Kulturszene

„Menschen verbindet viel mehr als sie trennt“ – ein Gespräch mit Renan Demirkan

Coverausschnitt des Buches „Respekt“; © HerderCover des Buches „Respekt“; © HerderRenan Demirkan fordert mehr Freiraum für das kreative Potenzial eines jeden. Besonders im künstlerischen Schaffen könne der Mensch hinter die konstruierte Fremdheit blicken und dadurch auch mehr über sich selbst erfahren. In ihrem neuen Buch entwickelt die Schauspielerin eine kosmopolitische Alltagsphilosophie. Goethe.de hat mir ihr darüber gesprochen.

Wo ich auch hinschaue, ich sehe nur Fremde. Wie stellen Sie sich denn unser Zusammenleben vor?

So, wie wir das hier machen. Sich gegenüber setzen und ansehen, zum Beispiel. Ich bin eine „alte“ Frau, Sie sind ein junger Mann. Sie haben Fragen, ich kann antworten, aber ich habe auch Fragen an Sie. Ein Ich wird man nicht allein. Ein Ich braucht ein Gegenüber, das antwortet. Denn da entsteht eine Beziehung, da entstehen Emotionen und Fremdheit löst sich auf. Es geht um die Offenheit und die Bereitschaft dafür, den anderen in seiner Ganzheit wahrzunehmen. Egal auf welcher Sympathieebene sich das Gegenüber in meiner Wahrnehmung bewegt, es gilt die Jahrtausende alte goldene Regel: Tu ihm nichts an, was du nicht willst, das er dir antut. Es geht hier nicht um Schönfärberei, sondern um das genaue Hinsehen und den Perspektivwechsel. Zu erkennen, dass die verschiedenen Umstände die unterschiedlichsten Befindlichkeiten prägen, ist der erste Schritt, um den anderen zu verstehen.

Ist das hierarchiefreie Kommunikation?

Ich denke, ja. Das heißt nicht, dass wir alle die gleichen Rechte haben. Aber wir sind alle gleichrangige Wesen. Menschen verbindet viel mehr als sie trennt. Aber wir reden immer vom Trennenden und machen das damit zum Ideal. Wir müssen die verbindenden Elemente denken und dann brauchen wir nicht über Integration reden, dann müssen Sie mich nicht fragen: Wie soll das geschehen? Ich kann als Humanistin nicht akzeptieren, dass der eine mit einer Deutungshoheit auf den anderen schaut und sagt, du musst so sein wie ich.

Toleranz ist eine Form von kultureller Quarantäne

Was ist falsch an Toleranz?

Toleranz hat eine Alibifunktion, um sich nicht wirklich mit dem Gegenüber auseinandersetzen zu müssen. Dulden heißt, ich gebe dem da einen Freiraum, jedoch nur solange sich dieser meinen Anweisungen fügt. Toleranz ist eine Form von kultureller Quarantäne, eine Art soziokulturelles Reservat, deren Absperrungen auch mal geöffnet werden. Aber das Interesse an einer gemeinsamen Welt, einem gemeinsamen Sein, ist nicht gegeben. Das Trennende ist das Prinzip der Toleranz. Es besteht auf die Distanz, auf die Fremdheit. Solange der tolerante Geist regiert in einem Land, wird auch das Fremde als Idealbild bleiben. Im Respekt ist das Verbindende das Prinzip.

Man redet gerne abstrakt über Migranten. Bei Veranstaltungen zum Thema – ob diskutiert, ausgestellt oder aufgeführt wird – ist, abgesehen von den Vorzeigemigranten in der Expertenrunde, die eigentliche Zielgruppe im Publikum meist nur sehr spärlich vertreten.

Wenn wir ein wirkliches Miteinander wollen, ein echtes Zusammenleben auf gleicher Augenhöhe mit den sozial Schwachen oder den kulturell Unbekannten, dann müssen wir die Menschen dort abholen, wo sie sozial oder kulturell beheimatet sind. Wir müssen Räume schaffen, in denen sie sich als Personen, als Identitäten wahrnehmen, wo sie selbst kreativ und tätig werden können, für sich und für uns alle. Jeder sollte erfahren, dass er willkommen ist in der Gemeinschaft. Wir müssen die gesellschaftlichen Ränder fördern und motivieren kreativ zu sein. Und sie werden es sein.


Renan Demirkan liest aus ihrem Buch „Respekt“

Kein Weichkochen von Gegensätzen

Sie wollen mehr Menschlichkeit, mehr Empathie, mehr Solidarität und mehr Gerechtigkeit unter den Menschen. Wie wollen Sie das erreichen?

Es geht darum, ein politisches Klima zu schaffen, das diese ausgrenzende Fremdheit erst gar nicht entstehen lässt. Und das geht nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten, durch andere Sozialgesetze und Einwanderungsrichtlinien. Wenn wir uns einig darin sein könnten, dass jeder auch immer die Ergänzung des anderen ist und dass wir die größtmögliche Kraft dann erzielen, wenn es ein Miteinander gibt, dann müssten wir damit schon in den Vorschulen anfangen.

Im Sehen des Gegenübers erkenne ich mich selbst. Das ist ein Grundtraining des Respekts. Indem ich mich öffne, öffne ich mich nicht nur für den anderen, sondern auch für mich selbst. Respektvolles Miteinander ist kein esoterisches Weichkochen von Gegensätzen. Sondern im Gegenteil – je klarer und authentischer der Blick, umso konkreter die Kommunikation.

Was kann der Okzident vom Zusammenleben im Orient und der Orient vom Okzident lernen?

Der wesentliche Unterschied in beiden Gesellschaftsmodellen ist, dass der Orient das Ich im Wir einschließt und der Okzident das Wir aus dem Ich extrahiert. Und ich glaube, dass wir einen großen Teil des orientalischen Wir in unser europäisches Ich importieren sollten und umgekehrt eine stabile Mehrheit des europäischen Ichs implantieren in das so allumfassende orientalische Wir. In beidem steckt so viel Potenzial. Die Fremdheit zum Islam zu überwinden bedeutet ein Gewinn für das Christentum und genauso umgekehrt.

Das Wir ist im Orient so dominant, dass das Ich zu ersticken droht. Sie sehen das jetzt an den Umbrüchen in Nordafrika. Im gesamten Orient revoltiert die Jugend. Dort ist der gesellschaftliche Anteil der Jugend auch viel höher. Umso deutlicher wird ihr Verlangen nach einem selbstgestalteten Ich. Hier ist es umgekehrt. Das Ich erstarrt in seiner Einsamkeit.

Das heißt, wir werden mit beiden gesellschaftlichen Modellen an Endpunkte kommen. Ich glaube aber, dass wir dem Scheitern des individualistischen Modells schon gefährlich nahe gekommen sind. Der Individualismus ist nicht weiter auszureizen. Deswegen wünsche ich mir aus der europäischen Perspektive, dass wir mehr übernehmen vom orientalischen Modell des gemeinschaftlichen Seins. Ich bin überzeugt, dass sich dann die Verschiedenheiten wie von selbst ineinander synchronisieren werden zu einem respektvollen Umgang nach der universellen goldenen Regel, in der das Ich auf gleicher Augenhöhe ist mit dem Wir.

Matthias Kühn
stellte die Fragen. Er ist freier Journalist in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2012

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