Kulturszene

Lebensrealitäten – wie die Theater auf das Thema „Migration“ reagieren

Kevin Rittbergers „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung”, Wiener Schauspielhaus, © Alexi PelekanosDeutsche Stadttheater widmen sich in starkem Maße der Migrations-Thematik, scheuen sich aber häufig, das mit gängigem Erzähltheater zu tun.

In Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten durchaus ein Nebeneinander der Kulturen entwickelt. Nicht zuletzt weil ein Teil der Deutschen ihr Land aber nicht als Einwanderungsraum begreift, gibt es eine große Verunsicherung im Umgang mit den rund 15 Millionen Mitbürgern, deren Eltern und Großeltern nicht in Deutschland geboren wurden.

In so einer Situation ist es verdienstvoll, dass die freie Theaterszene und die Stadttheater nun schon seit einigen Jahren Texte und Theaterformen entwickeln, mit denen sie von einem migrantisch geprägten Leben erzählen. In den letzten Spielzeiten versäumte es kaum eine Bühne, den Spielplan entsprechend zu bestücken. Auffällig ist, dass der weitaus größte Anteil sich mit dem Zusammenleben der Deutschen mit Einwanderern aus der Türkei oder anderen muslimisch geprägten Ländern beschäftigt.

„Integration“ist ein Schlagwort, auf das das Berliner Ballhaus Naunynstraße seit 2008 reagiert und sich als „Kristallisationspunkt für Künstlerinnen und Künstler migrantischer und postmigrantischer Verortung“ versteht. Im Moment ist das Ballhaus die Adresse des sogenannten „postmigrantischen Theaters“. Ansonsten nehmen sich vor allem die Theater in den Städten verstärkt den Folgen der Arbeitsmigration an, die aufgrund ihres industriellen Arbeitsplatzangebots schon in den 1950er-Jahren hohe Zuwanderungsraten aus der Türkei hatten.

Arbeitsmigration

Das Logo der Creative Factory im Gemeinschaftszentrum im Jungbusch/MannheimEin Beispiel: Mannheims Arbeitsmarkt wird von der BASF dominiert, während auf der künstlerischen Seite die freie „Creative Factory im Gemeinschaftszentrum im Jungbusch“ sich mit der Lebensrealität türkischer Jugendlicher beschäftigt und das Mannheimer Nationaltheater sich ebenfalls immer wieder dem Thema widmet. Gegen Ende der Spielzeit 2011/2012 etwa bietet das Mannheimer Schauspiel mit Mosaik einen „Rundgang“ durch ein Mannheim an, dessen Lebensrhythmus durch den Koran bestimmt wird.

Das ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, dass Theatermacher inzwischen einen Zugang zu den Geschichten rund um die Arbeitsmigration aus den Weiten Anatoliens haben. Wird in diesem Zusammenhang dennoch kritisiert, das sei zu wenig, wie das der in Ankara geborene Nurkan Erpulat auf Podiumsdiskussionen tut, wird deutlich: nicht die Theaterabende selbst sind gemeint, sondern dass türkischstämmige Schauspieler, Regisseure und Bühnenbildner zu wenig an solchen Produktionen beteiligt sind.

Migrationsverteilung

Ballhaus Naunynstraße; Foto: Lutz KnospeNurkan Erpulat hat am Ballhaus Naunynstraße mit Verrücktes Blut das diesjährige Stück des Jahres inszeniert und trifft mit seiner Kritik insofern ins Schwarze, als der Anteil der Berufstätigen mit Migrationshintergrund in den Theatern tatsächlich gering ist. Der spannenden Frage, warum das so ist, sollte man nachgehen. Eine weitere stellt sich, wirft man einen Blick auf die Migrationsverteilung in deutschen Landen.

Knapp ein Viertel, also fast 4 Millionen der in Deutschland lebenden Migranten, sind Aussiedler vornehmlich aus der ehemaligen Sowjetunion. Die nächstgrößere Gruppe stellen mit 2,6 Millionen türkischstämmige Migranten, knapp eine halbe Million Menschen kommen aus Afrika über das Mittelmeer nach Deutschland und leben dort häufig illegal.

Armutsmigration

Korreliert man die Spielpläne der deutschen Theater mit diesen Zahlen, fällt auf, dass ausgerechnet die Lebenswelt der größten Migrationsgruppe am wenigsten vertreten ist. Texte, Inszenierungen oder Projekte zu den in Deutschland lebenden Aussiedlern gibt es so gut wie nicht, sieht man von Ausnahmen wie Rimini Protokolls Bodenprobe Kasachstan ab. Der zweite Befund: Mit der aus Afrika nach Europa wandernden Armutsproblematik wollen die Theater sich zwar beschäftigen, sie tun sich aber schwer damit.

Wo in diesem Fall Probleme lauern können, sieht man an Kevin Rittbergers Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung. Der Autor und Regisseur recherchierte in Südspanien. Dort landen die Armutsmigranten, die Gibraltar als „Brücke“ nach Europa nutzen. Rittberger geht es um dieses Gefühl der Aussichtslosigkeit, von dem sie nach den ersten Schritten auf europäischem Boden heimgesucht werden.

Erzählhemmung

„Über die Grenze ist es nur ein Schritt“ von Michael Müller; Uraufführung am 14. Januar 2011 im Utopia-Mobil-Bus, Regie: Johan Heß; © Oliver FantitschSein Text, der in der Uraufführung des Wiener Schauspielhauses zu den Mülheimer Theatertagen 2011 eingeladen wurde, wirkt allerdings, als sei er von der Frage überschattet worden: Kann man so einem Thema mit gängigem Erzähltheater überhaupt beikommen? Rittberger macht das intelligent und serviert Ansätze von Flüchtlingsgeschichten, während er gleichzeitig die Erzählhemmung thematisiert, der man angesichts solcher Geschichten ausgesetzt sein kann.

Einen völlig anderen Zugang findet Michael Müller mit Über die Grenze ist es nur ein Schritt. Der Dramaturg am Jungen Hamburger Schauspielhaus erzählt die Geschichte von Dede, der mit seiner Mutter und Schwester aus Ghana über Algerien nach Deutschland geflüchtet ist und jetzt illegal in Hamburg lebt. Überzeugend ist die Uraufführung nicht zuletzt deshalb, weil sie zeigt, dass man sich so einem Thema durchaus mit Erzähltheater nähern kann.

Jürgen Berger
ist freier Theater- und Literaturkritiker für die „Süddeutsche Zeitung“, „taz“ und „Theater heute“. Von 2003 bis 2007 war er Mitglied im Auswahlgremium des Mülheimer Dramatikerpreises und bis 2010 in der Jury des Berliner Theatertreffens. Seit 2007 ist er Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2011

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