Migrationspolitik

„Grenzen werden wieder wichtiger“ – der Politologe Wilfried von Bredow im Gespräch

Grenzzäune bringen keine langfristigen Lösungen | © bluedesign – Fotolia.com

Weltweit werden immer mehr Grenzen errichtet. Wo liegen die Gründe und wie verändert sich die Bedeutung von Grenzen durch die Globalisierung?

Herr von Bredow, verlieren in einer zunehmend globalisierten Welt Grenzen nach und nach an Bedeutung?

Man muss hier sehr aufpassen und darf nicht pauschalisieren. Sicher ist es richtig, dass die Globalisierung Konsequenzen hat, die auch die Bedeutung von Grenzen verändern und vielfach auch verringern – denken Sie an die Bemühungen, Freihandelszonen zu schaffen. Andererseits könnte man auch das genaue Gegenteil behaupten, nämlich dass gerade die Globalisierung Grenzen in ihrer Bedeutung wieder aufwertet.

Ich glaube, wenn wir über die aktuelle und zukünftige Rolle von Grenzen sprechen, ist es wichtig, sich eines klar zu machen: Es gibt keine historische Entwicklung hin zu einer zunehmend grenzenlosen Welt. Es gibt überhaupt wenig historische Kontinuität. Man hat Grenzen schon immer so angepasst, wie es die äußeren Umstände gerade erforderten.

In welcher Situation befinden wir uns im Jahr 2015?

Zum Ende des Ost-West-Konfliktes, mit dem Verschwinden der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer in den 1990er-Jahren, gab es zunächst einen großen Optimismus bezüglich der Überwindung von Grenzen. Nicht nur innerhalb von Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Die Grenze zwischen den USA und Kanada ist dafür ein Beispiel. Doch das änderte sich schlagartig mit dem Terroranschlag des 11. September 2001. Plötzlich wurden Grenzen in ihrer Schutzfunktion wieder wichtig. Auch verstärkte Migrationsbewegungen haben zu einer Bedeutungszunahme von Grenzen geführt.

Heißt das, Grenzen werden zurzeit nicht abgebaut, sondern im Gegenteil neu errichtet?

Es ist sogar so, dass wir im Augenblick mehr politische Grenzen auf der Erde zählen als je zuvor. Grenzzäune gibt es inzwischen überall in der Welt, zum Teil sehr lange, zum Teil sehr hochgerüstete. Nehmen Sie die israelischen Sperranlagen am Gazastreifen oder die mittlerweile auch per Drohnen überwachte Grenze zwischen den USA und Mexiko.

Ist das ein Ausdruck von Hilflosigkeit oder ein wirksames Abschottungskonzept?

Es stimmt natürlich, dass Grenzzäune keine langfristigen Lösungen bringen. Sie ändern nichts an den Ursachen für Terrorismus oder den großen Migrationsbewegungen, die wir gerade erleben. Auf der anderen Seite können auch offene Grenzen problematische Folgen haben. Ungesteuerte Migrationsströme werden etwa viele Systeme unserer Gesellschaft, zum Beispiel das Sozialsystem oder das Gesundheitssystem, überfordern. Dadurch gerät letztlich auch die Liberalität einer Gesellschaft in Gefahr. Wir erleben das gerade in Form eines politischen Rechtsrucks fast überall in Europa, auch in Deutschland.

Die Entstehung des Nationalstaats

Im Grunde ist das Konzept der Grenze an die Idee eines definierten, staatlichen Territoriums geknüpft, das sich nach außen hin schützen will und muss. War das schon immer so?

Erst seit Entstehung des modernen Staatensystems Mitte des 17. Jahrhunderts in Europa begann sich das Konzept eines Nationalstaates, eines Ordnungssystems mit dem Anspruch auf eine kollektive Identität namens Volk, und eines durch Grenzen gesicherten Territoriums durchzusetzen. Im Feudalismus des Mittelalters kam es noch häufig vor, dass ganze Landstriche den Herrscher gewechselt hatten, ohne dass es die Bevölkerung wirklich interessierte. Das änderte sich grundsätzlich mit dem Aufkommen des Nationalismus als Ideologie für Großflächenstaaten.

Wie haben sich Grenzen in anderen Teilen der Welt entwickelt?

In vielen außereuropäischen Ländern wurden Grenzen, vor allem durch Kolonialmächte wie England und Frankreich, oft sehr willkürlich gezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten dann die ehemaligen Kolonialgebiete ihrerseits sich als Nationalstaaten zu definieren, und im Rahmen eines antikolonialistischen Kampfes Nationen zu bilden. Leider haben viele „junge“ Nationen es bis heute nicht geschafft, diese aufgezwungenen Grenzen ihren eigenen politischen Zielen und Vorstellungen anzupassen, und sie entweder ganz zu akzeptieren oder sie einvernehmlich mit den Nachbarn zu verändern.

Konzept der offenen Grenze

Lassen Sie uns noch einmal über das Konzept der offenen Grenze sprechen. Sind die Abschottungstendenzen angesichts Terrorismus und Migration nachvollziehbar oder etwas, das man überwinden kann und sollte?

Leider ist es nicht so einfach. Sowohl eher offene als auch geschlossene Grenzen haben Vor- und Nachteile. Und damit meine ich nicht nur den klassischen Konflikt zwischen Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen. Selbst aus ökonomischer Perspektive ist es nicht ganz eindeutig, was eigentlich besser wäre: Öffnung oder Abschottung. Es kommt auf den Einzelfall an. Auch der Freihandel kann ja durchaus negative Effekte haben. Beispielsweise kann er dazu führen, dass Metropolen immer reicher und Peripherien immer ärmer werden. In vielen Schwellenländern ist diese Vorstellung nach wie vor präsent. Was man aber, denke ich, sagen kann: Die Vorstellung einer supranationalen, grenzenlosen Welt ist grundfalsch.

Ist der europäische Schengen-Raum ein Beispiel dafür, dass offene Grenzen funktionieren können?

Der Schengen-Raum hat deshalb so lange so gut funktioniert, weil er unter Ländern vereinbart wurde, die sich relativ ähnlich sind und weil man sich auf eine Sicherung der Außengrenzen verständigt hat. Jetzt versucht man, die Idee offener innereuropäischer Grenzen durch das Errichten neuer Zäune zu retten. Und man muss leider davon ausgehen, dass diese so schnell nicht wieder abgebaut werden.

Wilfried von Bredow | © Wilfried von BredowWilfried von Bredow war von 1972 bis 2009 Professor für Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Er ist Autor zahlreicher Publikationen über das Verhältnis von Militär und Politik sowie über internationale Beziehungen, darunter auch Grenzen. Eine Geschichte des Zusammenlebens vom Limes bis Schengen (2014).
Klaus Lüber
ist Kultur- und Medienwissenschaftler und arbeitet als freier Autor für die „Süddeutsche Zeitung“, „Die Zeit“ und „Die Welt“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2015

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