Migrationsgeschichte(n)

50 Jahre Abkommen zur Anwerbung von „Gastarbeitern“ mit der Türkei

Deutsch-türkische Freundschaftsflagge; © rare – Fotolia.comDeutsch-türkische Freundschaftsflagge; © rare – Fotolia.comSie sind die mit Abstand größte Migrantennationaliät in Deutschland. Obwohl die meisten ihrer Nachkommen ein halbes Jahrhundert nach dem bilateralen Abkommen mit Ankara zur Anwerbung von türkischen „Gastarbeitern“ hier gut integriert sind, konzentriert sich vor allem die erste Einwandergeneration noch immer in Stadtteilen, in denen das Flair der alten Heimat weht. Viele Kinder und Kindeskinder der Deutschtürken, von denen etwa die Hälfte die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hat, machen sich inzwischen in das boomende Land ihrer Vorfahren auf, um dort ihr Glück zu suchen.

In den letzten drei Jahren haben mehr der gut drei Millionen Menschen mit türkischem „Migrationshintergrund“ Deutschland verlassen als gekommen sind. Suat Bakir von der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer in Köln führt dies gegenüber dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung nicht nur auf den Aufschwung in der Türkei zurück, sondern auch auf ein von einer Minderheit geschürtes Klima wachsender Ressentiments. Ferner beklagt er die im internationalen Vergleich wenig verlockenden Rahmenbedingungen für türkische Unternehmer und Investoren, die man sich aus demografischer Sicht eigentlich gar nicht leisten könne.

Gerade viele hoch qualifizierte Deutschtürken, nicht selten mit Studienabschluss, machen sich auf zurück in die Heimat ihrer Eltern. In der Diaspora hat sich herumgesprochen, dass gerade die gut strukturierten „Almancilar“, die „Deutschländer“, in der Goldgräberstimmung eines Landes, das es selbst in Krisenzeiten auf zweistellige Wachstumsraten bringt, beste Chancen haben. Und viele von ihnen wagen den Sprung auch, weil sie sich in Deutschland nicht hundertprozentig erwünscht fühlen und ihre Eltern hier sowieso nie richtig angekommen sind.

Zur „Schmutzarbeit“ benötigt

© eyetronic - FotoliaMenschen wie Ali Can, der sich 1966 nicht lange hatte bitten lassen, als ihm eine Stellung als Dreher in der Fremde angeboten wurde. „Sie haben so fantastische Sachen erzählt, dass man gedacht hat, man findet das Geld dort auf der Straße, man braucht überhaupt nicht arbeiten zu gehen“, berichtet er im Migration-Audio-Archiv über seine ersten Begegnungen mit Heimaturlaubern aus „Almanya“. Der Schock folgte, als er im Ruhr-Bergbau landete, nachdem sich angesichts von Wirtschaftswunder und Vollbeschäftigung zu wenige Einheimische für solche „Schmutzarbeit“ fanden. Als ihm klar wurde, dass die 450 Mark Monatslohn, die ihm nach Abzug der Unkosten blieben, nicht ausreichten, um wie geplant nach zwei Jahren als gemachter Mann zurückzukehren, sattelte er um.

Er schlug sich14 Jahre lang als Fahrer durch und versuchte sich mit seiner Frau, die er auf Heimaturlaub geheiratet hatte, eine Existenz mit einem Kiosk aufzubauen. Die Ehe scheiterte an zu vielen Nebenjobs. Als am Ende die Rente zu knapp war, kehrte er 2006 mit 63 Jahren heim an die Ägäis. Seine in Deutschland geborene Tochter blieb. Eines von vielen Schicksalen, das das deutsch-türkische Anwerbeabkommen für „Gastarbeiter“ vom 31. Oktober 1961 geschrieben hat. Es war das dritte seiner Art, das die Bundesregierung zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs von 1955 bis 1968 mit befreundeten Staaten in Südeuropa und im Maghreb schloss.

Umfangreiches Auswahlverfahren

© Lorenz ViereckeBis zum Anwerbestopp im November 1973, als es infolge der Ölkrise wirtschaftlich bergab ging, lockte es nach offiziellen Zahlen 2.659.512 Bewerber aus der Türkei an. Der Auswanderungsdruck vor allem aus dem anatolischen Hinterland war so groß, dass nur etwa ein Viertel tatsächlich vermittelt werden konnte. Doch statt zu der von der Regierung in Ankara erhofften Entwicklungshilfe führte vor allem der schwer zu beziffernde illegale Exodus von Facharbeitern zum genauen Gegenteil. Besonders seit sich die türkischen „Gastarbeiter“ angesichts der repressiveren Zuwanderungspolitik entschlossen, in Deutschland zu bleiben, ihre Familien nachholten und immer weniger Devisen schickten.

Da die Zahl der Interessenten das Angebot bei Weitem überstieg, konnten die Arbeitgeber und die „Deutsche Verbindungsstelle“ des Arbeitsamtes, die in Istanbul in Kooperation mit der Abteilung für Auslandsdienste (Is ve Isci Bulma Kurumu, IIBK) des türkischen Arbeitsamtes tätig war, wählerisch sein. 15 Stufen mussten die Bewerber durchlaufen, ehe sie erfuhren, ob sie eine Stelle bekamen oder nicht. Ab 1970 gab man sich bei Fachkräften nicht einmal mehr mit dem mündlichen Auswahlverfahren zufrieden sondern verlangte einen Fähigkeitsnachweis an Modellarbeitsplätzen. Die erniedrigendsten Prozeduren beinhalteten jedoch die bis zu drei peinlichen Gesundheitsprüfungen, die die Bewerber über sich ergehen lassen mussten, um die hiesigen Krankenkassen vorbeugend vor Lasten zu bewahren. Die Ablehnungsbescheide aus gesundheitlichen Gründen verdoppelten sich im Laufe des ersten Jahrzehnts auf bis zu 20 Prozent. Dagegen wurde die zunächst auf eine Zwei-Jahresrotation angelegte Arbeitserlaubnis auf Druck der Arbeitgeber fallen gelassen.

Hoffnungen noch größer als die Koffer

„Der Zug mit 1.500 Reisenden wurde von mehr als 3.000 Menschen verabschiedet. Bei jedem Ruck, den der Zug machte, erhob sich ein Heulen über Sirkeci wie ein letzter Aufschrei vor der Trennung“, erinnert sich ein Augenzeuge an die herzzerreißenden Szenen, die sich in den 1960er-Jahren immer und immer wieder auf dem nämlichen Istanbuler Bahnhof abspielten.

Einem, der in seiner Studentenzeit als Dolmetscher gearbeitet hatte, ist noch besonders präsent, dass es sich um besonders lange Züge handelte, die nach 50 Stunden strapaziöser Fahrt mit der Dampflokomotive zweimal in der Woche in aller Herrgottsfrühe auf Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofs, dem damaligen Drehkreuz für Türken zur Weiterfahrt in alle Teile der Republik, einrollten: „Die Arbeiter stiegen mit ihren Koffern und Taschen und ihren Arbeitsverträgen aus. Ihre Hoffnungen waren noch größer als ihre Koffer. Ihre Bärte waren ein paar Tage alt, und sie standen dort furchtsam, müde und voller Erwartung.“

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut.

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September 2011

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