Migrationsgeschichte(n)

Migration in Europa: Wer wandert wohin?

© imageteam – Fotolia.com© imageteam – Fotolia.comDie „Generation Staatsbankrott“ wandert aus, schrieb eine griechische Wirtschaftszeitung vor kurzem. Junge Griechen suchen ihr Glück im Ausland – und sie sind nicht die einzigen in Europa. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Migrationsströme in Europa verändert.

Wanderten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die meisten Arbeitskräfte aus den neuen EU-Beitrittsländern vom Osten in den Westen – vor allem nach Großbritannien, Spanien und Irland – , so hat sich die Richtung inzwischen gedreht. Der Süden wandert wieder nach dem Norden, wie schon einmal in den Jahren zwischen 1960 und 1970.

Zwischen 2000 und 2007 zogen in Spanien zum Beispiel jährlich durchschnittlich 730.000 Menschen vor allem aus Rumänien zu. 2009 waren es noch knapp 150.000, während mehr als 100.000 Spanier auswanderten (EU-Monitor-Bericht der Deutschen Bank). Großbritannien mit seinem weniger regulierten Arbeitsmarkt wurde zu einem bevorzugten Ziel von Polen und Indern (je zehn Prozent der Zuwanderer), während es die Portugiesen bevorzugt nach Luxemburg zog (25 Prozent der Zuwanderer).

Deutschland: Weniger Einwanderer

© FX Berlin – Fotolia.comDer OECD-Migrationsausblick 2011 (IMO 2011) fasst die Zahlen für das Krisenjahr 2009 zusammen. Danach verzeichneten 16 der 22 in der Studie untersuchten OECD-Staaten einen Rückgang zwischen fünf und 43 Prozent. Nur Schweden, die Niederlande, Kanada, Australien, Russland und die USA hatten positive Einwanderungswerte von einem bis 17 Prozent. Schlusslicht des Berichts ist Tschechien mit einem Rückgang von über 40 Prozent. Deutschland liegt mit einem Einwanderungsminus von 13 Prozent im Mittelfeld. Das heißt: Es wanderten mehr Deutsche, aber auch in Deutschland lebende Nicht-EU-Staatsbürger aus als ein. Entschlossen sich in den 1970er-Jahren jährlich nur 50.000 deutsche Staatsbürger, ihr Glück im Ausland zu suchen, so belief sich der Vergleichswert im Jahr 2009 auf rund 155.000 Personen. Die meisten Deutschen gingen in die Schweiz, in die USA, nach Österreich und Polen.

Positiv hebt der IMO 2011 hervor, dass Deutschland einen großen Zuzug von Studenten aus dem Ausland erlebt hat. Mehr als 60.000 Studenten wählten Deutschland 2009 als Studienort – ein Rekordwert. Besonders beliebt ist Deutschland bei Chinesen, die allein 15 Prozent der ausländischen Studenten ausmachen.

In den EU-Mitgliedsstaaten reicht der Anteil der ausländischen Bevölkerung von weniger als einem Prozent der Gesamtbevölkerung (Slowakei) bis zu 39 Prozent (Luxemburg). In den meisten Ländern beträgt der Ausländeranteil jedoch zwischen zwei und acht Prozent der Gesamtbevölkerung. In den meisten Staaten (außer Luxemburg) wird die Mehrheit der ausländischen Bevölkerung von Nicht-EU-Bürgern gestellt. In Deutschland, Dänemark und den Niederlanden sind türkische Staatsangehörige die größte Ausländergruppe. Hingegen sind Bürger der früheren Kolonien in Portugal (Kap Verde, Brasilien und Angola) und in Spanien (Ecuador und Marokko) sehr zahlreich. Aus historischen Gründen und wegen der geografischen Nähe stellen Zuwanderer aus Albanien in Griechenland, Bürger aus anderen Teilen des früheren Jugoslawiens in Slowenien, tschechische Bürger in der Slowakei und Bürger aus der früheren Sowjetunion in Estland, Lettland und Litauen die überwiegende Mehrheit der Ausländer im jeweiligen Land.

Je höher der Abschluss, desto mobiler

© Colourbox.comNach einer repräsentativen Eurobarometer-Umfrage von 2009 ist die Bereitschaft unter Europäern, im Ausland zu arbeiten, bei jungen Leuten am größten und steigt mit dem Bildungsniveau. Ziele im EU-Ausland scheinen bei jungen Europäern durchaus populär zu sein, zumal wenn im eigenen Land die Berufsaussichten mau sind.

So ergab eine neue Umfrage von Eurobarometer aus dem Jahre 2011 unter 15- bis 35-Jährigen, dass aufgrund der schlechten Arbeitsmarktperspektive sich jeder zweite vorstellen kann, temporär oder dauerhaft im europäischen Ausland zu arbeiten. Besonders häufig nannten junge Iren, Portugiesen, Spanier und Griechen den Mangel an verfügbaren Jobs in ihrer Region oder ihrem Fachgebiet sowie die schlechte Bezahlung. Je höher das Bildungsniveau ist, desto größer der Wunsch, in anderen europäischen Ländern zu arbeiten – 55 Prozent mit einem höheren gegenüber 33 Prozent mit einem geringeren Qualifikationsniveau.

Ausgebuchte Sprachkurse

© Colourbox.comDie deutschen Sprachkurse sind ausgebucht, berichtet das Athener Goethe-Institut. Internetforen, Informationsveranstaltungen für Auswanderungswillige, Intensivtrainings in Fremdsprachen sind überlaufen. Mehr als ein Drittel der jungen Griechen können sich vorstellen, auf Dauer ins Ausland zu gehen. Sie sehen für sich in ihrem Heimatland keine Chance mehr. Die Arbeitslosigkeit in der Altersgruppe unter 30 liegt bei 40 Prozent. Ähnlich ist es mit den jungen Spaniern: Auch sie drängen zunehmend nach dem Norden, und dabei vor allem nach Deutschland. Dagegen ist die Wanderungsbewegung zwischen der Türkei und Deutschland seit 2006 negativ. 2009 verließen 35.000 Auswanderer (Türken, Türkischstämmige, Deutsche) Deutschland in Richtung Türkei, während 27.200 aus dem Land am Bosporus nach Deutschland kamen. Viele der jungen Türken haben sich in den Jahren der Wirtschaftskrise gesagt, in ihrem Heimatland, wo es boomt, finde ich eher einen Job und kann Karriere machen als in Deutschland.

Neuere Daten fehlen noch. Auch weil es in Europa keine Grenzkontrollen mehr gibt und jeder sich im Nachbarland ohne sich anzumelden niederlassen kann, mangelt es an präzisen Zahlen. Der Migrationsbericht des BMI verzeichnete für 2009 rund 8.500 Zuzüge aus Griechenland nach Deutschland, aber über 16.000 Fortzüge von Griechen. Das könnte sich inzwischen dramatisch geändert haben. Jedenfalls geht der Bericht der Deutschen Bank davon aus, dass in den kommenden Jahren vor allem Griechen, aber auch Iren und Spanier verstärkt nach Deutschland zuwandern.


Aktuelle Daten, Zahlen und Ergebnisse enthält der Migrationsbericht 2010, den das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Dezember 2011 veröffentlicht hat.
Migrationsbericht 2010
Volker Thomas
ist freier Journalist in Berlin und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung (www.thomas-ppr.de)

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

goethe.de/einfachhoeren

Lustige Geschichten von Pferden, Hexen und Fußballern – auf Arabisch vorgelesen und als Podcast zum Herunterladen und überall anhören!

goethe.de/wohin

Wohin? 21 Fragen zu Flucht und Migration

goethe.de/willkommen

Deutschlernen für Flüchtlinge

Ankommen-App

Ein Wegbegleiter für Ihre ersten Wochen in Deutschland

Mein Weg nach Deutschland

Videos und Sprachübungen für Deutschlerner