Migrationsgeschichte(n)

Erste Schritte auf dem Weg zu einem Migrationsmuseum

Radio `Concetboy´ aus der Sammlung DOMiD; Copyright: DOMiD-Archiv KölnAusstellung Projekt Migration (2005/2006); Copyright: DOMiD-Archiv KölnWenn in Deutschland von Integration die Rede ist, geht es meist um soziale Konflikte und politische Fragen, um mangelnde Bildungs- und Aufstiegschancen, um Jugendkriminalität oder Parallelgesellschaften. Der vermeintlich »weiche«, kulturelle Faktor, welchen Platz die Migrationsgeschichte im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft einnimmt, wird dabei oft übersehen.

Auf den Lehrplänen deutscher Schulen findet sich dieses Kapitel kaum. Auch in den historischen Museen – Orte, in denen sich die Deutschen über ihre eigene Geschichte und Identität verständigen – wird die Migration nur am Rande abgehandelt, sei es im Bonner Haus der Geschichte oder im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Eine neue, gemeinsame Geschichte erzählen

Ausstellung `Fremde Heimat – Yaban, Silan olur´ (1998); Copyright: DOMiD-Archiv KölnDie Migration gehört augenscheinlich nicht zum Kernbestand des nationalen Gründungsmythos. Doch ein Land, das sich seit ein paar Jahren auch offiziell, d.h. politisch, als Einwanderungsland versteht, kommt nicht umhin, sich mit den historischen Voraussetzungen dieser neuen Selbstdefinition zu beschäftigen. Wohin diese Erinnerungsarbeit führen könnte, hat der damalige Bundespräsident Johannes Rau 2002 umrissen: »Wahrscheinlich werden sich die Hinzugekommenen auf ihre Weise die Geschichte zu eigen machen, und gemeinsam werden wir einst eine neue, gemeinsame Geschichte erzählen.«

In Nordrhein-Westfalen, das wie kaum ein anderes Bundesland von der Migration geprägt ist, hatte der Landtag 2001 mit Zustimmung aller Parteien beschlossen, sich für eine Einrichtung einzusetzen, die »sich der Geschichte der Zuwanderung und der Präsentation der Kultur der Zugewanderten widmet« – bis heute ohne vorzeigbare Ergebnisse. Ebendort gründete sich 2003 auch der Verein »Migrationsmuseum«, der 2007 in den Verein »Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland« (kurz: DOMiD) aufgehen sollte. DOMiD, das seit 1990 Dokumente zur Migrationsgeschichte zusammenträgt, verfügt deutschlandweit über die umfangreichste Sammlung zum Thema – mit dem Ziel, diese Materialien mittelfristig in ein Museum der Migration zu überführen.

Erste Schritte

Dokument; Copyright: DOMiD-Archiv KölnFür 2008 hat die Landesregierung DOMiD nun finanzielle Hilfe in Aussicht gestellt, um das entstandene Archiv zu sichern und eine Sammlung Geschichte der Zuwanderung nach NRW zu konzipieren. Ein erster kleiner Schritt, dem weitere folgen könnten: »Wer sammelt, sammelt nicht fürs Depot, sondern für die Menschen«, so der Christdemokrat Thomas Kufen, Integrationsbeauftragter der Landesregierung. »Das heißt, wir treten weiter dafür ein, dass die Geschichte unseres Landes als eine durch Ein- und Auswanderung geprägte öffentlich dargestellt wird. Am Ende kann sich daraus auch mal ein eigenes Museum der Migration ergeben, aber das ist nicht vorrangig auf der Liste.« Die Zeit könnte jedoch für ein solches Projekt arbeiten. Scheint Sesshaftigkeit doch als Lebensentwurf in einer globalisierten Welt zunehmend zu einem Auslaufmodell und Bewegung zum Normalfall zu werden.

Eine institutionelle Anerkennung der Migrationsgeschichte auf nationaler Ebene ist für Aytaç Eryilmaz, Geschäftsführer von DOMiD, hingegen auch ein notwendiges Symbol dafür, »dass Deutschland nicht mehr ein monokulturelles, sondern ein multiethnisches Land ist.« Ein Symbol, das wichtig auch für den gegenwärtigen Integrationsprozess ist: »Wenn wir in der Geschichtsschreibung als Fremde dargestellt werden, bleiben wir auch Fremde. Wenn sich Migranten mit der Darstellung in historischen Ausstellungen nicht identifizieren können, wird es nichts mit der Integration.« Deshalb gehören für ihn zu einer angemessenen Darstellung der Migrationsgeschichte nicht nur Verarbeitungstiefe und Umfang, den diese in den Museen und Geschichtsbüchern hat, sondern auch die Perspektive, aus der heraus diese Geschichte erzählt wird.

Die Frage der Darstellung

Radio `Concetboy´ aus der Sammlung DOMiD; Copyright: DOMiD-Archiv KölnGenau hier beginnen dann die konzeptionellen Schwierigkeiten, vor die sich Museologen gestellt sehen: Wie lässt sich das buchstäblich grenzenlose Thema Migration räumlich konturieren? Ist eine nationale Fokussierung überhaupt sinnvoll? Wie steht es um die zeitliche Fassung? Beginnt man in der Frühzeit oder doch lieber erst mit der Arbeitsmigration nach dem 2. Weltkrieg? Welche Rolle spielen die Aussiedler, die sich selbst als Teil der Mehrheitsgesellschaft verstehen? Zu diesen offenen Fragen kommt dann die für Eryilmaz entscheidende nach der Perspektivvermittlung zwischen Mehrheitsgesellschaft und Eingewanderten – und damit auch die nach der Zielgruppe. Für die einen könnte ein solches Museum ein Ort der Identifikation sein, für die anderen einer des Lernens. Wie aber ist beides zusammenzubringen?

Hinzu kommt, dass Migrations- als Alltagsgeschichte vornehmlich durch »banale« Objekte dargestellt werden muss. Objekte, die für die Betroffenen zwar einen hohen emotionalen Wert besitzen, der hingegen den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft, die über keine damit verbundene Erinnerung verfügen, schwer zu vermitteln ist. Ulrich Borsdorf, Gründungsdirektor des in diesem Jahr auf der Zeche Zollverein öffnenden Ruhr Museums, das sich ausführlich auch der Einwanderung ins Ruhrgebiet widmen wird, weist auf genau dieses Darstellungsproblem der Migrationsgeschichte hin. Er relativiert den Nutzen, den ein solches Projekt für die Veränderung des kollektiven Bewusstseins hat: »Das berechtigte Anliegen des DOMiD ist, im kulturellen Gedächtnis der Bevölkerung in Deutschland einen Platz zu haben. Gedächtnisse sind in demokratischen Gesellschaften institutionell verschieden organisiert, nicht nur durch Museen. Deshalb muss man Acht geben, dass man die Institution Museum nicht überfordert.«

Allein die Einrichtung eines nationalen Migrationsmuseums wäre schon ein politisches Signal von großer Reichweite. Eine Frage der Perspektive ist dann wiederum, welche Botschaft die Ausstellung aussenden wird. Sie könnte, auch abhängig von politischen Interessen, die Geschichte der Migration in Deutschland zweifellos in zahlreichen Varianten zwischen Desintegrations- und Erfolgsgeschichte erzählen.

Andrej Klahn
ist Redakteur des Kulturmagazins K.WEST – Das Feuilleton für NRW

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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Januar 2008

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