Bildung und Sprache

„Einen regulären Sprachkurs kann eine App nicht ersetzen“ – Heike Uhlig im Gespräch

Eine App ermöglicht einen ersten Einstieg ins Deutschlernen. | © LoloStock - Fotolia.com

Apps sollen Flüchtlinge beim Ankommen in Deutschland und beim Spracherwerb unterstützen. Doch genügen Smartphone und App, um die deutsche Sprache zu erlernen? Heike Uhlig, Abteilungsleiterin Sprache des Goethe-Instituts, über die Möglichkeiten und Grenzen digitaler Angebote.

Frau Dr. Uhlig, wie hilfreich sind Apps für das Erlernen der deutschen Sprache?

Eine App zum Spracherwerb ist immer ein Selbstlernangebot. Sie kann einen ersten Einstieg ins Deutschlernen ermöglichen und kursbegleitend zusätzliches Übungsmaterial zur Verfügung stellen. Vor allem jedoch können die Nutzer zeit- und ortsunabhängig lernen. Das ist ein großer Vorteil. Da keine Lehrkraft zur Verfügung steht, bieten Apps jedoch meist geschlossene Übungsformate. Individuelle Sprachäußerungen können damit nicht geübt werden. Für einen systematischen Spracherwerb ist es aber wichtig, zu lernen, sich frei zu äußern – und damit auch an einem Gespräch teilnehmen zu können. Insbesondere Menschen, die sich erstmals eine neue Sprache aneignen, benötigen die Unterstützung einer Lehrkraft, um die Strukturen der Sprache zu verstehen, um die Progression im Lernstoff zu sichern und sich Lernstrategien zu erarbeiten. Einen regulären Sprachkurs kann eine App nicht ersetzen.

Viele Geflüchtete nutzen Übersetzer- oder Dolmetscher-Apps. Können sie beim Spracherwerb helfen?

Gute Übersetzer-Apps ermöglichen einen einfachen, sehr konkreten Informationsaustausch oder das Verständnis eines kurzen Textes, etwa einer Aufschrift. Sie können helfen, gerade die anfängliche Sprachlosigkeit in bestimmten Situationen zu überwinden. Doch sie sind kein Mittel zum Spracherwerb.

Es ist wichtig, dass Übungen auf konkrete Situationen vorbereiten

Das Goethe-Institut hat mit „Willkommen – Deutschlernen für Flüchtlinge“ ein umfassendes Angebot mit „Vokabeltrainer-App“ und „Ankommen-App“, mit Videos, Sprachübungen, Selbstlernprogrammen und vielem mehr zur Verfügung gestellt. Was will und kann das Angebot für den Spracherwerb geflüchteter Menschen leisten?

Dr. Heike Uhlig | © Goethe-Institut, Foto: Lauredana la RoccoWir haben auf Goethe.de/willkommen ein qualitativ hochwertiges Angebot zusammengestellt, um erste Deutschkenntnisse zu erwerben. Dabei führen verschiedene Übungsformate sowohl inhaltlich als auch methodisch zu einem formalen Sprachunterricht hin, etwa einen Integrationskurs. Wichtig ist auch, dass Übungen auf konkrete Situationen vorbereiten. Es genügt nicht, einzelne Wörter oder Grammatik zu „pauken“ – auch wenn der Spracherwerb natürlich nicht funktioniert, ohne Vokabeln zu lernen.

Auf Goethe.de/willkommen bieten Sie deswegen auch eine Vokabeltrainer-App an.

Solche Apps sind grundsätzlich geeignet, einen bestimmten Wortschatz zu üben: vorbereitend, aber auch während eines Kurses. Das Besondere an unserer Vokabeltrainer-App ist, dass der A1 Wortschatz bereits in 14 Sprachen übersetzt ist – darunter Arabisch –, sodass auch Anfänger damit arbeiten können.

Inwiefern berücksichtigt Ihr Angebot die besondere Situation geflüchteter Menschen in Deutschland?

Die Inhalte der Ankommen-App sind genau auf diese Zielgruppe zugeschnitten. Im Sprachkurs auftretende männliche und weibliche Figuren stammen aus häufigen Herkunftsländern wie Afghanistan, dem Irak oder Syrien. Beispieldialoge, die der Lebenswelt der Flüchtlinge entsprechen, bieten eine konkrete sprachliche Hilfestellung im Alltag. Im Sprachkurs werden zudem Originaldokumente vorgestellt, mit denen Flüchtlinge im Asylprozess konfrontiert werden – beispielsweise der Aufenthaltstitel. Wortschatz und Redemittel der Ankommen-App beziehen sich auf Alltagshandlungen, die für Flüchtlinge besonders wichtig sind. Dazu zählen das Einkaufen, der Arztbesuch, die Orientierung am Wohnort und die Wahl der Kleidung. Viele dieser Themenbereiche werden in klassischen Sprachkursen erst in späteren Kapiteln und auf höherem Sprachniveau behandelt. Durch die Anpassung der Themen und der Redemittel wird diese App zur konkreten (Über)Lebenshilfe.

Digitale Anwendungen ermöglichen im Unterricht ein individuelles Üben

Wo liegen die Vorteile digitaler Angebote für den Deutsch-Unterricht in Willkommensklassen im Vergleich zu herkömmlichen Arbeitsmaterialien?

Digitale Angebote, die im Unterricht genutzt werden, eignen sich einerseits zur Binnendifferenzierung: Während eine Lehrkraft mit einem Teil der Klasse etwas erarbeitet, kann der andere Teil individuell üben. In den geschlossenen Aufgaben der digitalen Angebote erhalten die Übenden sofort eine Rückmeldung, ohne sich deswegen an die Lehrkraft wenden zu müssen. Darüber hinaus ermöglichen digitale Anwendungen im Unterricht grundsätzlich ein individuelles Üben, das auch bei Aufgaben zum Hörverstehen häufig zu einem größeren Lernerfolg führt. Zudem darf der spielerische Aspekt nicht unterschätzt werden. Er fördert die Motivation und Ausdauer für den langwierigen Prozess des Sprachenlernens.

Die Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, kommen aus verschiedenen Herkunftsländern und haben einen unterschiedlichen Bildungsstand. Wie können digitale Angebote solchen Herausforderungen begegnen?

Die meisten Selbstlernangebote eignen sich eher für lernerfahrene Menschen. Wer sich niemals zuvor eine Fremdsprache angeeignet hat, wird sich schwer tun. Für solche Menschen können spielerische Anwendungen wie die Stadt der Wörter des Goethe-Instituts geeignet sein, um einen ersten Kontakt zu der neuen Sprache herzustellen. Doch es gilt auch hier: Die unterschiedlichen Ansätze verschiedener Apps sind hilfreich, eine erfolgreiche Anwendung erfordert aber oft die Unterstützung von Lernbegleitern, damit auch Lernunerfahrene die richtigen Anwendungen finden und unterstützt werden.

Das Willkommens-Angebot des Goethe-Instituts richtet sich sowohl an die Lernenden als auch die Lernbegleiter. Warum?

Die meisten Geflüchteten werden bei ihrem Bemühen um die deutsche Sprache zunächst von Ehrenamtlichen unterstützt. Teilweise sind die Ehrenamtlichen zwar ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer, sie benötigen aber Materialien, um Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten. Viele sind jedoch völlig fachfremd und suchen Tipps und Hinweise, wie sie mit ihrer neuen Aufgabe als Lernbegleiter umgehen sollen. Auch Lehrkräfte an Schulen stehen vor neuen Herausforderungen. Viele haben keine Zusatzausbildung in DaF oder DaZ – weshalb unsere Fortbildungsangebote in diesem Bereich sehr nachgefragt sind. Aber auch DaF-Lehrkräfte sind dankbar für Hinweise auf Unterrichtsmaterialien, die sich beispielsweise zur Binnendifferenzierung der heterogenen Sprachförderklassen eignen.

Das Goethe-Institut präsentiert sich auf der Didacta 2016 (16.–20.02.2016 in Köln), der größten Bildungsmesse Europas, unter anderem mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „Deutsch für Flüchtlinge mit Smartphones & Apps, reicht das?“ Neben Dr. Heike Uhlig, Abteilungsleiterin Sprache des Goethe-Instituts, nehmen Ernst Schatz, Informatiker und Organisator von begleitetem Online-Selbstlernen in Landsberg, Ines Paland, Abteilungsleiterin der Deutsch-Uni-Online an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie Stefanie Janke, Präsenz-und Online-Lehrkraft an der Diskussion teil.
Ula Brunner
führte das Interview. Sie ist Redaktionsleiterin von redaktion.brunner, Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur und Gesellschaft und Redakteurin beim Rundfunk Berlin Brandenburg.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2016

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