Migrationsgeschichte(n)

DOMiD – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V.

Demonstration; Copyright: Napoleon Geotitsas/DOMiD-Archiv KölnDemonstration; Copyright: Napoleon Geotitsas/DOMiD-Archiv KölnSammeln, bewahren, ausstellen, um die Geschichte der Migration in Deutschland erzählen zu können – das ist das Ziel des in Köln angesiedelten Vereins.

Lange bevor Deutschland sich politisch als Einwanderungsland definiert hat, waren Migranten Bestandteil der Geschichte und Kultur des Landes. Doch in seinen nationalen wie regionalen Museen wird der Geschichte der Migrationen bis heute wenig Platz eingeräumt.

Das zu ändern, ist das Ziel des Vereins Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD). Gegründet wurde das Dokumentationszentrum 1990 unter dem Namen Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei (DOMiT) als Selbstorganisation von Migranten. Zu einer Zeit, als sich abzeichnete, dass viele der nach dem Krieg angeworbenen so genannten Gastarbeiter in Deutschland nicht in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren würden, woran auch das 1983 ratifizierte Gesetz zur Förderung der Rückkehrbereitschaft von Ausländern nichts geändert hatte. "Wir wollten ihre Geschichte dokumentieren, denn es ist die Geschichte Deutschlands", sagt Aytaç Eryilmaz, Gründungsmitglied und Geschäftsführer des Vereins. "Die Geschichte der Migration wird in deutschen Museen und Schulbüchern bis heute einseitig und unvollständig dargestellt. Dort wird nur deutsche Geschichte erzählt, nicht die Geschichte Deutschlands."

Basis für ein Museum zur Geschichte der Migration in Deutschland

Ausstellung `Fremde Heimat – Xaban, Silan olur´ (1998); Copyright: DOMiD-Archiv KölnUm das zu ändern, organisiert das in Köln angesiedelte DOMiD Seminare und Tagungen, initiiert Forschungsprojekte. Vor allem aber sammelt das Zentrum Material zum Thema, das als Basis für ein Museum zur Geschichte der Migration in Deutschland dienen soll: Alltagsgegenstände, Fachpublikationen und historische Dokumente, Plakate, Bilder und Töne. Mehr als 12.000 Titel umfasst allein die Spezialbibliothek, von der wissenschaftlichen Abhandlung bis hin zur Grauen Literatur. Kofferradios, Fernseher und Einrichtungsstücke türmen sich in engen Räumlichkeiten unweit des Chlodwigplatzes. Über die Jahre ist so ein noch immer stetig wachsender einzigartiger sozialhistorischer Schatz entstanden, der mangels ausreichender finanzieller Mittel auf seine vollständige archivarische Erschließung wartet.

Ausgerichtet war die Sammlungstätigkeit von DOMiD zunächst auf die Arbeitsmigration nicht der Türken, sondern – wie der ursprüngliche Name des Dokumentationszentrums schon sagt – aus der Türkei. Um die damals bei DOMiT organisierten heterogenen ethnischen Gruppen aus der Türkei unter einem Vereinsdach versammeln zu können, hat sich der Verein von Anfang an religiöse, politische und weltanschauliche Neutralität auferlegt. Abgesehen von den regelmäßigen Beiträgen seiner aktuell 45 Mitglieder, muss das Dokumentationszentrum bis heute ohne eine nennenswerte kontinuierliche Förderung auskommen und finanziert sich vornehmlich über Kleinspenden, Leihgebühren und Projektgelder. Lob ist die Währung, mit der DOMiD von politischer Seite bedacht wird. Das ungleich größere Kapital des Zentrums aber ist das Vertrauen, das ihm die Besitzer der Sammlungsstücke entgegen bringen. Wer einmal versucht hat, sich von Teilen seines Hausstandes zu trennen oder die Fotokiste aufzuräumen, kann leicht nachvollziehen, wie schwer es den Leihgebern fällt, Dinge aus der Hand zu geben, die sie ein Leben lang begleitet haben. Kaum vorstellbar ist es vor allem der älteren Generation von Migranten, ihre Erinnerungsstücke einer Mehrheitsgesellschaft anzuvertrauen, die sie jahrelang diskriminiert hat. Bei DOMiD aber fühlen sie sich gut aufgehoben.

Ausweitung des Sammlungsschwerpunktes

Ausstellung `Fremde Heimat – Xaban, Silan olur´ (1998); Copyright: DOMiD-Archiv KölnDas war auch der künstlerischen Leiterin der Bundeskulturstiftung bewusst, als sie DOMiD 2002 für das Initiativprojekt Projekt Migration gewinnen konnte. Da hatte sich DOMiD schon vor allem durch die Ausstellung Fremde Heimat - Yaban, Silan olur. Eine Geschichte der Einwanderung aus der Türkei bekannt gemacht, die es 1998 zusammen mit dem Essener Ruhrlandmuseum konzipiert hatte. Die Vorbereitung der transdisziplinären Ausstellung Projekt Migration, die 2005/2006 in Köln an mehreren Orten zu sehen war, setzte für das Dokumentationszentrum die entscheidende Zäsur. Denn sie machte die Ausweitung des Sammlungsschwerpunktes nötig.

Bergarbeiter; Copyright: Sammlung Tsakmaki/DOMiD-Archiv KölnHeute finden sich in dem für die interessierte Öffentlichkeit zugänglichen Archiv nicht nur Material zur Arbeitsmigration aus der Türkei, sondern auch Dokumente aus Italien, Spanien, Griechenland, Portugal, Ex-Jugoslawien, Marokko, Tunesien, Südkorea, Vietnam, Mosambik und Angola. Diese Neuausrichtung spiegelt sich auch im 2003 auf Mitinitiative von DOMiT gegründeten, jedoch unabhängigen Verein Migrationsmuseum in Deutschland wieder, der sein Anliegen durch Einbeziehung anderer ethnischer Gruppen auf eine breitere Basis stellen sollte. 2007 fusionierte DOMiT dann wiederum mit dem Migrationsmuseumsverein zu DOMiD. Die Zielsetzung aber ist geblieben: Sammeln, bewahren, ausstellen, um die Geschichte der Migration in Deutschland erzählen zu können. Die könne, betont Aytaç Eryilmaz, nicht ohne die Beteiligung und die Perspektive der Migranten geschrieben werden. In nicht allzu ferner Zukunft müsse diese Geschichte dann ein Haus bekommen, "in dem sich Deutschland endlich als Einwanderungsland entdecken kann."

Andrej Klahn
ist Redakteur des Kulturmagazins K.WEST – Das Feuilleton für NRW.

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Januar 2008

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