Migrationsgeschichte(n)

Muslime in Deutschland - Zuckerfest im Abendland

Ramadanvorbereitungen in Berlin | Foto (Zuschnitt): © Stefanie Loos

In einem christlich geprägten Land wie Deutschland leben und trotzdem islamische Traditionen beibehalten – geht das überhaupt? So feiern Muslime in Deutschland den Fastenmonat Ramadan.

In Deutschland leben über vier Millionen Muslime, von denen viele im Laufe der letzten Jahrzehnte aus islamisch geprägten Ländern nach Deutschland gezogen sind. Mit ihnen hat auch der Fastenmonat Ramadan Einzug in den deutschen Alltag gehalten: Die meisten Gläubigen versuchen die Feierlichkeiten so zu begehen, wie sie es aus der Heimat kennen. Generell sind die Bräuche und die während des Ramadan zubereiteten Speisen daher so vielfältig wie die muslimischen Bürger, die in Deutschland leben. Aber einige Dinge gibt es, die alle ähnlich erleben – schöne Erfahrungen ebenso wie kulturelle oder praktische Hürden.

Das ist deutschen Muslimen an Ramadan wichtig

Der Fastenmonat Ramadan hat für viele Muslime eine große soziale Bedeutung: Sie verbinden mit ihm ein Gefühl von Gemeinsamkeit und Verbundenheit im Glauben. Für die türkischstämmige Muslima Amine Taşdan von der regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) in Berlin ist dieses Gemeinschaftsgefühl eine besonders wichtige Erfahrung. Die Selbstverständlichkeit, mit der in muslimischen Ländern gefastet wird, gebe es in Deutschland aber nicht, sagt sie. Muslime berichten oft von einer Euphorie, die Fastende in muslimischen Ländern empfinden. „Das Gefühl, gemeinsam mit der Gesellschaft zu fasten und das Fasten zu brechen, ist viel schöner, als dies als Teil einer Minderheit in einem mehrheitlich christlich geprägten Land zu tun. In der Türkei gibt es während des Ramadan spezielle kulturelle Angebote und die Moscheen sind zum Nachtgebet extrem voll. Hier sind die Moscheen oft nicht einmal zu Fuß erreichbar.“ Viele muslimische Einrichtungen versuchen dieses Gefühl von Gemeinschaft auch in Deutschland zu stärken – zum Beispiel laden sie nicht-muslimische Bürger ein, dieses so besondere Fest mit ihnen gemeinsam zu feiern.

Köstlichkeiten nach Sonnenuntergang

Mit Freunden und Verwandten nach dem Fastenbrechen zusammen in gemütlicher Runde zu sitzen, gemeinsam zu essen und sich auszutauschen, ist ein Brauch, den Muslime auch in Deutschland an ihre Kinder weitergeben wollen. Kulinarisch gesehen steht dem nahezu nichts im Wege: Da es vor allem in den deutschen Großstädten viele türkische, arabische und asiatische Supermärkte gibt, können sie ihren Gästen landestypische Spezialitäten anbieten, wie zum Beispiel die türkische Nachspeise Baklava. Auch Lebensmittel, die „halal“ sind, also aus islamischer Sicht „rein“ oder „erlaubt“, werden in den Geschäften verkauft. Das Halal-Fleisch muss allerdings importiert werden, da die betäubungslose religiöse Schächtung in Deutschland verboten ist. Können Muslime eine Zutat nicht im Supermarkt finden, weichen manche auch auf deutsche Zutaten und Gerichte aus: So kann es auch eine deutsche Kürbis- oder Brokkolisuppe auf den Speiseplan einer muslimischen Familie schaffen.

Kurze Nächte, lange Arbeitstage

Besonders anstrengend ist das Fasten für viele Muslime während der Arbeitszeit. Denn während in muslimischen Ländern im Fastenmonat meist nur bis 14 Uhr gearbeitet wird, wird von Fastenden im deutschen Arbeitsalltag gemeinhin erwartet, dass sie weiterhin die volle Leistung erbringen. Hinzu kommt, dass der Sonnenuntergang in Deutschland im Sommer sehr spät sein kann. Fällt Ramadan in die Monate Mai oder Juni, kann es auch 21 Uhr werden, bis das Fasten gebrochen werden darf.

Einen Schritt in Richtung Vereinbarkeit von Ramadan und Berufsleben hat der schwedische Möbelkonzern Ikea in Berlin unternommen: Das Diversity-Konzept des Unternehmens sieht vor, dass sich Muslime zum Fastenbrechen treffen und ihre nicht-muslimischen Kollegen ihre Pausen darauf abstimmen sollen. Sollte die Kantine nach Sonnenuntergang bereits geschlossen sein, können sich muslimische Mitarbeiter im Kundenrestaurant bedienen. Dieser liberale Umgang mit muslimischen Arbeitnehmern ist aber noch eher eine Ausnahme, sagt Taşdan Amine. „Weder bei mir auf der Arbeit noch bei muslimischen Bekannten wird besonders Rücksicht auf den Ramadan genommen. Ein Entgegenkommen wäre zum Beispiel, wenn man langsamer arbeiten dürfte.“

Was Nicht-Muslime an Ramadan für Fragen stellen

So präsent der Ramadan im deutschen Alltag mittlerweile auch sein mag, bei vielen Nicht-Muslimen sind auch noch jede Menge Fragen offen. Diese beziehen sich jedoch eher selten auf die muslimischen Bräuche, sondern vor allem auf die Gründe von Muslimen, die freiwillig auf Essen und Trinken verzichten. Das muslimische Projekt Juma (jung, muslimisch, aktiv), das jungen Muslimen in Deutschland eine Stimme geben möchte, sammelt lustige bis kuriose Fragen zum Ramadan auf seinem Onlineauftritt unter dem Titel #nochnichtmalwasser.

Ugur aus Mannheim zum Beispiel versucht kritischen Fragen – etwa ob das Fasten nicht medizinisch riskant sei – stets mit einer positiven Einstellung zu begegnen und sagt mit einem gewissen Stolz: „Es zau­bert mir fast jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich den Satz höre ‚Wie hal­tet Ihr das bloß aus? Das schafft doch kein Mensch!‘. Es gibt mir das Gefühl, dass wir Mus­lime sehr starke und gedul­dige Men­schen sind.“

Mit Humor geht Humera auf Fragen ihrer Mitmenschen ein: „Wäh­rend mei­ner Aus­bil­dung war ich die Ein­zige, die ein Kopf­tuch getra­gen hat. Eine Mit­schü­le­rin hat mich gefragt, ob ich im Rama­dan den gan­zen Monat lang nicht duschen darf. Die Frage war kein Witz. Ich habe mir dann die Zeit genom­men und das mit dem Fas­ten aus­führ­lich erklärt.”

Der Ramadan – ein Teil Deutschlands

Sogar politisch ist der Ramadan in Deutschland angekommen, und so senden zum Ramadanfest nicht nur muslimische Gemeinschaften Grußbotschaften, sondern auch der Bundespräsident. Frank-Walter Steinmeier wies in seiner Botschaft im Jahr 2017 auf das gute Verhältnis zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Bürgern hin: „Es ist schön zu sehen, dass der Ramadan in Deutschland inzwischen zu einem selbstverständlichen Teil unseres gemeinsamen Lebens geworden ist. Dieses Fest zeigt: Wir können uns zusammen freuen, miteinander leben und uns mit Respekt und Fürsorge begegnen. Daran glaube ich, und dafür werde ich mich einsetzen, wo immer es mir möglich ist.“

Muslimisches Leben in Deutschland

Muslime in Deutschland

In Deutschland leben rund 4,7 Millionen Muslime. Das entspricht einem Anteil von etwa 5 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Fast die Hälfte von ihnen wurde bereits hier geboren. Muslime sind damit die größte religiöse Minderheit in Deutschland. Jeder vierte von ihnen ist voraussichtlich erst ab 2011 ins Land gekommen, in Folge der Bürgerkriege im Nahen Osten. Mit 17 Prozent gehören die Muslime aus dem Nahen Osten damit zur zweitgrößten Herkunftsgruppe. Muslime, die in den 1960er Jahren im Zuge der sogenannten „Gastarbeitermigration“ aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind – und die Nachfolgegenerationen –, machen in etwa die Hälfte der in Deutschland lebenden Muslime aus. Die meisten von ihnen leben vor allem in Städten, weniger auf dem Land. Die regionale Verteilung ist dabei sehr unterschiedlich: Ein Drittel von ihnen lebt in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Baden-Württemberg, Bayern und Hessen. Dagegen zieht es kaum einen Muslim in die neuen Bundesländer: Hier leben lediglich 1,5 Prozent von ihnen.

Gemeinden und Glauben

Nach Katholiken und Protestanten sind Muslime die drittgrößte Glaubensgemeinschaft in Deutschland. Ein Großteil der gläubigen Muslime (61 Prozent) gehört der sunnitischen Glaubensrichtung an, gefolgt von den Alewiten (8 Prozent) und Schiiten (8 Prozent). Insgesamt gibt es über 2.000 muslimische Gemeinden, davon gehören mehr als drei Viertel der sunnitischen Glaubensrichtung an. Um beurteilen zu können, welche Rolle Religiosität in ihrem Leben spielt, wurden unter anderem folgende Fragen gestellt: Wie stark glauben Sie daran, dass Gott oder etwas Göttliches existiert? Wie oft denken Sie über religiöse Fragen nach? Oder: Wie häufig beten Sie persönliche – oder Pflichtgebete? Die Antworten ergaben, dass die Religiosität der Muslime „eher hoch“ ausgeprägt ist. So üben mehr als ein Drittel (39 Prozent) der Befragten regelmäßig das fünfmalige Pflichtgebet aus und beteiligen sich wöchentlich am Freitagsgebet in einer Moschee.

Rituale

Für viele Muslime ist es sehr wichtig, religiöse Speise- und Getränkevorschriften zu beachten. Nach islamischer Auffassung darf alles gegessen werden, was nicht ausdrücklich verboten ist. Vereinfacht spricht man von halal (arabisch: erlaubt) und haram (verboten). So ist etwa Schweinefleisch laut Koran verboten. Auch trinken viele Muslime keinen Alkohol. Eine weitere wichtige Säule des Islam ist der Fastenmonat Ramadan. Gläubige Muslime verzichten in dieser Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang unter anderem aufs Trinken, Essen und Rauchen. Der Ramadan endet nach circa einem Monat mit dem Fest Id al-Fitr. Weil es zum „Id“ viel Süßes gibt, wird das dreitägige Fest auch „Zuckerfest" genannt.

Integration und Gesellschaft

Insgesamt fühlt sich die überwiegende Mehrheit (96 Prozent) der hier lebenden Muslime sehr mit Deutschland verbunden. Jeder zweite Muslim besitzt inzwischen einen deutschen Pass. Ein Großteil von ihnen bekennt sich ferner zu wesentlichen gesellschaftlichen Grundwerten wie zum Beispiel Gleichberechtigung (83 Prozent). Einer Heirat unter homosexuellen Paaren stimmen mehr als die Hälfte zu. Von den hochreligiösen Muslimen, die ihre Glaubensgrundsätze selten hinterfragen, tun dies etwa 40 Prozent. Auch auf persönlicher Ebene zeigt sich, dass die Muslime gut in der Gesellschaft angekommen sind: Mehr als drei Viertel der in Deutschland geborenen Muslime verbringen ihre Freizeit regelmäßig mit Menschen, die nicht ihrer Religion angehören. Nur ein geringer Teil der befragten Muslime (8 Prozent) bewegt sich in einem rein muslimischen Freundeskreis und Netzwerk. Gesellschaftliches Engagement leisten viele Muslime vor allem in der Flüchtlingshilfe: Fast jeder zweite Bürger muslimischen Glaubens engagiert sich hier – gibt z.B. Sprachkurse, spendet Kleidung oder hilft Geflüchteten im Umgang mit „Behördendeutsch".

Bildung

Rund drei Viertel der in Deutschland geborenen Kinder von muslimischen Einwanderern sind mit Deutsch als erster Sprache aufgewachsen. Unter den eingewanderten Muslimen beträgt der Anteil derer, die Deutsch als ihre erste Sprache bezeichnen, rund ein Fünftel. Es ist also ein Trend zu erkennen, dass sich die Sprachkompetenzen mit jeder Generation verbessern. Dabei gilt die Kita als wichtiger Ort frühkindlicher Bildung, unter anderem um die Sprache zu erlernen. Generell befürworten die befragten muslimischen Familien vorschulische Kinderbetreuungsangebote. Ob ein solches Angebot in Anspruch genommen wird, hängt vor allem vom Alter des Kindes ab: Kinder unter einem Jahr werden fast ausschließlich zu Hause betreut. Ab drei Jahren steigt die Zahl der Kinder, die eine Kita besuchen, deutlich an. Von den Vier- und Fünfjährigen sind es dann schon mehr als 90 Prozent. Hinsichtlich der schulischen Laufbahn von Muslimen ergibt sich u.a. folgendes Bild: 36 Prozent der muslimischen Schüler verlassen die Schule vor Vollendung des 17. Lebensjahrs – zum Vergleich: In Frankreich ist es nur etwa jeder Zehnte.

Arbeitsleben

Auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich folgendes Bild: Mehr als die Hälfte der Muslime (circa 60 Prozent) arbeitet in Vollzeit, ein Fünftel in Teilzeit. Damit unterscheidet sich die Erwerbsbeteiligung von Muslimen nicht mehr vom Bundesdurchschnitt der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Auch die Arbeitslosenquote gleicht sich an. Von den arbeitenden Musliminnen sind 35 Prozent in Vollzeit tätig. Sie bleiben damit aber hinter ihren Erwartungen zurück: Fast die Hälfte von ihnen wünscht sich eine Beschäftigung in Vollzeit. Insbesondere hochreligiösen Muslimen fällt es schwer, einen Job zu finden, der ihren Qualifikationen entspricht. Dafür werden zwei mögliche Gründe ausgemacht: Fromme Muslime tragen häufig sichtbare religiöse Symbole und sind dadurch mit Vorbehalten konfrontiert. Zudem können die religiösen Pflichten an sich – etwa die Ausübung des fünfmaligen Pflichtgebets – ein Hindernis darstellen, am Erwerbsleben teilzunehmen.


Zur Herangehensweise:
Grundlage der Daten ist die Bertelsmann-Studie „Religionsmonitor“ 2017, in der Sprachkompetenz, Bildung, Teilhabe am Arbeitsleben und interreligiöse Kontakte von Muslimen in Westeuropa untersucht wurden. Aus Deutschland haben 1000 Muslime mit Wurzeln in der Türkei, Südosteuropa, dem Iran, Südostasien, Nordafrika sowie dem Nahen Osten teilgenommen. In den übrigen Ländern haben sich jeweils rund 500 Muslime aus den wichtigsten Herkunftsländern beteiligt. Muslime im Sinne der Studie sind Personen, die sich aufgrund ihrer Selbstzuschreibung als dem Islam zugehörig definieren. Personen, die nach 2010 über das Asylsystem zuwanderten, wurden nicht befragt.
Text: Nadine Berghausen ist Kunsthistorikerin, freiberufliche Redakteurin und Journalistin. Bildergalerie: Stefanie Loos ist freie Fotografin und Fotojournalistin in Berlin mit dem Schwerpunkt Portrait und Dokumentation. Sie ist Mitbegründerin der Fotoagentur CommonLens.

Text: Goethe-Institut, Nadine Berghausen. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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April 2018

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