Kulturszene

Kulturelle Bildung – Tanzstunden, die das Leben verändern

Unzählige Institutionen in Deutschland fördern junge Menschen mit Hilfe kultureller Projekte.  Foto: Andreas Kasube © Planet KulturUnzählige Institutionen in Deutschland fördern junge Menschen mit Hilfe kultureller Projekte.  Foto: Andreas Kasube © Planet KulturBildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe hängen wesentlich von der sozialen Herkunft ab. Kulturelle Bildung ist besonders wichtig für die Integration.

Einer hat Angst, sich auf andere Menschen einzulassen, die andere bangt um ihren Hauptschulabschluss. Wieder ein anderer ist gerade erst als Kriegswaise aus Nigeria gekommen und kämpft um einen Einstieg in das neue Leben. Erfahrungen mit klassischer Musik hat keiner der 250 Kinder und Jugendlichen, von denen viele Berliner „Problemschulen“ besuchen. Aber es sind Tanzstunden, die ihr Leben verändern: In nur sechs Wochen lernen sie Strawinskys Le Sacre du Printemps zu tanzen. Der Kinofilm Rhythm is it – you can change your life in a dance class brachte den Erfolg des ersten großen Education-Projekts der Berliner Philharmoniker in die Öffentlichkeit – und gab den Anstoß für Nachfolgeprojekte.

Kulturelle Bildung  wird auf allen politischen Ebenen als A und O betrachtet.  Foto: Andreas Kasube © Planet KulturIn Deutschland fördern unzählige Institutionen, dass insbesondere junge Menschen aus bildungsfernen Familien sich aktiv mit kulturellen Darstellungsformen auseinandersetzen. Darunter befinden sich zahlreiche öffentliche und freie Träger wie Kindergärten, Schulen, Theater, Bibliotheken, Museen oder Stiftungen. Allein „rund 400 Kinder- und Jugendkunstschulen und kulturpädagogische Einrichtungen in jeder Größe“ gehören laut Bundesverband der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen (bjke) dazu. Nachdem PISA und weitere Studien gezeigt haben, in welchem Maße die soziale Herkunft von Kindern und Jugendlichen über ihre Bildungschancen und ihre Möglichkeiten der aktiven gesellschaftlichen Teilhabe bestimmt, hat sich auch in der politischen Diskussion ein Umdenken zu neuen Bildungskonzepten durchgesetzt.

„Schlüsselfaktor der Integration“

„Kulturelle Bildung“ wird auf allen politischen Ebenen als A und O betrachtet und im Nationalen Integrationsplan als „Schlüsselfaktor der Integration“ bezeichnet. Kinder und Jugendliche sollen unabhängig von der Herkunft und dem Bildungskapital ihrer Familien durch kulturelle Aktivitäten miteinander ins Gespräch kommen, ein Verständnis für den Wert kultureller Vielfalt bekommen und durch Kulturrezeption und -produktion Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe kennenlernen.

So werden Schulen ermuntert, mit Museen oder Orchestern zusammenzuarbeiten und Kulturschaffende in den Unterrichtsalltag einzubinden. Stadtbüchereien bieten von Poetry-Slams bis hin zur multikulturellen Lesenacht die unterschiedlichsten kulturellen Angebote an. In Ausstellungen werden die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen verschiedener sozialer und kultureller Herkunft dargestellt und an Kunst- und Musikschulen sowie Kinder- und Jugendtheatern lernen junge Talente Wege der kreativen Selbstdarstellung. Dabei wird einerseits an die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen angeknüpft, während andererseits neue Perspektiven der künstlerischen Selbstverwirklichung und allgemeinen Lebensgestaltung aufgezeigt werden.

Musical-Projekt des Planet Kultur e. V.

Planet Kultur: Als Belohnung winkt der Publikumsapplaus im Schauspiel Köln.  Foto: Christoph Seelbach © Schauspielhaus KölnDer Kölner Verein Planet Kultur beispielsweise erarbeitet seit 2004 alljährlich mit musisch begabten arbeitslosen Jugendlichen ohne Schulabschluss eine eigene Musicalfassung eines Shakespearestückes. Neben der klassischen Textvorlage fließen mit arabischsprachigen Songs oder Hip-Hop-Einlagen die sprachlichen, musikalischen und tänzerischen Hintergründe der Jugendlichen ein. „Anders als im normalen Schulalltag werden die Jugendlichen hier nicht an ihren Schwierigkeiten und Defiziten, sondern an ihren Talenten gemessen“, berichtet die Projektleiterin Lisa Mehnert. So kann es vorkommen, dass sich ein tänzerisch und ein stimmlich begabter Jugendlicher die Papageno-Rolle teilen.

Das schafft nicht nur Selbstbewusstsein, sondern fördert auch praktische alltagsrelevante Kompetenzen: Beim Umschreiben und Auswendiglernen der Texte werden sprachliche Fertigkeiten trainiert, Kreativität gefördert, Disziplin, Teamfähigkeit und Toleranz abverlangt. Motivationsfaktor: Wer seine Schritte nicht lernt oder zu spät zu den Proben kommt, bekommt Ärger mit der Gruppe. Als größte Belohnung winkt der Publikumsapplaus bei der Premiere im Theaterhaus Schauspiel Köln.

„Kein Talent darf verloren gehen“

Bei den Neuköllner Talenten liegt der Fokus auf einer 1:1-Beziehung.  Foto: Thomas Bruns © Neuköllner TalenteEinen anderen Ansatz der Talentförderung verfolgt das Projekt „Neuköllner Talente“. Hier liegt der Fokus statt der Gruppenarbeit auf einer 1:1-Beziehung. Kinder aus dem Berliner „Problembezirk“ bekommen einen ehrenamtlichen erwachsenen Paten zugewiesen, mit dem sie in wöchentlichen Treffen Aktivitäten unternehmen. Weil je nach Neigung nicht nur Puppentheater und Gitarrespielen auf dem Programm stehen, sondern auch Fußball gespielt oder das Planetarium besucht wird, können die Kleinen dabei neben künstlerischen auch sportliche oder naturwissenschaftliche Begabungen entdecken. „Viele Kinder werden in ihrer Entwicklung permanent abgewertet. Spätestens wenn sie die Schulempfehlung als Hauptschüler bekommen, wissen sie, dass sie den Rand der Gesellschaft darstellen“, weiß die Projektleiterin Idil Efe. Sie hofft, dass Kinder in den Treffen mit ihren Paten ihre Begabungen und Interessen entdecken und Einblick in die unterschiedlichen Berufs- und Lebensbereiche bekommen.

Grundlage für alle diese Projekte ist die Einsicht, dass Talente nicht nur ein großes Potenzial für die Entwicklung eines Kindes darstellen, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Ressource: ein wichtiger Beitrag zur Integration benachteiligter Menschen in Deutschland.

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010

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