Bildung und Sprache

Kritik äußern auf Deutsch – interkulturelle Kommunikation

Direkter Kommunikationsstil der Deutschen | © K.- P. Adler - Fotolia.com

Zu sagen, was einem nicht gefällt, ist nicht in jeder Kultur selbstverständlich. In Deutschland schon. Viele Deutsche kritisieren offen und direkt. Doch auch dabei sollten einige Regeln beachtet werden.

Ein deutscher Chef betreut mit einem tschechischen Mitarbeiter den Stand der Firma auf einer Messe. Der Stand befindet sich sehr günstig direkt am Eingang. Der ist verglast, die Sonne scheint, es ist sehr warm. „Hier ist es ja kaum auszuhalten“, sagt der Chef gegen Abend. Am nächsten Morgen kommt er etwas später und der Stand ist weg. Er findet ihn am hinteren Ende der Halle. „Was soll das denn?“, fragt er die tschechischen Mitarbeiter aufgebracht. „Wir haben ihn an einen schattigen Ort verlegt“, sagen diese. Wer denn gesagt habe, dass sie das tun sollten, fragt der Chef darauf. „Na, Sie!“, erhält er zur Antwort.

Direkter oder indirekter Kommunikationsstil?

Diese Szene beschreibt die Psychologin und interkulturelle Trainerin Sylvia Schroll-Machl in ihrem Buch Die Deutschen – Wir Deutsche. Fremdwahrnehmung und Selbstsicht im Berufsleben. Darin fasst sie ihre Erfahrungen in der Arbeit mit Mitarbeitern international agierender Unternehmen zusammen. In einem Kapitel illustriert sie, wie direkt oder indirekt Menschen aus unterschiedlichen Kulturen kommunizieren. „Der deutsche Kommunikationsstil ist allseits bekannt für seine große Explizitheit und Direktheit“, schreibt Schroll-Machl.

Interpretationsspielraum zu lassen sei kein Bestandteil dieses Stils. Hätte der Chef also gewollt, dass der Stand verlegt wird, hätte er das deutlich gesagt. Die tschechischen Mitarbeiter dagegen werteten seine Anmerkung als Kritik, aber auch als Handlungsaufforderung. Kritik äußern Deutsche in der Regel „relativ offen und aufrichtig“, schreibt Schroll-Machl. „Sie sprechen direkt an, was ihnen nicht gefällt und womit sie unzufrieden sind.“ Im Umkehrschluss gilt: Wenn Ausländer Deutsche kritisieren, sollten sie das mit klaren Worten tun.

Konstruktive Kritik


Kritik äußern – auf Kritik reagieren: Deutsche und chinesische Perspektiven (Youtube.com)

„Neben der ohnehin direkten Art kommt hinzu, dass Kritik oft nicht sachlich und konstruktiv sondern nur negativ geäußert wird“, sagt Carmen Spiegel, Professorin für deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Sätze wie „Du machst das falsch“ oder „So geht das gar nicht“ findet Spiegel, die sich viel mit Gesprächskompetenz und Interkulturalität beschäftigt, völlig unproduktiv. „Damit kann der Kritisierte nichts anfangen.“

Spiegel empfiehlt, niemals nur negativ zu sein und nicht „müssen“ oder „sollen“ zu verwenden. Besser sei es, mit dem Konjunktiv zu formulieren, das nimmt die Schärfe aus dem Konflikt, also „ich würde“ anstelle von „du sollst“. Wer sich zum Beispiel über benutzte Kaffeetassen in der Büroküche ärgert, sollte nicht sagen „Du sollst doch die schmutzigen Tassen nicht auf dem Tisch stehen lassen“, sondern besser „Würdest du bitte die Tassen sofort in die Spülmaschine stellen.“ „Wo es sich anbietet, kann man zusätzlich erst Positives hervorheben und Alternativen anbieten“, so Spiegel. „Solche Kritik regt zum Überlegen an, ein harsches ‚So geht das nicht‘ bringt nur Widerstand.“

Die direkten Deutschen

Dass manche Deutsche sehr direkt sagen, was sie meinen, hat der Brasilianer Adans Aldani da Silva kurz nach seiner Ankunft in Deutschland erfahren. Nie wird er vergessen, wie er das erste Mal in einem Supermarkt in aller Ruhe seine Einkäufe auf das Band an der Kasse legte, und die Kassiererin rief: „Jetzt mal schneller, bitte!“. Der 24-Jährige war schockiert. „So etwas würde man in Brasilien nie hören.“ Mittlerweile gewinnt er den klaren Ansagen der Deutschen aber auch Gutes ab: „Für mich sind die Deutschen zwar immer noch etwas hart, aber ich finde es auch gut, dass sich niemand verstellt“, sagt er. „Man sagt einfach: Das ist falsch. Das spart auch Zeit.“ Selbst direkt zu widersprechen oder eine Person zu kritisieren kann er sich jedoch nicht vorstellen.

Wie genau kritisiert wird, sollte gut überlegt sein, meint Expertin Carmen Spiegel. Was möchte man bei der anderen Person erreichen? Wie fühlt sie sich dabei? Vor allem darf die Kritik nicht emotional aufgeladen sein, sollte also möglichst nicht spontan in der Ärger auslösenden Situation geäußert werden. Außerdem sollte man aus der eigenen Befindlichkeit heraus formulieren, etwa: „Ich finde es eklig, wenn die benutzten Tassen so lange auf dem Tisch stehen.“

Auch andere sind direkt

Sylvia Schroll-Machl sieht den direkten Kommunikationsstil der Deutschen vor allem im Kontrast zu asiatischen Kulturen. Dort sei es unüblich, mit Worten zu kritisieren, ein angesprochenes Problem werde als Konflikt aufgefasst. Aus ihrer Erfahrung beschreibt sie, dass nicht nur viele Inder, Chinesen und Japaner Deutsche als direkt und undiplomatisch empfinden, sondern auch viele Briten, Spanier, Ungarn und Türken so denken.

Die 27-jährige Israeli Sharon Harel kann das nicht verstehen. Sie findet die Deutschen nicht auffallend direkt. „In Israel sind wir das auch“, sagt sie, „und dazu noch ein bisschen aggressiv“. Sie lebt seit zwei Jahren in Berlin und ist mit einem Deutschen verheiratet. „Ich sage eigentlich immer, was ich fühle.“ Probleme hatte sie deshalb noch nie. Was ihr vor kurzem in Berlin passierte, hat sie allerdings doch erstaunt: Sie stand mit ihrem Fahrrad in einer gut gefüllten S-Bahn genau neben der Tür. An den Bahnhöfen versuchte sie so gut es ging, die Menschen beim Ein- und Aussteigen nicht zu behindern. „Ich war aber doch im Weg“, sagt sie und erzählt, wie eine Frau sie schließlich anschrie: „Jetzt steigen Sie doch mit dem Rad aus, verdammt!“ „Ich fühlte mich sehr beleidigt“, erinnert sie sich. „Obwohl die Frau ja Recht hatte. Ich hätte nur aus- und dann wieder einsteigen müssen.“ Sie hätte sich gewünscht, dass die Frau gesagt hätte: „Könnten Sie bitte mit dem Rad kurz aussteigen?“

Katja Hanke
ist freie Journalistin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2014

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