Migrationsgeschichte(n)

Migration – Deutschland, zum Weglaufen?

© colourbox© colourboxEin amtlicher Migrationsbericht zeigt, dass gegenwärtig mehr Menschen aus Deutschland abwandern als zuwandern. Die persönlichen und beruflichen Motive hinter den Zahlen sind sehr unterschiedlich. Und oft ist die Rückkehr schon fest eingeplant.

Good bye Deutschland – die Auswanderer, Auf und davon oder Mein neues Leben, so heißen erfolgreiche Fernsehserien mit Millionen Zuschauern. Es geht um den Start deutscher Auswanderer in anderen Ländern Europas, in Amerika oder beispielsweise auch in Australien. Erfolgsgeschichten von Singles oder ganzen Familien beflügeln das Fernweh der Daheimgebliebenen oder erregen ihre Schadenfreude beim Scheitern.

Das Fernsehbild täuscht über eine viel weniger spektakuläre Realität hinweg. 2008 etwa, so die jüngste Statistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, haben sich 770.000 Personen ins Ausland abgemeldet und umgekehrt 680.000 in Deutschland neu angemeldet. Insgesamt ist das ein „Wanderungsverlust“ von rund 90.000 Köpfen bei insgesamt 82 Millionen Einwohnern. Drei Viertel der Abwanderer waren Ausländer. Sie kehren meist erst im Rentenalter in ihr Geburtsland oder die Heimat ihrer Eltern zurück. 174.000 „Zugvögel“ hatten im Stichjahr 2008 einen deutschen Pass. Aber auch sie waren zum Teil seit den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts zugewanderte Arbeitsmigranten hauptsächlich aus der Türkei, also jetzt eher Rückkehrer als Auswanderer im landläufigen Sinne. Wie viele „angestammte“ Deutsche ihre generationenlange Verwurzelung gegen eine neue Heimat eintauschen, gibt die offizielle Statistik nicht her.

Die Zahlen trügen

© colourboxMarcel Erlinghagen, Migrationsforscher an der Universität Duisburg-Essen, macht auf weitere statistische Unsicherheiten aufmerksam: Das amtliche Melderegister gibt keine Auskunft, ob jemand von vornherein nur vorübergehend ins Ausland will oder auf Dauer. Dabei ist davon auszugehen, dass Zehntausende Studenten nur temporär, für ein oder zwei Auslandssemester, wegziehen. Ebenso schicken deutsche Firmen Fachkräfte und Leitungspersonal oft nur für einige Jahre auf Auslandsmärkte; Fachleute sprechen von „zirkulärer“ Migration, hin und wieder zurück. Diese Mitspieler auf den globalen Arbeitsmärkten („Cosmopolitans“) haben hinsichtlich ihrer Motivation mit traditionellen Auswanderern nichts zu tun.

Anreize für das Glück in der Ferne

„Anders als in den vergangenen zwei Jahrhunderten, ist Auswanderung seit 40 oder 50 Jahren keine Wellenbewegung mit zeitweiligen Höhepunkten und regionalen Schwerpunkten in wirtschaftlichen Notstandsgebieten“, sagt Gabriele Mertens vom gemeinnützigen Raphaels-Werk, der führenden Beratungsagentur für Auswanderer seit 1871 und seit 2009 charakteristischerweise auch Personal-Consultant für deutsche Exportunternehmen. „Heute ist jeder Fall nach Motivation und Ziel, in der Abwägung des Für und Wider ein höchstpersönlicher Einzelfall.“

Der deutsche Arbeitsmarkt hat einige strukturelle Besonderheiten, die die Glückssuche draußen begünstigen können. Das Musterbeispiel sind Ärzte, die im Nachbarland Schweiz – wo andere Urlaub machen – oder in Skandinavien mit offenen Armen empfangen werden. Demgegenüber hat das Gesundheitssystem in Deutschland längst die Grenzen des Wachstums erreicht; Krankenhäuser werden geschlossen, die Kosten der einzelnen Arztpraxen sind budgetiert und damit auch die Einkommen praktisch gedeckelt. Trotzdem legen die Zahlen nahe, dass Auswanderung insgesamt eher ein Ausnahmefall ist: Insgesamt kehrten im Jahr 2008 rund 3.000 von bundesweit insgesamt 320.000 Ärzten Deutschland den Rücken, davon 2.000 mit ausländischem Pass. Umgekehrt praktizieren derzeit mehr als zehn Mal so viel ausländische Mediziner in Deutschland, nämlich rund 22.000.

Multikulti als Vorteil

© colourboxHeute leben rund sieben Millionen Menschen mit Zuwanderungshintergrund zwischen Rhein und Oder. Ihre Kinder und Enkel mit einer deutschen Berufsausbildung oder einem Studienabschluss und multikultureller Erfahrung lockt inzwischen häufiger der Arbeitsplatz im Herkunftsland, oft bei deutschen Exportfirmen. Ein Beispiel dafür ist Polen, Mitgliedsland in der Europäischen Union mit einem gegenwärtig deutlich höheren Wirtschaftswachstum als Deutschland. Die Universität Regensburg fördert speziell „Secondos“, das heißt Zuwanderer der zweiten Generation. Das zweite von drei Studienjahren bis zum Bachelor-Abschluss findet an der ausländischen Partner-Uni statt, am Ende winken ein binationaler Abschluss und ein Auslandsjob.

Vor dem Hintergrund der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise wachsen die Sorgen um Arbeitsplatzchancen in Deutschland, vor allem für die eigenen Kinder. Das stellt eine aktuelle Studie des unabhängigen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung heraus. Zudem werden wohlfahrtsstaatliche Leistungen gekürzt. Angst vor einem Einkommensrückgang und sozialen Abstieg macht sich breit.

„Diese getrübte Stimmung ist der Hauptgrund für die Devise ‚Good bye Deutschland‘“, erklärt der Sozialwissenschaftler Erlinghagen. „Für die allermeisten bleibt es aber bei diesem Kraftausdruck für wachsende soziale Unzufriedenheit. Nur wenige wollen das Leben unter deutschen Dächern wirklich mit dem in der Fremde tauschen.“ Im Fernsehen lief übrigens auch schon eine Serie Die Rückwanderer. Die war allerdings nicht ganz so erfolgreich wie die Godbye-Version.

Hermann Horstkotte
arbeitet als Bildungsjournalist in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2010

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