Migrationspolitik

„Die Wirklichkeit anerkennen“ – Aygül Özkan über Zuwanderung und Integration

Ministerin Aygül Özkan; © Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und IntegrationMinisterin Aygül Özkan; © Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und IntegrationSeit 2010 ist Aygül Özkan Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration in Niedersachsen. Goethe.de sprach mit der ersten türkischstämmigen Ministerin in Deutschland über die Ziele der Integrationspolitik und die Notwendigkeit von Zuwanderung in der alternden Gesellschaft.

Frau Ministerin Özkan, wie sehen Sie die faktische Situation der Integration in Deutschland, speziell auch vor dem Hintergrund der Sarrazin-Debatte, die nicht nur hierzulande, sondern auch im Ausland auf erstaunliche Resonanz gestoßen ist?

Es ist wichtig, dass wir in ruhiger und sachlicher Atmosphäre über Verbindendes und über Trennendes, über Positives und Negatives sprechen. Mir geht es nicht darum, Ängste und Sorgen einfach „vom Tisch zu wischen“. Aber wir dürfen bei aller wichtigen und notwendigen Kritik nicht vergessen, dass es durchaus auch große Erfolge in der Integrationspolitik gibt.

Insbesondere die Menschen, die in der ersten Generation zu uns gekommen sind, haben seitdem viel für dieses Land geleistet. Wir sorgen nun dafür, dass die vierte, fünfte und sechste Generation daran anknüpfen kann. Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt: Die Integration schreitet voran, die Sprachkenntnisse bessern sich, Migrantinnen und Migranten übernehmen zunehmend Verantwortung in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Vielfalt ist immer besser als Einfalt

Vielfalt ist besser als Einfalt; © L. ViereckeWie stehen Sie zu der Debatte um Multikulturalität oder Leitkultur?

Ich denke nicht in solchen Begriffen. Wichtig ist, dass wir die Wirklichkeit anerkennen: Wir haben Zuwanderer in unserem Land – und wir werden angesichts des demografischen Wandels weitere Zuwanderung brauchen. Diese Menschen sind eine Chance für unser Land.

Hat die Zuwanderung zu einer Vielfalt geführt, die Deutschland bereichert?

In Deutschland geborene und zugewanderte Menschen sind nicht Rivalen, sondern Partner im Deutschland der Zukunft. Von dieser Vielfalt werden wir alle profitieren. Versöhnende Vielfalt ist immer besser als Einfalt.

Oder haben sich gefährliche Parallelgesellschaften gebildet?

Es geht um ein generelles Problem, eine gesamte Schicht, zu der nicht nur Türken oder Araber gehören, sondern auch Deutsche. Für diese Schicht müssen wir etwas tun. Die Kinder dürfen nicht in sogenannte „Hartz-IV-Karrieren“ abgleiten.

Niemand muss seine Wurzeln verleugnen

Niemand muss seine Wurzeln verleugnen; © L. ViereckeIn welche Richtung sollte eine gelingende Integrationspolitik intensiviert werden?

Wir haben zwei Aufgaben. Erstens müssen wir die hier lebenden jungen Menschen mit Zuwanderungshintergrund in Arbeit und Ausbildung integrieren und ihnen eine Perspektive bieten. Zweitens ist – angesichts einer älter werdenden Gesellschaft – eine gezielte Zuwanderung an Arbeitskräften für bestimmte Branchen und Bereiche sinnvoll. Integration kann durch staatliche Hilfen unterstützt werden, aber sie ist ein Prozess, der im Kleinen stattfindet, im Alltag: Kindergärten, Schulen, Arbeitsplätze und Vereine sind Orte, wo unsere Gesellschaft zusammenwächst.

Könnte dabei indes nicht auch eine Art Assimilation drohen?

Vor allem soll sich jeder, der in Deutschland lebt, auch mit unserem Land identifizieren. Deshalb muss er ja nicht seine Wurzeln verleugnen.

Die 1972 als Tochter in den 1960er-Jahren aus der Türkei zugewanderter Eltern in Hamburg geborene Aygül Özgan wurde 2010 vom damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten und heutigen Bundespräsident Christian Wulff überraschend als Ministerin des neu zugeschnittenen Ressorts für „Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration“ in die Landesregierung Niedersachsens berufen. Sie war die erste türkischstämmige und die erste muslimische Ministerin in einer deutschen Landesregierung. Zuvor war die Rechtsanwältin, die seit 2004 Mitglied der Christlichen Demokratischen Union (CDU) ist, Abgeordnete in der „Hamburger Bürgerschaft“, dem Landesparlament der Freien und Hansestadt Hamburg.

Dem niedersächsischen Beispiel folgend hat im Mai 2011 der neue Ministerpräsident des Bundeslandes Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN), mit Bilkay Öney (SPD) eine Politikerin „mit Migrationshintergrund“ als Ministerin in sein Kabinett berufen – allerdings an die Spitze eines neu geschaffenen Ministeriums, das allein der Integrationspolitik gewidmet ist. 

Hans-Martin Schönherr-Mann
stellte die Fragen. Er ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2011

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