Migrationsgeschichte(n)

Ein Schönheitssalon als Begegnungsort

The Grand Beauty Salon | 2016 | © primate visions

Wer in Deutschland zum Frisör geht, den erwartet zumeist nur Smalltalk. Ganz anders im „Grand Beauty Salon“, den die Künstlerin Frauke Frech initiiert hat: Hier arbeiten Schönheitsexperten, die aus unterschiedlichsten Krisenregionen geflohen sind – und mit ihren Gästen über ganz zentrale Fragen ins Gespräch kommen.

Alle Blicke richten sich auf Felix: „My hair is different, so what would you do to it?“ Felix zupft unsicher an seinem dünnen Haupthaar herum. „No problem“, sagt Alaa Eddin. Er spricht fließend Englisch, hat in Damaskus als Sportlehrer gearbeitet und lebt jetzt in Dinkelscherben in der Nähe von Augsburg. „So how do you feel in Dinkelscherben?“ Beim Haareschneiden findet sich die Zeit, über wichtige Dinge ins Gespräch zu kommen: Der nomadische „Grand Beauty Salon“ ist ein Wandlungs- und Verhandlungsraum, in dem sich Menschen über ihr Verständnis von Schönheit, aber auch über das Woher und Wohin des anderen austauschen.



Die Akteure – geflüchtete Schönheitsexpertinnen und -experten unterschiedlichster Krisenregionen der Welt – behandeln ihre Kunden nach der Art ihres Herkunftslandes: Esther aus Nigeria manikürt Nägel und gibt Handmassagen, Mejghan aus Afghanistan zupft Augenbrauen mit der speziellen Fadentechnik und malt Henna-Tattoos. Alaa Eddin und Masoud aus Syrien schneiden Männern die Haare.

Support der Schokoladenseite

Frauke Frech versteht diese Veränderungen am Körper als performative skulpturale Prozesse, denen sie durch die verfremdete Namensgebung Ausdruck verleiht. „Fingerspitzenfeinübertragung“, „Entkratzbürsteln“, „Haare lassen“, „Vom Pfirsich zur Nektarine“ oder „Schokoladenseitensupport“ heißen die Anwendungen, die hier angeboten werden.
 
Der intime Begegnungsraum des „Beauty Salons“ ist Teil der sozialen Plastik „Grandhotel Cosmopolis“ – Ort des Zusammenlebens und des gemeinsamen Tuns von Künstlern und über 60 geflüchteten Menschen im Gebäude eines ehemaligen Altersheims im Springergässchen 5 in Augsburg. Kosmopolitisches Miteinander wird hier in unterschiedlichsten Formaten erprobt: In den von Künstlern gestalteten 16 Hotelzimmern leben die Gäste in unmittelbarer Nachbarschaft mit den aus Krisenregionen Geflohenen. Eine Plattform des Austauschs bieten die international besetzte Küche und die Café-Bar. Im Spannungsfeld dieser Begegnungsstätte haben sich verschiedene künstlerische Projekte entwickelt. Frauke Frechs Schönheitssalon ist eines davon. „So, would you say that hairdressing is art for you?” Frauke Frech richtet, die Schere in der Hand, vom Hocker herab, ihre Frage in den Raum. „Why not – yes“, entgegnet Alaa Eddin.

Der „Grand Beauty Salon“ wurde im Sommer 2014 von Frauke Frech im Rahmen ihres Kunstprojekts „Mein ganz privates Deutschland“ initiiert und tritt an unterschiedlichen Orten in Aktion. Er wird gefördert vom bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, vom Kulturamt Augsburg und von der Heinrich-Böll-Stiftung. Das Magazin Changing Heads, herausgegeben vom „Grandhotel Cosmopolis“, dokumentiert das Schaffen des „Grand Beauty Salons“.

Natalie Göltenboth
ist Ethnologin, freie Redakteurin und Autorin.

Text: Goethe-Institut, Natalie Göltenboth. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Keine Bearbeitungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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Oktober 2016

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