Kulturszene

„Intercultural Mainstreaming“ – ein Plädoyer für die interkulturelle Öffnung der Gesellschaft

Schwarze Jungfrauen
In vielen deutschen Städten gibt es jedes Jahr eine „interkulturelle Woche“. Jeden Abend findet da eine andere Veranstaltung statt, in der Personen mit Migrationshintergrund etwas lesen oder vortragen, Theater spielen oder tanzen. Wenn man dieses Konzept ernst nimmt, dann heißt das im Rückschluss: 51 Wochen des Jahres sind in Deutschland nicht interkulturell. Nach 100 Jahren Einwanderung ist es offensichtlich, dass diese Feststellung nicht zutrifft.

Dennoch gibt es ein verbreitetes Vorurteil und das besagt: Es existiert eine „deutsche Kultur“ und daneben existieren die Kulturen der Migranten – und Letztere bilden den Bereich der Interkultur. Zudem wird oft angenommen, dass die „deutsche Kultur“ etwas ist, dass sich quasi naturwüchsig entfaltet hat und weiter entfaltet und dass man in seiner künstlerischen Freiheit auf gar keinen Fall beschneiden darf. Für die „Migrantenkulturen“ freilich gilt das genaue Gegenteil, denn hier pflegt man gerne einen instrumentellen Umgang mit Kultur: Kultur soll dazu dienen, den sozialen Frieden zu gewährleisten, das heißt sie soll die Folgen einer dramatischen Arbeitslosigkeit kitten und auch noch Fundamentalismus und Terroranschläge verhindern.

Teil der deutschen Kultur

Nun widersprechen solche Vorstellungen mittlerweile der Realität. Es gibt Schriftsteller, Regisseure, Musiker und Künstler nichtdeutscher Herkunft, die sich ganz selbstverständlich als Teil der deutschen Kultur betrachten. Jedoch passiert es immer wieder, dass diese Personen als „türkische“ oder „iranische“ Kulturschaffende betrachtet werden. Ferner handelt es sich weiterhin um Einzelne, die sich gegen viele Widrigkeiten ihren Platz erkämpft haben. Die Institutionen der Hochkultur in Deutschland haben sich dagegen noch kaum damit befasst, dass die Zusammensetzung der Gesellschaft sich verändert hat. In den hoch subventionierten Theatern oder Museen trifft man selten auf Menschen mit Migrationshintergrund. Die Einbeziehung der Bevölkerung in ihrer ganzen Vielfalt ist allerdings die Zukunftsaufgabe dieser Institutionen – allein schon demographisch.

Entscheidende Weichenstellung

In den Schulen von Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsstärksten Bundesland, besitzen heute dreißig Prozent der Schüler Migrationshintergrund, Tendenz steigend. Interkultur ist daher keineswegs die Spielwiese der Einwanderer, sondern eine entscheidende Weichenstellung für die Zukunft. Interkultur sollte verstanden werden als die ausdrückliche Anerkennung von unterschiedlichen Herkünften und Zugängen als Ressource für die kulturelle Entwicklung in der Bundesrepublik. Dazu braucht es aber zunächst eine interkulturelle Öffnung. Dabei handelt es sich um einen manchmal schmerzhaften, aber auch höchst kreativen Prozess, in dem sich die Institutionen im Sinne eines Mainstreaming befragen müssen, inwiefern sie die Vielfalt in der Gesellschaft, also die unterschiedlichen Hintergründe, Voraussetzungen und Herangehensweisen im normalen Betrieb berücksichtigen. Nach dem Vorbild des „Gender-Mainstreaming“ müssen sämtliche Abläufe daraufhin abgeklopft werden, ob sie Personen, egal welcher Herkunft, auch tatsächlich die gleichen Chancen auf Teilhabe einräumen.

Das Beispiel Theater

Nehmen wir das Beispiel Theater. Da wäre zunächst die Frage: Wie viele Personen mit Migrationshintergrund sind eigentlich im Ensemble? Da es erfahrungsgemäß nur wenige sind, müssten die Rekrutierungstechniken überprüft werden, damit eine Zusammensetzung gewährleistet werden kann, die den gesellschaftlichen Verhältnissen entspricht. Die zweite Frage betrifft das Publikum. Festgestellt werden muss: Personen mit Migrationshintergrund nutzen das Angebot der Theater relativ wenig. Tatsächlich kennen viele die kulturelle Infrastruktur gar nicht. Das hat zunächst schlicht damit zu tun, dass Migranten aufgrund ihrer Schichtzugehörigkeit deutlich weniger zum Bildungsbürgertum gehören. Aber ein Besuch im Stadttheater macht vielen auch Angst, weil sie den Eindruck haben, dass sie die Benimmcodes des durchaus manchmal dünkelhaften Publikums nicht beherrschen. Insofern müsste der Raum geöffnet werden, zugänglich werden – möglicherweise über ein Konzert mit einem bekannten Popmusiker. Erst wenn der Raum in der „cognitive map“ bestimmter Gruppen auftaucht, beginnen sie auch, die dort gemachten Angebote überhaupt wahrzunehmen. Schließlich gibt es eine weitere Frage bezüglich der inhaltlichen Ausrichtung: Wird die Vielfalt auch thematisch einbezogen? Um wessen Vorlieben, Perspektiven und Probleme geht es im Theater? Auch dort wird ein Blick in viele Spielpläne zeigen, dass hier große Teile der Bevölkerung mit ihren Anliegen kaum auftauchen.

Als mein Vater vor 50 Jahren nach Deutschland kam und schließlich genügend Deutsch konnte, da ging er ins Theater. Das Theater in Athen war zu jener Zeit ein populäres Vergnügen: Man besuchte es nach der Arbeit und dort wurde gegessen, gelacht und geschrien. Man kann sich leicht ausmalen, wie mein Vater sich im Kreise des steifen Publikums in Deutschland gefühlt haben muss, wo damals noch jedes Hüsteln sanktioniert wurde. Er ist nie wieder ins Theater gegangen. Verändert hat sich einiges, aber noch nicht genug. 50 Jahre später sind die Kulturinstitutionen dazu aufgerufen, die Kinder und Kindeskinder der abwesenden ersten Generation dazu einzuladen, in ihren Räumen lautstark zu sprechen, zu lachen und zu husten.

Mark Terkessidis
ist promovierter Psychologe und arbeitet als Journalist und Autor mit den Themenschwerpunkten Popkultur, Migration und Rassismus. Er ist Mitbegründer des „Institute for Studies in Visual Culture“ in Köln. 2006 verfasste er zusammen mit der Migrationsforscherin Yasemin Karakasoglu einen intensiv debattierten offenen Brief, der für mehr Rationalität in der Integrationsdebatte plädierte. Zuletzt erschien sein Buch „Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung – von Migranten und Touristen“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2007

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