Migrationsgeschichte(n)

Migration ist weiblich

Bangkok; Copyright: Picture-Alliance; EPA/RUNGROJ YONGRITBangkok; Copyright: Picture-Alliance; EPA/RUNGROJ YONGRITBilder von Menschen, die mit winzigen Booten den Atlantik oder das Mittelmeer überqueren und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen, zeigen uns vorrangig männliche Migranten auf der Suche nach einem besseren Leben in Europa. Die Vorstellung, dass Migration ein männliches Phänomen ist, täuscht jedoch.

Unsichtbarkeit

Ein Großteil der weltweit geschätzten 191 Millionen Migranten sind mittlerweile Frauen. Zusätzlich sind ca. 13 Millionen Menschen, mehrheitlich Frauen und Kinder, auf der Flucht. Wir sprechen deshalb heute von der Feminisierung der Migration.

In einigen Weltregionen bestehen die Wanderungsbewegungen inzwischen mehrheitlich aus Frauen; so etwa auf den Philippinen, wo 70% der Emigranten weiblich sind. Dazu kommt die weibliche Binnenmigration aus ländlichen Gebieten in die urbanen Zentren, etwa in China, deren Umfang enorm ist. Oft ist die Binnenmigration der erste Schritt zur Weiterwanderung ins Ausland.

Folgende Charakteristika lassen sich für die feminisierte Migration feststellen:

  1. Der Anteil allein migrierender Frauen ist gestiegen, unter anderem deshalb, weil die Einreise von Kindern und anderen Familienangehörigen in die Aufnahmeländer nicht möglich oder erwünscht ist. Darüber hinaus ist das Lebensalter der Migrantinnen gestiegen, und sie sind gebildeter als früher.
  2. Der Anteil der Undokumentierten unter den Migrantinnen, der so genannten Illegalen, ist höher denn je zuvor, auch dies eine Folge von restriktiven Migrationsregimen.
  3. Unter den Migrantinnen scheint der Anteil der Pendlerinnen bzw. derjenigen, die eine selbst organisierte Rotation verfolgen, zu steigen.
  4. Die Abwanderung bezieht sich vorrangig auf drei Tätigkeitsfelder: die Haushaltsarbeit, die Gastronomie, die Unterhaltungsindustrie bzw. die Prostitution, wobei die Haushaltsarbeit mittlerweile den weltweit wichtigsten Sektor darstellt. Diese Arbeitsbereiche sind traditionell (schlecht bezahlte bzw. sozial ungesicherte) weibliche Domänen. Die umfangreiche Migration in diese Sektoren verstetigt eine schon lange existierende Analogiebildung zwischen dem Geschlecht der Arbeit und dem Geschlecht der darin Arbeitenden. Ebenso ist zu beobachten, dass diese "Märkte" nicht nur deshalb entstehen, weil ein Bedarf an Arbeitskräften in diesem Bereich vorhanden ist. Gleichzeitig entwickelt sich Bedarf, weil durch das bestehende Einkommensgefälle zwischen den Ländern (gut ausgebildete) Frauen bereit sind, ihr Land zu verlassen und ihre Arbeitskraft im Ausland anzubieten, selbst wenn sie dafür ein Leben in der Illegalität und/oder Dequalifizierung in Kauf nehmen müssen.

Die Fallstricke der Migration

Palästinensische Flüchtlinge; Copyright: Picture-Alliance; Fotograf: EPA/MOHAMED MESSARA Die Abwanderung in die Unterhaltungsindustrie und in die Prostitution kann unter Zwang geschehen und ist in der Regel von zahlreichen Gewaltverhältnissen gekennzeichnet. Doch gibt es auch Migrantinnen, die sich für die Ausübung dieser Tätigkeit entscheiden und sie als eine vorübergehende betrachten. Letzteres verbindet sie mit Migrant(inn)en in anderen Arbeitsfeldern, die die Eigendynamik der Migration oft nicht antizipieren können. Unsicherheiten am Arbeitsort, Krankheit, Ausbeutung, Forderungen nach immer neuen Konsumgütern, Medikamenten etc. im Herkunftsland bewirken eine sukzessive Verschiebung der geplanten Rückkehr. Haushalts- und Pflegearbeit scheint den meisten Betroffenen zunächst mehr Sicherheit zu bieten, da sie in einem "geschützten" Bereich tätig sind. Doch diese Vorstellung stellt sich oft als Täuschung heraus. Human Rights Watch (2006) weist darauf hin, dass die Mehrheit der Migrantinnen aus den Philippinen, Sri Lanka und Indonesien in Haushalten im Mittleren Osten, Singapur, Malaysia und Hongkong unter unmenschlichen Wohn- und Arbeitsbedingungen leiden muss. Auffällig sind die Gemeinsamkeiten zwischen den hoch entwickelten Industrieländern und den Ländern des Südens. Fast überall ist Haushaltsarbeit aus dem Arbeitsrecht ausgeschlossen. Dadurch fehlen Möglichkeiten Missbrauch aufzuspüren und Sanktionen gegen Arbeitgeber und Vermittlungsorganisationen zu verhängen. Kaum ein Aufnahmeland scheint daran interessiert, diese Situation grundlegend zu verändern. Die Entsendeländer haben zum einen nur begrenzte Einflussmöglichkeiten auf die Verbesserung der Rechte ihrer emigrierten Staatsbürgerinnen, zum anderen schätzen sie die milliardenschweren Rückflüsse, die mittlerweile einen wichtigen - manchmal den wichtigsten - Beitrag zum jeweiligen Nationaleinkommen leisten. Insgesamt scheinen Frauen ihren zurückgebliebenen Familienangehörigen (Ehemännern, Eltern, Kindern, Verwandten) eine größere Loyalität entgegenzubringen als emigrierende Männer.

Weibliche Migration, so wurde vermutet, werde langfristig zum innerfamiliären Machtgewinn der betroffenen Frauen führen und klassische, patriarchalische Rollenmuster verändern, da diese Frauen ihre zurückgebliebenen Familie ernähren. Mittlerweile ist jedoch deutlich geworden, dass Haushaltsarbeit auch in den Herkunftsländern als weibliche Arbeit definiert in weiblichen Händen verbleibt. Sie wird an Töchter, (Groß-)Mütter und andere weibliche Familienangehörige weitergereicht. Da viele Migrantinnen ihre Familie zurücklassen müssen, entstehen zunehmend transnationale Haushalte und transnationale Mutterschaftsarrangements, die so genannte "Mutterschaft aus der Distanz". Über Pendelmigration im zwei- bis dreimonatigen Rhythmus versuchen die Mütter die negativen Folgen abzufedern.

Transnationale Dienstleisterinnen

Insgesamt spricht man heute von der Entstehung einer "globalen Versorgungskette", die in den Herkunftsländern ein Versorgungsdefizit ("care drain") bewirkt, das wiederum von Migrantinnen aus noch ärmeren Länder gefüllt wird. In den Aufnahmeländern ist allerdings nicht ihr Bildungskapital gefragt, sondern ihre Bereitschaft, unter ihrer Qualifikation zu arbeiten. So wandelt sich der Abzug von Bildungskapital, das in den Herkunftsregionen keine angemessene Verwendung findet, in Bildungsverschwendung ("brain waste"). Feminisierte Migration ist eine Folge der Entwicklung von globalisierten Märkten im neoliberalen Zeitalter. Frauen werden zu Pionierinnen der Migration, weil sich bestimmte Dienstleistungen, wie etwa die der Callzentren, nicht in die Herkunftsländer verlagern lassen, sondern in den Aufnahmeländern verrichtet werden müssen. Eine Anerkennung ihrer Kompetenzen und die Verbesserung ihrer rechtlichen und sozialen Situation sind dringend erforderlich; dabei müssen mehrere Politikbereiche einbezogen werden: die Migrations- und Entwicklungspolitik, die Geschlechterpolitik und die Arbeits- bzw. Wohlfahrtsstaatspolitik.

Literatur

Human Rights Watch: Swept under the rug. Abuses against domestic workers all around the world, July 2006

Lutz, Helma: Vom Weltmarkt in den Privathaushalt. Die neuen Dienstmädchen im Zeitalter der Globalisierung. Opladen 2007a, ISBN: 978-3-86649-011-9

Helma Lutz
ist Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt.

Copyright: Goethe-Institut Online Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Juli 2007

Links zum Thema

goethe.de/einfachhoeren

Lustige Geschichten von Pferden, Hexen und Fußballern – auf Arabisch vorgelesen und als Podcast zum Herunterladen und überall anhören!

goethe.de/wohin

Wohin? 21 Fragen zu Flucht und Migration

goethe.de/willkommen

Deutschlernen für Flüchtlinge

Ankommen-App

Ein Wegbegleiter für Ihre ersten Wochen in Deutschland

Mein Weg nach Deutschland

Videos und Sprachübungen für Deutschlerner