch Dialog und Austausch, nicht durch einen Monolog von oben“.
Eva Volz

Juni 2017
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