Migrationspolitik

Fachkräfte willkommen – Deutschland wird immer attraktiver für Zuwanderer

Fachkräfte gesucht; ©_FM2/Fotolia.comDie Bedeutung der Willkommenskultur wird unterschätzt; © Marco2811/Fotolia.comMan spricht spanisch, portugiesisch, italienisch, griechisch. In Cafés im Berliner Stadtteil Kreuzberg, in der U-Bahn und in den Szene-Kneipen in Berlin-Mitte fällt der Trend besonders auf. Es sind nicht nur Touristen auf Deutschlandtour, es sind immer mehr junge Zuwanderer aus dem Süden Europas, die vor der Krise nach Berlin geflohen sind. Sogar Ratgeber für Neuberliner werden in Buchhandlungen auf Italienisch oder Portugiesisch angeboten.

Deutschland ist in den vergangenen zwei Jahren für Zuwanderer immer attraktiver geworden. Das Land, das der Wirtschafts- und Finanzkrise erfolgreich getrotzt hat, verzeichnet einen starken Zuzug aus Süd- und aus Osteuropa. Im ersten Halbjahr 2012 kamen aus Griechenland rund 16.000 Menschen, 78,2 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2011. Aus Spanien zogen 11.000 Personen und damit 53,4 Prozent mehr nach Deutschland. Ebenfalls um gut 53 Prozent stieg die Zahl der Zugezogenen aus Portugal an: um 2.000 auf fast 6.000.

Das Ende des Fachkräftemangels?

Herbert Brücker; Foto: IAB„Für Deutschland ist das großartig“, sagt Herbert Brücker, Migrationsexperte am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. 50 bis 70 Prozent der Zuwanderer seien Hochschulabsolventen, viele davon aus dem gefragten naturwissenschaftlichen und technischen Bereich. Aber auch Pflegekräfte und Krankenschwestern würden schnell Arbeit finden. Ingenieure, Software-Spezialisten und Informatiker werden von mittelständischen Firmen mit Kusshand empfangen. Teilweise inserieren die Firmen selbst in spanischen Internetportalen und Zeitungen. Auch die Bundesagentur für Arbeit hilft bei der Suche nach geeigneten Bewerbern. Nach einem Bericht in einer portugiesischen Wirtschaftszeitung über Schwäbisch-Hall meldeten sich mehr als 10.000 Bewerber für die 2.500 offenen Stellen, von denen in dem Bericht die Rede war. Deutsche Medien berichten schon euphorisch vom Ende des Fachkräftemangels.

Die Kehrseite

Doch das ist nur die eine Seite der Zuwanderung. Denn zwischen dem Maschinenbauingenieur, der schnell einen gutbezahlten Job findet, und einem Leiharbeiter, der, einmal hierher gelockt, dann für einen Lohn arbeiten muss, der in Deutschland kaum zum Leben reicht, gibt es himmelweite Unterschiede. Leider hat es zuletzt auch Berichte über solche Fälle gegeben. Sie betrafen vor allem Arbeitsmigranten aus osteuropäischen EU-Staaten, die erst seit kurzem Freizügigkeit innerhalb der EU genießen – und diese zunehmend nutzen: Die Zahlen für das erste Halbjahr 2012 zeigen, dass die Zuwanderung aus Südeuropa zwar zugenommen hat. In wirklich großer Zahl aber kamen Menschen aus den neuen EU-Beitrittsländern: aus Polen (rund 89.000), aus Bulgarien und Rumänien (88.000) und aus Ungarn (25.000). Insgesamt waren das etwa 24 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch das sei eine Folge der Wirtschaftskrise, meint Migrationsexperte Brücker. Die Arbeitsmigranten, die bisher in Spanien oder Griechenland nach Jobs suchten, kämen nun nach Deutschland.

Bedeutung der Willkommenskultur

Fachkräfte gesucht; © FM2/Fotolia.comWas wird getan, um den Zuwanderern den Start in Deutschland zu erleichtern und sie hier zu „integrieren“? Die Firmen, die händeringend Fachkräfte suchen, bieten eine ganze Palette von Eingewöhnungshilfen. Ein Betrieb im schwäbischen Künzelsau mietet ein Apartmenthaus, wo die neuen Mitarbeiter erst einmal einziehen können, bis sie eine Wohnung finden. Firmenangestellte unterstützen bei Behördengängen, beim Autokauf oder beim Deutsch lernen. In einer Bremer Firma half ein aus Spanien stammender Mitarbeiter bei der Suche nach den richtigen Spezialisten aus seinem Heimatland.

Ulrich Kober; Foto: Bertelsmann-StiftungDie Deutschen selbst sind in ihrer Meinung gespalten. Nach einer Mitte Dezember 2012 veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung hält die Mehrheit Deutschland zwar für ein attraktives Einwanderungsland. Jeder Zweite betrachtet Zuwanderung als wirksames Mittel gegen Fachkräftemangel und die Überalterung der Gesellschaft. Doch knapp zwei Drittel der Befragten sind auch der Auffassung, Zuwanderung führe zu zusätzlichen Belastungen in den Sozialsystemen, zu Konflikten mit Einheimischen und zu Problemen in den Schulen. Ein positives Zeichen: Je jünger die Befragten, desto mehr schwinden die Vorbehalte gegen Zuwanderer. „Deutschland unterschätzt die Bedeutung einer Willkommenskultur und überschätzt die Attraktivität als Einwanderungsland“, sagt Ulrich Kober, der die Studie der Bertelsmann Stiftung vorgestellt hat.

„Willkommenskultur“ – daran scheint es nicht zu fehlen, wenn die richtigen Fachkräfte kommen. Immerhin hat die Bundesregierung auch die Verfahren zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse erleichtert. Doch eine „Willkommenskultur“ braucht es auch und besonders für diejenigen, die – einmal in Deutschland angekommen – zunächst am Rande der Gesellschaft stehen.

Volker Thomas
ist freier Journalist in Berlin und leitet eine Agentur für Text und Gestaltung (www.thomas-ppr.de).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2013

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