Kulturszene

„Ich bin beides“ – Das Buch zweiheimisch zeigt Perspektiven im Umgang mit Bikulturalität

Cover zweiheimisch; Copyright: edition Körber-Stiftung
'zweiheimisch'
Deutschland ist seinem Selbstverständnis nach ein Einwanderungsland: Hier leben 15,3 Mio. Menschen mit „Migrationshintergrund“. Viele von ihnen sind mit zwei Kulturen aufgewachsen und bewegen sich ganz selbstbewusst mit und in ihnen. Was wir von jungen Menschen lernen können, die sich „zweiheimisch“ fühlen, beschreibt das gleichnamige Buch in 12 Porträts.

Eigentlich dürfte dieses Buch nicht nötig sein, bei 15,3 Mio. Menschen mit so genanntem „Migrationshintergrund“ in Deutschland. Bei aller gelebten Vielfalt müsste es vollkommen normal sein, dass und wie Migranten in der deutschen Gesellschaft leben. Ist es aber nicht, meint Cornelia Spohn, Biografieforscherin und Bundesgeschäftsführerin des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften e.V.. Sie sieht hier eher ein Paradoxon: Obwohl diese Menschen sich einen Platz in unserer Gesellschaft erobern, sei es doch beschämend festzustellen, wie schwer wir es ihnen machen. Deswegen hat Spohn in der edition Körber-Stiftung das Buch zweiheimisch. Bikulturell leben in Deutschland initiiert und herausgegeben. Mit den dort versammelten Lebensgeschichten sollen die positiven Aspekte der Einwanderungsgesellschaft hervorgehoben werden, da es negative genug gäbe. Immer noch gängig sei etwa, so Spohn in ihrem Vorwort, das typische Vorurteil vieler Deutscher, die meisten Migrantenkinder würden doch sowieso aus sozial schwachen Elternhäusern kommen und könnten kaum Deutsch. Da ist es meistens nicht mehr weit zur Standard-Ansicht, die Integration sei gescheitert, da die meisten Migranten nur in ihrer eigenen Welt lebten, also der viel beschworenen Parallelgesellschaft.
Die Porträtierten, Einwandererkinder türkisch-christlicher, halb-kubanischer, halb-iranischer, montenegrinisch-muslimischer, vietnamesischer, kurdischer, halb-italienischer, kasachischer, halb-ghanaischer und tunesischer Herkunft im Alter von 17 bis 32 Jahren, stellen sich diesen Vorurteilen nach Kräften entgegen. Sehr offen äußern sie sich gegenüber ihren Gesprächspartnern, was auch daran liegen mag, dass für das Projekt drei Journalisten eingesetzt wurden, die selbst über einen „Migrationshintergrund“ verfügen.

„Andersartigkeit“ als Chance genutzt

Alle 12 Porträtierten haben weiß Gott keinen einfachen familiären, sozialen und politischen Hintergrund. Aber sie alle eint das frühe Bewusstsein, anders zu sein als die anderen und darauf irgendwie reagieren zu müssen, anstatt sich in die Opferhaltung zu ergeben. Sie alle legen einen gründlichen Ehrgeiz in Schule und Beruf an den Tag, und oft auch in privaten Dingen. Wenn sie beispielsweise zusätzlich Dolmetscher und Lehrer für ihre Eltern sein müssen und durch deren mangelnde Deutschkenntnisse und schlechte Berufslage oder Arbeitslosigkeit eine strukturelle Benachteiligung im Alltag erfahren, die gleichzeitig eine weitere Belastung darstellt. Fast alle äußern in dieser Hinsicht ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern: „So sehr sie mich auch lieben – in vielen Dingen können sie mich nicht unterstützen, sondern ich unterstütze sie“, formuliert es etwa der 17-jährige Mehmet. Mehmet hat völlig selbstständig gepaukt, bis er es auf das Gymnasium schaffte und dort gleich eine Klasse übersprang. Zusätzlich engagiert er sich als Streitschlichter an seiner Schule und ist durch diese Vermittlerposition ein vertrauenswürdiger Gesprächspartner für Mitschüler wie Lehrer. Für dieses soziale Engagement und seine außerordentlichen schulischen Leistungen bekommt er ein Schüler-Stipendium der Hertie-Stiftung von 100 Euro im Monat. Dies bringt er selbstverständlich mit in die Familienkasse ein, die sonst nur aus Arbeitslosengeld und Kindergeld besteht.

Benachteiligt? Sozial schwach? Fühlt Mehmet sich nicht. Zwar kritisiert er stark das „Gerede vieler Politiker“ über Integration, weil er überzeugt davon ist, dass Integration viel mehr mit der Suche nach einem Weg, die eigenen Pole miteinander zu verbinden, zu tun hat, als mit der Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft. Aber er fordert auch von seinen eigenen Landsleuten mehr Engagement: „Gerade viele junge Türken reden ständig davon, dass sie hier unerwünscht seien und von den Deutschen diskriminiert würden. Das nehmen sie als Vorwand, um sich abzuschotten und sich in ihrem Ghetto einzuschließen. Diese Gesellschaft bietet etliche Möglichkeiten, etwas aus sich zu machen.“

Bewusstsein und Bildungsmöglichkeiten stärken

Herausgeberin Cornelia Spohn; Foto/Copyright: Nadine Bracht So einfach wie für Mehmet, der schon früh gelernt hat, selbstbewusst Deutscher und kurdischer Türke zu sein, war es allerdings für andere der „Zweiheimischen“ nicht. Der 32-jährige Halbitaliener Thomas etwa befand sich nach der Entdeckung seines „Andersseins“ in einer relativ langen Trotzphase, in der er alles Italienische an sich regelrecht verweigerte. 40 Jahre nach dem Gastarbeiter-Abkommen zwischen Italien und Deutschland bilanziert er: „Die meisten Menschen in Deutschland meinen, Italiener seien hier vollkommen integriert. Doch die Statistiken belegen das Gegenteil: Unter italienischen Schülern ist der bundesweite Anteil derjenigen, die eine Sonderschule besuchen, erschreckend hoch, höher als etwa unter Jugendlichen türkischer Herkunft. Dagegen ist der Anteil unter den Gymnasiasten erstaunlich niedrig.“ Thomas führt das einerseits darauf zurück, dass die ersten Italiener in Deutschland sich stark auf die Arbeit konzentrierten, um bald zurückkehren zu können, und so nie gelernt haben, ihre Interessen in der Öffentlichkeit zu vertreten. Andererseits habe Deutschland die ersten Arbeitsmigranten nur als Gäste betrachtet und ihnen nie Förderangebote oder ähnliches gemacht. Wahrscheinlich auch deswegen versucht Thomas, seinen Teil für eine bessere Zukunft von Migrantenkindern beizutragen: Er arbeitet heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Erziehungshilfe an der Uni Köln.

Nur die Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft fehlt noch

Jugend ist eine ohnehin schwierige Zeit, in der man sehr sensibel ist für das Bild, das man anderen von sich vermittelt und in der man sich aus verschiedenen Erfahrungen, Begegnungen und gesellschaftlichen Errungenschaften seine Identität zusammenbastelt. Die Art, wie die Jugendlichen in diesem Buch zusätzlich zum Erwachsenwerden auch noch über ihre kulturelle Andersartigkeit gestolpert sind, letztlich aber anstatt zu fallen mit einem doppelt gestärkten Bewusstsein aufrecht weitergingen, ist beeindruckend. Dass sie die Unwegbarkeiten in ihren Lebensläufen als Chance begreifen zeigt, dass hier eine Generation heranwächst, die der Gesellschaft ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Diese Jugendlichen „zeigen durch ihre Präsenz im familiären, schulischen und beruflichen Alltag, dass sie über enorme Lebensführungskompetenzen und Ressourcen verfügen, um neue soziale Wirklichkeiten in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft zu gestalten“, erklärt der Psychologe Tarek Badawia im Nachwort. - Wenn die Gesellschaft sie lässt: Die vermeintlich „echten“ Deutschen müssen erst noch lernen, dass es kein Entweder-Oder, kein „Wir hier - ihr dort“ gibt. Wenn diese jungen Leute sich nicht zerrissen fühlen, warum sollte es dann die Gesellschaft sein?

Cornelia Spohn (Hrsg.): zweiheimisch. Bikulturell leben in Deutschland. edition Körber-Stiftung, Hamburg 2006. ISBN-Nr.: 978-3-89684-063-9.

Kerstin Fritzsche
ist Mitglied der Online-Redaktion.

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Dezember 2006

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