Migrationsgeschichte(n)

Migration-Audio-Archiv: Erzählen für die Völkerverständigung

Cover des Buches „In Deutschland angekommen“; © Bertelsmann Chronik VerlagSeit über einem halben Jahrhundert kommen Menschen aus fremden Ländern nach Deutschland, um sich hier befristet oder dauerhaft niederzulassen. Doch obwohl man hierzulande in Zukunft auf Einwanderer dringend angewiesen sein wird, begegnen ihnen viele Deutsche noch immer mit Vorurteilen.
Zur Völkerverständigung soll eine Website beitragen, auf der Migranten ihre Lebensgeschichten erzählen.



Gedämpftes Stimmengewirr ertönt, wenn man die Seite des Migration-Audio-Archivs (MAA) betritt. Der Link zum Audioweb online öffnet ein Fenster, in dem man durch Mausklick auf Porträtfotos die abgebildeten Personen zum Sprechen bringen kann. Und was dort zu hören ist, geht wahrlich unter die Haut. Ein Unmensch, wen es kalt lässt, wenn sich Elide Caresta, eine Gastarbeiterfrau aus den Abruzzen an ihren ersten Eindruck von Deutschland zurückerinnert: „Mein Gott, wie grau Duisburg ist, dunkelgrau, wie können die Leute hier so lange bleiben? Mein Mann hatte mir nicht erzählt, dass es so schlimm war. Sonst wäre ich bestimmt nicht gekommen.“

„Alles war hier grau“

Ein emotionaler Krüppel, wen nicht das Schicksal von Noemi Raz aus Tel Aviv rührt, die als Vierzehnjährige von ihren Eltern ins „Land der Mörder“ regelrecht verschleppt wurde: „Es war ein Schock. Diese grauen Häuser hier, obwohl es August oder September, also Sommer war! Alles war anthrazitfarben, dunkelgrau, diese Farbe, die die Häuser hier meistens haben. Aber nicht nur die Häuser waren grau, der Himmel war grau, die Menschen waren grau, alles war hier grau, grau, grau. So empfinde ich es bis heute.“

Ausländerkriminalität, Ehrenmord, Zwangsheirat, Überfremdung, Scheinasyl, Sozialschmarotzertum, Parallelgesellschaft – so lauten die Schlagworte, die sich Zuwanderer hierzulande leider immer noch viel zu oft anhören müssen. Die Hörfunkjournalistin Sefa Inci Suvak, Tochter türkischer Immigranten, hatte eines Tages die Nase voll davon. „Immer die gleichen Argumente zu hören und immer die gleichen Argumente zu bringen, das ist uninteressant“, sagte sie in einem Radiointerview. Auf der Suche nach innovativen Wegen zum Abbau von Vorurteilen und Ressentiments hatte sie die ebenso schlichte wie bestechende Idee, den Einwanderern Gesicht und Stimme zu geben. Nichts ist so spannend und ergreifend wie die Geschichten, die das Leben schreibt.

In anderem Licht

Mona Yahia, Copyright: maa
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Nehmen wir Mona Yahia aus Bagdad. Die Tochter aus jüdischem Elternhaus gehörte nach dem Sechs-Tage-Krieg zu den Verfolgten des Baath-Regimes. Mit 16 entkam sie über die iranische Grenze, wo ihr ausgerechnet der in Deutschland verhasste Tyrann Schah Reza Schutz bot. Sie ging nach Israel, wo sie in der Armee diente, ehe sie als Kunststudentin über Paris nach Deutschland kam. Wenn sie Rückschau hält, wenn sie sich beispielsweise an die antiisraelischen Anfeindungen in der linken Szene der Postachtundsechziger erinnert, oder wenn sie über ihre Schwierigkeiten mit der hiesigen Opposition gegen den Irak-Krieg reflektiert, dann erscheint uns unser Land bisweilen in einem völlig anderen Licht.

Oral History – mündliche Geschichte – nennt sich eine geschichtswissenschaftliche Methode, die sich auf die Befragung von Zeitzeugen stützt. Und so kommt es, dass beim Lauschen der Geschichten des Audio-Archivs nicht nur Migrationsgeschichte sondern immer auch Zeitgeschichte lebendig wird. Doch dabei handelt es sich nur um einen spannenden Nebeneffekt. Den Initiatoren ging es nämlich von Anfang an primär um die emotionale Wirkung dieses wegweisenden Projektes, das in Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) realisiert wurde. Neuerdings ergänzt durch ein Buch mit dem Titel „In Deutschland angekommen…“ Einwanderer erzählen ihre Geschichte. 1955 bis heute, schlägt das MAA Bögen von der im Aussterben begriffenen ersten Ausländergeneration bis hin zu ihren Kindern und Kindeskindern beziehungsweise zu all den Flüchtlingen und Asylanten, die bis heute ihr Leben zwischen Duldung und Abschiebung fristen müssen.

Schluss mit der Gastfreundschaft

Konstantinos Alexandiridis, Copyright: maa
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Zu den Migranten der allerersten Stunde gehört der Indonesier Arifien Musnadi, der bereits in den Fünfzigerjahren völlig untypisch für die damalige Zeit zum Studieren nach Deutschland kam. Von ausländerfeindlichen Erfahrungen findet sich in seinen Erzählungen keine Spur. Als Exot und vermeintlicher Japaner ist er so kurz nach dem Krieg überall mit offenen Armen aufgenommen worden. Ähnlich positiv das Bild, das der Grieche Costas Alexandridis zeichnet, der ab 1961 in Rüsselsheim mit „Opelanern“ aus aller Herren Länder am Fließband stand. Für ihn war der Wechsel nach Deutschland wie ein Schritt aus dem Dunkel des Schattens ins „Licht der Sonne“.

Alles andere als reibungslos verlief dagegen das Leben von Sabina Xhemajli. Als „Zigeunerin“ geschmäht, gehört die muslimische Roma aus dem Kosovo bereits zur ersten Generation der Unerwünschten nach dem Anwerbestopp von 1973. Ihr Vater dürfte wohl einer der Letzten gewesen sein, die bei ihrer Ankunft noch von einer Blaskapelle empfangen wurden. Als das Wirtschaftswunder mit der Ölkrise endgültig zu Ende ging, war auch Schluss mit der Gastfreundschaft. Zehn der 14 Millionen Ausländer, die bis dato in Deutschland ihr Glück gesucht hatten, waren bereits wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, wo sie sich dank der harten D-Mark einträgliche Existenzen aufbauten.

Böses Blut

Sabina Xhemalji, Copyright: maa
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Diejenigen, bei denen es dafür noch nicht reichte, holten nun wie Sabinas Vater ihre Familien zu sich nach Deutschland. Ohne diese Bande entfiel jedoch auch der wichtigste Rückkehrgrund. Viele richteten sich deshalb auf Dauer hier ein, nicht selten konzentriert in Stadtvierteln, wo sie sich ihre kulturelle Identität in der Fremde bewahren konnten. Für nicht wenige Deutsche ein Indiz für mangelnde Integrationsbereitschaft, das für böses Blut sorgte. Mit zunehmender wirtschaftlicher Unsicherheit schlug die Stimmung bald in offene Ausländerfeindlichkeit um. Vor allem seit mehr und mehr Flüchtlinge aus den postkolonialen Krisenherden ihr Heil in Deutschland suchten, angelockt von einem weltweit einzigartigen Rechtsanspruch auf Asyl.

Inzwischen hat beinahe die Hälfte aller Jugendlichen einen so genannten „Migrationshintergrund“. Auch wenn sich auf politischer Ebene allmählich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Deutschland angesichts demographischer Fehlentwicklungen nur als Einwanderungsland zukunftsfähig bleiben kann, will man dies auf der Straße noch lange nicht wahrhaben. Es bleiben also noch viele Geschichten zu erzählen.

Sefa Inci Suvak / Justus Herrmann (Hrsg.) „In Deutschland angekommen ...“ Einwanderer erzählen ihre Geschichte. 1955 bis heute. Bertelsmann Chronik, wissenmedia Verlag GmbH (Gütersloh/München, 2008), ISBN 978-3-577-14647-0 22, Euro
Roland Detsch
arbeitet als freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2009

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