Migrationsgeschichte(n)

Deutschland ein Auswanderungsland?

Umzugswagen; © flashpics - Fotolia.comUmzugswagen; © flashpics - Fotolia.comNach Verlusten in den beiden Jahren zuvor dürfte es 2010 in Deutschland erstmals wieder einen deutlichen Wanderungszugewinn gegeben haben, wie das Statistische Bundesamt (DESTATIS) im Januar 2011 mitteilte. Ob damit der seit Jahren beklagte Trend vom Zu- zum Auswanderungsland gebrochen ist, bleibt indes offen. Denn die Migration und ihre tatsächlichen Gründe sind schwer zu durchschauen.

Fest steht lediglich, dass der wohl im knapp sechsstelligen Bereich liegende Saldo aus Zu- und Abwanderung letztmalig 2004 mit einem Plus von 83.000 vergleichbar erfreulich ausgefallen war. Erfreulich deshalb, weil Deutschland laut überwiegender Expertenmeinung unterm Strich Zuwanderung dringend nötig hat, um zur Sicherung seiner Zukunftsfähigkeit seine demografisch bedingten Probleme in den Griff zu bekommen. Diese kommen darin zum Ausdruck, dass die Statistiker trotz der aktuellen deutlichen Wanderungsgewinne im Vorjahr einen leichten Bevölkerungsrückgang um 0,1 Prozent auf 81,7 Millionen prognostizieren. Schuld daran ist ein geschätztes Geburtendefizit – die Differenz von Neugeborenen und Verstorbenen – zwischen 180.000 und 195.000.

Verfälschte Zahlen

© Colourbox.comÜberraschend ist das beiläufige Eingeständnis von DESTATIS, dass die in den Jahren 2008 und 2009 registrierten erhöhten Wanderungsverluste gegenüber dem Ausland in Höhe von 56.000 beziehungsweise 13.000 Personen auch auf Melderegisterbereinigungen zurückzuführen seien, die die Kommunen im Zuge der Einführung der Steueridentifikationsnummer durchgeführt hätten. Hatte doch der Befund, dass Deutschland bereits im zweiten Jahr in Folge mehr Auswanderungs- als Einwanderungsland war, für reichlich Beunruhigung gesorgt. Seit der Wiedervereinigung war der Wanderungssaldo nämlich stets positiv gewesen. In den 1990er-Jahre hatte man unterm Strich jährlich sogar 300.000 Menschen mehr willkommen heißen können als verabschieden müssen.

Die Süddeutsche Zeitung sprach von einem „Braindrain“ und machte am Beispiel eines Arztes, der nach dem Studium im Ausland arbeitet, volkswirtschaftliche Verluste von rund 300.000 Euro allein an Steuereinnahmen geltend. Sie berief sich dabei auf den Vorsitzenden des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Klaus J. Bade, der einen „qualitativen Wanderungsverlust“ diagnostiziert hatte, einen Verlust der klügsten Köpfe, der durch Zuwanderung von Hochqualifizierten derzeit nicht kompensiert werden könne. Als Hauptmotive für Auswanderer nannte Bade steile Hierarchien, unzureichende Aufstiegschancen und mangelnde Leistungsgerechtigkeit, lähmende Steuerreglements und eine obsessive Neidkultur gegenüber sogenannten Besserverdienenden. Erkenntnisse, die sich mit Befunden einer im November 2010 veröffentlichten Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung decken.

Suche nach dem Glück

© Colourbox.comZu ähnlichen Einschätzungen gelangte bereits der Historiker Michael Stürmer, als er sich 2006 in einem Beitrag für Deutschlandradio Kultur Gedanken darüber machte, was im Jahr zuvor 144.814 „zumeist junge, begabte, aktive, gut ausgebildete Deutsche“ dazu getrieben habe, ihrem Heimatland auf Dauer den Rücken zu kehren und ins Ausland zu gehen. Es sei heute nicht die harte Hand des Obrigkeitsstaates, die in der Bismarckzeit zum Massenexodus führte. Ja nicht einmal so sehr das Machtkartell aus Steuerstaat und Vielregiererei, das Stürmer ebenso anprangerte wie „das Bündnis aus Gewerkschaften, Rechtsprechung und Parteikalkül, das die Arbeitsplatzbesitzer unweigerlich schützt gegen die Außenseiter, die Alten gegen die Jungen, die Faulen gegen die Wagemutigen“ oder die Lasten aus Steuern und Sozialbeiträgen.

Das Hauptmotiv für die Auswanderung sieht der Historiker in der alten Suche nach dem Glück: „Die Welt gestalten und verändern, die eigenen Talente entfalten, die Luft der wirtschaftlichen Freiheit atmen, erforschen, was noch keiner erforscht hat, wagen, was noch keiner gewagt hat.“ All dies empfindet er durch die zur „German Angst“ mutierten Technikfeindlichkeit und Risikoscheu ebenso in Frage gestellt wie durch mangelnden Unternehmungsgeist und ausufernde Bürokratie. „Es sind nicht Studenten, die auf ein paar Semester anderswo Erfahrung sammeln. Es sind auch nicht Facharbeiter und Ingenieure, die auf ein paar Jahre entsandt werden. Nein, es sind die, die auf Nimmerwiedersehen ein Land verlassen, das sie am wenigsten entbehren kann und ihnen doch amtlich keine Träne nachweint.“

„Medienecho überzogen“

Prof. Dr. Jürgen Schupp; © Detlef Güthenke / DIWRelativiert wird derartiger möglicherweise ebenso typisch deutscher Alarmismus von mehreren Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). So hat etwa nach Ergebnissen des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) 2009 zwar jeder Achte ernsthaft übers Auswandern nachgedacht, darunter viele Akademiker. „Die Sorge, dass Deutschland dauerhaft immer mehr Hochqualifizierte an das Ausland verliert, ist aber zurzeit unbegründet“, so der Autor der Studie Jürgen Schupp. „Die Zahlen der Vergangenheit zeigen, dass zwischen geäußerter Absicht und tatsächlicher Auswanderung erhebliche Differenzen liegen. Zudem wollen viele der wanderungsbereiten Deutschen ihrer Heimat lediglich auf Zeit den Rücken kehren.“ Neben der Hoffnung auf eine finanzielle Verbesserung hat Schupp berufliche Weiterbildung sowie persönliche Kontakte als zentrale Motive fürs Auswandern ausgemacht.

Auch hatten sich Marcel Erlinghagen, Tim Stegmann und Gert G. Wagner 2009 in einer gemeinsamen Analyse für das DIW angesichts eines durchschnittlichen Bevölkerungsabgangs von jährlich 0,8 Prozent über ein „überzogen schrilles Medienecho“ mokiert. Zumal die meisten Auswanderer ohnehin bereits einen Migrationshintergrund hätten und ihre Wanderung lediglich fortsetzten oder aber in ihre Heimatländer zurückkehrten. Und was die Deutschstämmigen betrifft, so zöge ein beachtlicher Teil ins benachbarte Österreich oder in die Schweiz, von wo aus eine Rückwanderung vergleichsweise einfach sei. Sowohl für Deutsche als auch Migranten spielten nach den Erkenntnissen der DIW-Forscher also weniger mangelnde Lebenszufriedenheit oder Lebenszuversicht eine wesentliche Rolle für die Entscheidung zur Auswanderung als vielmehr spezifische Phasen im individuellen Lebensverlauf wie Karriereentwicklung oder Ruhestand.

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2011

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