Kulturszene

„Wir sind Romantiker mit offenen Augen“

Postkarte aus der Marxloh-Serie von Rainer Kzonsek; © Rainer KzonsekPostkarte aus der Marxloh-Serie von Rainer Kzonsek; © Rainer Kzonsek„Klein-Istanbul“ wird der im Norden Duisburgs gelegene Stadtteil Marxloh abschätzig genannt. Fast zwei Drittel der hier lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund. Zurzeit entsteht dort, was niemand in solchen Bezirken vermutet: eine kreative Parallelgesellschaft. Ein Besuch bei Halil Özet, einem der beiden Gründer der Film- und Fernsehproduktion „P.Y.P.“.

Wer das Büro der Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft „P.Y.P.“ in Duisburg-Marxloh betritt, kommt nicht umhin, das groß kopierte Bekenntnis an der Eingangstür zu lesen. Es ist ein Zitat aus einem Buch von Camille de Toledo mit dem viel sagenden Titel „Goodbye Tristesse“: „Wir eröffnen die Welt wieder, nachdem sie geschlossen war, und geben es bekannt, als wäre sie ein Geschäft auf den Champs-Elysees. Wir werden es jetzt laut und deutlich sagen können, ohne dabei in Lachen auszubrechen: Wir sind Romantiker mit offenen Augen.“

„Ich bin ein Marxloher“

Nur ein paar Schritte entfernt ist die Weseler Straße, das Zentrum des im Norden von Duisburg gelegenen Stadtteils. Die ist mit den Champs-Elysees zwar kaum zu vergleichen, doch reichlich Platz für kühne Zukunftsentwürfe gibt es hier allemal, Tristesse sowieso. Denn obwohl es in Marxloh seit ein paar Jahren wieder aufwärts geht, stehen noch immer viele Ladenlokale und Wohnungen leer. Rund 18.000 Menschen leben in dem abschätzig „Klein-Istanbul“ genannten Bezirk. Fast zwei Drittel haben einen Migrationshintergrund. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 19,8 Prozent weit über dem ohnehin hohen Durchschnitt der vom Strukturwandel hart getroffenen Stadt, und jeder Vierte verlässt die Schule ohne Abschluss.

Halil Özet, zusammen mit Rainer Kzonsek Begründer von „P.Y.P.“, ist in Marxloh aufgewachsen. Sein Vater kam in den 1960er Jahren nach Deutschland und arbeitete in einem Duisburger Stahlwerk. Der Sohn hingegen wollte Filme machen, reiste als Kameramann um die Welt. Nach Stationen in Essen und Köln ist Özet mit seiner Film- und Fernsehproduktionsfirma 2003 wieder nach Duisburg zurückgekehrt. Nicht des Geschäfts wegen, sondern weil der 34-Jährige wissen wollte, wo seine Wurzeln liegen. „Ich bin kein Türke, ich bin kein Deutscher“, sagt Özet. „Ich bin Marxloher, und ich wollte ergründen, warum ich als Jugendlicher ein Problem mit Marxloh hatte.“

Schutzraum für Kreative

Halil Özet, © Rainer KzonsekZusammen mit Gleichgesinnten ging Özet deshalb daran, einen alten Hochbunker als „Medienbunker“ herzurichten, eigenhändiger Innenausbau inklusive. Heute haben in dem backsteinrot verklinkerten Bau neben den „P.Y.P.“-Büros Proberäume für Musikbands und eine Agentur für Webdesign Platz. Derartige Schutzräume finden sich zuhauf in den Kreativzonen in Berlin, Hamburg oder Köln. In Marxloh, wo sich auf Amtsdeutsch „sozialer Erneuerungsbedarf“ feststellen lässt, wirkt ein solches Projekt auf den ersten Blick wie ein urbaner Fremdkörper.

Özet war und ist sich bewusst, dass Marxloh ein denkbar schlechtes Image hat. Anders aber als viele Lokalreporter sieht der Filmemacher gerade hier Potenzial für eine kreative „Parallelgesellschaft“. Zusammen mit seinen Mitdenkern will er die Stigmatisierung als Chance nutzen, um die besondere Kreativität frei zu setzen, die im kulturellen Grenzgebiet Marxloh vorhanden ist.

Um auf diese schlummernden Möglichkeiten aufmerksam zu machen, haben sich Özet und seine von ihm „Kollektiv“ genannten Mitstreiter einen einfachen, auf das deutsche Gütesiegel anspielenden Slogan ausgedacht: „Made in Marxloh“. Ein ganz unbescheidenes Ziel motiviert das Team vom Medienbunker: die mediale Neuerfindung eines ganzen Stadtteils. Sie haben Marxloh-Filme gedreht und eine Reihe von Postkarten herausgebracht. Darauf sind Fotos des ebenfalls im Ruhrgebiet beheimateten Rainer Kzonsek zu sehen. In leuchtenden Farben zeigen sie typische Szenen und Gesichter aus Marxloh. Mittlerweile haben auch die Postämter der Umgebung diese Serie in ihr Sortiment übernommen. Doch finanziert hat dieses Projekt Özets Mutter. Beworben wird der Stadtteil auch auf Biobaumwoll-T-Shirts. Der Aufdruck zeigt eine Klingel. Darauf steht: „Marxloh“, darunter der Zusatz: „Betreten auf eigene Gefahr“.

Ironie ist ein wichtiges Stilmittel der am Guerillamarketing geschulten Imagekampagnen des Medienbunkers. Bei den meisten Aktionen fungiert das Kollektiv als eigener Auftraggeber. Die finanziellen Mittel dafür spielt Halil Özet als Kameramann für Fernsehproduktionen ein. So wird der Betrieb am Laufen gehalten, um langfristig an etwas zu arbeiten, das Marxloh, Özet und den Medienbunker weiter bringt. Geld, daran lässt Özet keinen Zweifel, ist das nicht. Denn ökonomisch gesehen ist das zivilgesellschaftliche Engagement des Medienbunkers ein Zusatzgeschäft.

Zeitgemäße Bildungsanreize für Jugendliche

Postkarte aus der Marxloh-Serie von Rainer Kzonsek; © Rainer KzonsekDoch die Arbeit des Medienbunkers erschöpft sich keineswegs in dieser Imagekampagne. Gleistet wird auch konkrete Stadtteil- und Entwicklungsarbeit. Geht es nach Mustafa Tazeoglu, der wie Özet in Marxloh aufgewachsen ist und ebenfalls zum Medienbunker-Team gehört, wird Marxoh zwischen Kirche und Moschee in absehbarer Zukunft einen „Idea Store“ haben. Vorbild ist die gleichnamige Einrichtung in London, die das benachteiligte East End erheblich aufgewertet hat. Der „Idea Store“ hält neben Büchern auch DVDs, Spielkonsolen und Internetzugang für die Jugendlichen bereit, um Schwellenängste abzubauen. „Man muss hier zeitgemäße Bildungsanreize für die Jugendlichen schaffen“, sagt der 26-jährige Tazeoglu. „Eine solch moderne Einrichtung würde es gerade für Jüngere leichter machen, sich mit Marxloh zu identifizieren.“ Dieses Großprojekt ist natürlich eine Zukunftsvision. Doch davon kann es für Marxloh nicht genug geben.

Andrej Klahn
ist Redakteur des Kulturmagazins „K.WEST – das Feuilleton für NRW“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2009

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