Kulturszene

Eine visuelle Sprache der Migration

Copyright: MigrantasCopyright: MigrantasDas Kollektiv Migrantas macht öffentlich, was Migrantinnen im deutschen Alltag erleben und fühlen – mit Piktogrammen, die auf Zeichnungen von Migrantinnen basieren.

Es sind nur wenige Linien, schwarz auf weißem Hintergrund: Sie skizzieren eine Frau, die auf einen Koffer vor sich schaut. Darunter steht: Warum und wozu? Obwohl die Figur kein Gesicht hat, meint man, Zweifel und Niedergeschlagenheit zu erkennen. Entworfen hat die Grafik die argentinische Künstlerin Marula di Como, vor sechs Jahren, kurz nach ihrem Umzug von Buenos Aires nach Berlin. Schon in ihrer Heimatstadt waren einfache Grafiken oder Piktogramme Teil ihrer künstlerischen Sprache. Mit der argentinischen Grafikerin Florencia Young, die zur gleichen Zeit nach Berlin übergesiedelt war, entwickelte sie eine Serie von Piktogrammen, die ihre Gefühle von Fremdsein abbildeten. Unter dem Namen Proyecto Ausländer präsentierten sie ihre Arbeiten als großformatige Plakate im öffentlichen Raum in Buenos Aires.

Was denken und fühlen Migranten?

Copyright: MigrantasBald darauf entstand die Idee, nicht nur die eigenen Empfindungen, sondern die aller Migrantinnen abzubilden und in der Öffentlichkeit zu präsentieren – mit Piktogrammen, die aussagestark und universell verständlich sind. Vor vier Jahren gründeten Di Como und Young das Kollektiv Migrantas und veranstalten seitdem regelmäßig Workshops, in denen Migrantinnen ihre Gedanken und Gefühle zu ihrer Lebenssituation in Deutschland in Zeichnungen darstellen, aus denen dann die Piktogramme entwickelt werden.

Das Atelier des Kollektivs, zu dem mittlerweile auch die argentinische Journalistin Alejandra López und die Stadtplanerin Irma Leinauer gehören, ist ein helles Zimmer in der Dachgeschoss-Wohnung von Florencia Young in Berlin-Wilmersdorf: an den Wänden Plakate der Piktogramme, auf einem Schreibtisch viele Blätter mit Bleistift-Zeichnungen, auf einem anderen ein großer Bildschirm, Ausdrucke von Piktogramm-Entwürfen und zwei aufgeklappte Laptops. Davor sitzen Alejandra López, Marula Di Como und Florencia Young und diskutieren die neuen Entwürfe.

Zeichnungen als Grundlage

Copyright: MigrantasBisher fanden Workshops in Berlin und Hamburg statt. Dieses Jahr veranstaltete Migrantas im Rahmen des Projektes Bundesmigrantinnen elf Workshops in verschiedenen Vereinen in Köln. „In Vereinen kennen sich die Frauen“, sagt Florencia Young. „Das ist gut für die Zeichnungen.“ In vertrauter Atmosphäre spräche es sich besser über Gedanken und Gefühle. Fünf bis fünfzehn Frauen nehmen normalerweise an einem Workshop teil. „Dieses Jahr waren Teilnehmerinnen aus 30 verschiedenen Ländern dabei“, sagt Alejandra López. „Und aus allen sozialen Schichten: von Analphabetinnen bis Doktorinnen.“

Zu Beginn eines Workshops stellen die Initiatorinnen ihr Projekt und sich selbst ausführlich vor. Dann bitten sie die Teilnehmerinnen, zu zeichnen, wie sie sich in Deutschland fühlen. „Viele rufen sofort: Ich kann nicht malen, bin doch nicht Picasso“, erzählt Alejandra Lopez. „Dann zeigen wir ihnen, dass es trotzdem geht.“ Sie nimmt ein leeres Blatt und zeichnet einen Kreis. „Das ist ein Kopf“, sagt sie und fügt eine an beiden Enden nach oben gekrümmte Linie hinzu. „Und das bedeutet, ich bin glücklich.“ Ganz einfach. Nach dem Zeichnen stellt jede Teilnehmerin ihr Bild vor und erklärt, was sie warum gezeichnet hat.

13 Piktogramme aus 250 Zeichnungen

Nach Themen geordnet liegen die Zeichnungen nun in verschiedenen Stapeln auf einem großen Tisch im Atelier: Bilder, die lediglich aus ein paar Strichen bestehen und andere, die kunstvoll ausgearbeitet sind. Ein paar Stapel sind dicker als die anderen, das sind die Themen, die besonders viele Migrantinnen bewegen: Bildung, Sprachprobleme, das Zusammenleben der Kulturen, die Zerrissenheit zwischen zwei Heimaten. 250 Zeichnungen sind in diesem Sommer in den Workshops in Köln entstanden. Dreizehn Piktogramme hat das Kollektiv daraus entwickelt – visuell und konzeptuell bezogen auf die Ideen, die die Teilnehmerinnen zum Ausdruck gebracht haben. Manche Piktogramme geben eine Zeichnung eins zu eins wieder, andere setzen sich aus zwei verschiedenen zusammen. Florencia Young zeigt ein Blatt, auf dem sich eine afrikanische Frau gezeichnet und „Kölnerin“ darunter geschrieben hat. „Dieses Motiv haben wir in einem Piktogramm in den Vordergrund gesetzt“, sagt Young und nimmt eine andere Zeichnung, auf der eine Moschee neben einer Kirche steht. „Und diese Idee haben wir für den Hintergrund verwendet.“

Copyright: Migrantas

Sichtbar im urbanen Raum

Die Piktogramme im öffentlichen Raum zu zeigen und zum Nachdenken und Diskutieren anzuregen, ist das eigentliche Ziel von Migrantas. „Es wird viel über Migration geredet, aber die meisten Leute wissen nicht, was Migranten wirklich denken und fühlen“, sagt Florencia Young. Dazu haben Di Como, López, Leinauer und Young, die allesamt in ihrer Freizeit für Migrantas arbeiten, drei der dreizehn Piktogramme ausgewählt, die als Plakate und Postkarte erscheinen werden. Ein schwieriger Prozess. „Es müssen Themen sein, die in der Öffentlichkeit etwas ansprechen“, sagt Florencia Young. Entschieden haben sie sich für die Themen Einbürgerungstest, Bildung und das Heimatgefühl in Deutschland.

Eine Ausstellung schließt das Projekt ab. Sie zeigt neben den Piktogrammen auch alle Originalzeichnungen, ergänzt durch ausgedruckte Zitate der Migrantinnen. Alle Frauen, die an den Workshops teilgenommen haben, werden zur Ausstellungseröffnung eingeladen. Sie lernen sich kennen und können sich austauschen. „Am schönsten sind die begeisterten Blicke der Frauen“, sagt Alejandra Lopez. „Wir merken immer wieder, wie schön es für sie ist, ihre Zeichnungen in einer Ausstellung zu sehen.“ Und sehr bald könnten einige sie sogar als Piktogramme auf großen Plakaten an Bushaltestellen, Litfasssäulen oder Häuserwänden überall in der Stadt sehen.

Eine Wanderausstellung zeigt die Ergebnisse der zahlreichen soziokulturellen Projekte, die Migrantas von 2003 bis heute in Berlin, Buenos Aires, Hamburg und Köln realisiert hat. Zweisprachige Texte mit zahlreichen Abbildungen erläutern die Arbeit mit vielen hundert Migrantinnen. Die Ausstellung besteht aus sechs bis neun Banner-Displays (195 x 70 cm) und kann in öffentlichen Einrichtungen sowie auf Tagungen, Kongressen oder Symposien zu den Themen Migration und Integration eingesetzt werden.

Katja Hanke
ist freie Journalistin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
November 2008

Links zum Thema

goethe.de/einfachhoeren

Lustige Geschichten von Pferden, Hexen und Fußballern – auf Arabisch vorgelesen und als Podcast zum Herunterladen und überall anhören!

goethe.de/wohin

Wohin? 21 Fragen zu Flucht und Migration

goethe.de/willkommen

Deutschlernen für Flüchtlinge

Ankommen-App

Ein Wegbegleiter für Ihre ersten Wochen in Deutschland

Mein Weg nach Deutschland

Videos und Sprachübungen für Deutschlerner