Migrationsgeschichte(n)

Auswandern: Tendenz sinkend

© www.colourbox.comAusschnitt Europa auf Globus © www.colourbox.com

„Platz 1 für die Schweiz“ als Ziel deutscher Auswanderer stellte ich bei Recherchen zu einem Buch im Jahr 2007 über das reale Bild des typischen deutschen Auswanderers fest. Die nüchternen Zahlen des Bundesamtes für Statistik ließen keinen Platz für die Vorstellung vom abenteuerhungrigen Glücksritter, die man so gern mit dem Thema Auswandern assoziiert. Stattdessen kam eine Studie des Forschungsinstituts Prognos zu dem Schluss, dass es unter den rund 160.000 Auswanderern mit deutschem Pass in jenem Jahr vor allem gut ausgebildete, junge Männer waren, die sich von den Karrieremöglichkeiten in der Alpenrepublik und anderswo locken ließen. Mit den USA und Österreich folgten hinter der Schweiz Ziele mit ähnlich guten beruflichen Möglichkeiten.

Drei Jahre später

Aktuellere Statistiken belegen dieses Bild des grenzüberschreitenden Arbeitens. Das scheint trotz günstiger rechtlicher Rahmenbedingungen – zumindest innerhalb der EU – nicht jedem auf Dauer zu liegen oder von vornherein zeitlich begrenzt zu sein. Bereits 2009 stieg die Zahl der Rückwanderungen nach Deutschland spürbar an. Unter den rund 700.000 Zuwanderern befanden sich mehr als 100.000 Deutsche: neben Spätaussiedlern auch zahlreiche „Heimkehrer“. Im Jahr 2010 ist diese Zahl noch einmal angestiegen. Ein deutliches Indiz dafür, dass es sich bei vielen Auswanderern in Wirklichkeit mehr um beruflich bedingte und somit zeitlich begrenzte Auslandsaufenthalte handelt.

Was natürlich die Frage aufwirft, ob man in diesem Zusammenhang überhaupt noch von Auswandern reden kann? Genaue Zahlen existieren allerdings nicht, denn auch das Statistische Bundesamt erfasst nur, wer wohin geht oder woher kommt. Über die Gründe muss mehr oder weniger spekuliert werden. Das Raphaelswerk ist zwar eine der wichtigsten Anlaufstellen für Aus- und Rückwanderer, doch auch dort dokumentiert man nur die Einzelfälle, die vorstellig werden. Ein Gesamtbild lässt sich auch aus diesen Zahlen nicht ableiten.

Polen ist wichtigstes Zielland

Allerdings sprechen die offiziellen Zahlen auch ohne Kenntnis der genauen Hintergründe eine deutliche Sprache. Polen ist mit weitem Abstand das Land, das die größte Anziehungskraft auf Menschen aus Deutschland ausübt. Dort zog es 2009 rund 123.000 Menschen aus den deutschen Bundesländern hin. Dahinter folgten als weitere Zielländer Rumänien (44.000), die Türkei (40.000), die USA (36.000) und erst dann die Schweiz (30.000). Neben 141.000 Deutschen kehrten 2009 mehr als 500.000 Menschen Deutschland den Rücken, die zwar hier gemeldet, aber keine deutschen Staatsangehörigen waren.

Rück- und Rück-Rückkehrer

Das lässt darauf schließen, dass es nicht nur zahlreiche deutsche Rückkehrer gibt, sondern dass mittlerweile auch viele Migranten Deutschland den Rücken kehren und wieder in ihre Herkunftsländer zurückziehen. In 2009 und 2010 waren das zusammen mehr als eine Million Menschen. Dabei spielen natürlich auch die Sprachvorteile eine Rolle, die die gute Ausbildung in Deutschland ergänzen und in den Herkunftsländern die Tür zum Arbeitsmarkt weit öffnen. So wundert es nicht, dass immer mehr Deutsch-Türken mit akademischem Abschluss ihr berufliches Glück am Bosporus suchen, zumindest zeitweise als Lebensabschnitt. Aus dieser Gruppe rekrutieren sich nach einigen Jahren auch wieder Rück-Rückkehrer.

Dass es im Jahr 2010 insgesamt weniger Auswanderer als auf dem „Höhepunkt“ der Auswanderungswelle in den Jahren 2005-2008 gab, sowohl bei Menschen mit als auch ohne deutschen Pass, hat verschiedene Gründe: Einer davon ist die deutlich spürbare Entspannung auf dem Arbeitsmarkt, das sogenannte „deutsche Jobwunder“ . Wenn es beruflich in der Heimat stimmt, verliert das Abenteuer Fremde an Reiz.

Die Welt wird kleiner

Während das Auswandern noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts für viele Deutsche eine Reise ohne Rückkehr und in eine ungewisse Zukunft war, halten sich die Risiken heute in Grenzen. Die Freizügigkeit – vor allem innerhalb Europas – hat die Welt kleiner werden lassen. Deutsche Ärzte in Großbritannien sind ebenso selbstverständlich geworden wie italienische Lehrer in Deutschland. Modernes Wanderverhalten zwischen den großen Volkswirtschaften gehorcht nicht mehr der Not, die frühere Generationen in die USA oder nach Südamerika trieb. Heute fällt es leichter, für ein paar Jahre ins Ausland zu gehen als noch vor 100 Jahren in eine andere Stadt umzuziehen. Doch ob „richtiger“ oder zeitweiliger Auswanderer: bürokratische Hürden müssen selbst innerhalb der EU bereits im Vorfeld überwunden werden. Je weiter das Zielland von der EU entfernt ist, umso höher sind in der Regel die Hürden. Und anders als bei TV-Dokus ist bei „Otto-Normalauswanderer“ kein Fernseh-Team „vor Ort“, dessen Anwesenheit im Ernstfall Türen öffnen kann, die einem allein verschlossen bleiben würden.
Text: Ralf Meier
Journalist, Düsseldorf

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Januar 2012
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