Bildung und Sprache

Poetry-Slam im DaF/DaZ-Unterricht:
„Wenn du es nicht verstehst, fühle es!“

Foto (Ausschnitt): © Felix WarmuthDer Berliner Slam-Poet Bas Böttcher | Foto (Ausschnitt): © Felix Warmuth Der Berliner Slam-Poet Bas Böttcher | Foto (Ausschnitt): © Felix Warmuth

Seinen eigenen Text auf einer Bühne präsentieren und sich dabei dem Urteil des Publikums stellen: Darum geht es beim Poetry-Slam. Die modernen Dichterwettkämpfe können DaZ- und DaF-Lernenden einen spannenden Zugang zur Sprache eröffnen – auf ganz unterschiedlichen Wegen.

Noch im Jahr 2008 meldeten sich nur wenige Studierende, wenn Petra Anders, Professorin für Deutschdidaktik an der Freien Universität Berlin, in ihren Seminaren fragte, wer Poetry-Slam kenne. Heute erübrigt sich die Frage oft. Denn fast täglich findet irgendwo in Berlin ein Poetry-Slam statt, und auch in kleineren Städten Deutschlands haben sich die modernen Dichterwettkämpfe als Veranstaltungsformat etabliert. Die deutschsprachige Poetry-Slam-Szene ist, nach der englischsprachigen, mittlerweile die zweitgrößte der Welt. Vor acht Jahren forschte Petra Anders noch in den USA, um Inspirationen für ihre Doktorarbeit zum Thema Poetry-Slam zu sammeln. Jetzt ist das Thema – auch dank ihrer didaktischen Fundierung – in den Rahmenlehrplänen von Berlin und Bremen verankert.

Cooler als Literaturklassiker

Lehrkräfte versuchen mit dem Vortragswettbewerb auch jene Jugendliche für Sprache und literarische Formen zu sensibilisieren, die mit traditioneller Literatur wenig anfangen können. „Viele junge Leute finden Slam-Poetry cooler als die Literaturklassiker, die sie aus der Schule kennen. Manche haben mehr Spaß daran, weil sie sich mit den Vorbildern aus der Szene identifizieren können. Und andere finden einen leichteren Zugang zu dieser durch mündliche Sprache geprägten Kunst“, erklärt Ina Lammers, die im Bereich „Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“ der Universität Duisburg-Essen tätig ist. Gerade für Menschen, die Schwierigkeiten mit der deutschen Bildungssprache haben, könne Poetry-Slam ein guter Einstieg sein. Und schließlich eigne sich das Thema auch hervorragend für den landeskundlichen Unterricht, ergänzt Petra Anders: „Slam-Poeten sind originale und originelle Sprecher. Sie greifen aktuelle Themen auf, die in der Gesellschaft verhandelt werden.“

Die Forschungslage zum Einsatz von Poetry-Slam im DaF-/DaZ-Unterricht ist noch dünn. Auch bei didaktischen Materialien sind die Lehrerinnen und Lehrer bislang weitgehend auf sich gestellt. Petra Anders und Ina Lammers empfehlen interessierten Lehrkräften, zunächst eine „echte“ Poetry-Slam-Veranstaltung zu besuchen oder sich Videoaufzeichnungen anzuschauen. Eine weitere Möglichkeit sei es, einen Slammer in den Unterricht einzuladen, wie es weltweit bereits an vielen Goethe-Instituten üblich ist. „Poetry-Slam ist ein Event. Der Text lebt nur dann, wenn das Publikum mitgeht“, erklärt Ina Lammers. Und auch Jessica Guse, DaF-Dozentin an der Universität Háskóli Islands im isländischen Reykjavík, betont: „Die Erfahrung, dass nicht jedes Wort verstanden werden muss, sondern Literatur oder Lyrik sich auch über Emotionen erschließen lässt, ist für viele Lernende ein neuer und spannender Zugang zur Sprache.“

Audio: Wenn ich Deutsch rede
(i.e. To speak German, Dalibor Marković: Und Sie schreiben auf Deutsch?, Spoken-Word-Lyric 2016)Audio: Wenn ich Deutsch rede (aus: Dalibor Marković: Und Sie schreiben auf Deutsch? © Spoken-Word-Lyrik 2016)

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Viel mehr als nur Worte

Auch die Berliner Slam-Poeten Wolf Hogekamp und Bas Böttcher betonen, dass sich ihre Kunst in der Schnittmenge von Literatur, Theater und Musik bewegt: „Der Blickkontakt zum Publikum, die Körpersprache und die Performance sind genauso wichtig wie die Wörter, der Text, die Inhalte. Gute Texte funktionieren wie ein Lieblingslied, das man immer wieder summt, weil es sich einprägt, weil man es mag und unterhaltsam findet. Wenn Lehrkräfte Poetry-Slam vermitteln, vermitteln sie auch ein Lebensgefühl der Szene, die über die Landesgrenzen hinweg vernetzt ist“, betont Bas Böttcher. Ein gängiges Poetry-Slam-Motto laute dementsprechend: „If you don’t understand it, feel it“ – wenn du es nicht verstehen kannst, fühle es!

Doch beim Poetry-Slam geht es natürlich nicht nur ums Rezipieren, sondern auch ums Dichten. Für Zweit- und Fremdsprachenlernende kann es eine spannende Herausforderung sein, Poetry-Slam-Texte zu schreiben und zu performen. „Poetry-Slam ist mehrsprachig. Wer ein Wort nicht auf Deutsch kennt, kann es durch ein anderssprachiges ersetzen. Und wer die Zweitsprache vielleicht mit Akzent spricht, kann das nach einer guten Vorbereitung mutig auf der Bühne einsetzen“, schlägt Wolf Hogekamp vor.


Eine Bühne für Alle

Hilfreich kann es auch sein, Deutschlernende beim Dichten von Slam-Poetry mit allgemeinen Schreibstrategien vertraut zu machen und sie etwa durch eine tutorielle Schreibberatung zu unterstützen. So hilft die Methode des Clusterns beim Sortieren der Ideen, und mithilfe präziser Nachfragen finden die Schreibanfänger passende Formulierungen. Ein Höhepunkt ist es für viele Lernende, ihre eigenen Texte schließlich zu performen. „Das Vortragen oder Rappen von Gedichten oder Texten kann die Atmosphäre in einer Klasse verbessern, das Rhythmusgefühl aktivieren und zu humoristischen Einlagen führen, was wiederum die Angst vor der mündlichen Produktion in der Fremdsprache vermindern kann“, weiß Elisabeth Lehrner-te Lindert, die am Fachbereich Deutsch der Universität Utrecht in den Niederlanden promoviert.

Traditionell ist Poetry-Slam in den USA, wo das Format Mitte der Achtzigerjahre entstanden ist, eine sozialkritische, multiethnische und mehrsprachige Bewegung. Auch in Deutschland sollten wir die Chance nutzen, durch Poetry-Slam junge Menschen an eine lebendige kulturelle Praxis und an ein Netzwerk von jungen Poeten heranzuführen, betont Petra Anders von der Freien Universität Berlin. „Denn DaF und DaZ ist nicht nur Sprache – es ist auch kulturelle Teilhabe.“


Poetry-Slam: Gibt es das?

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Der Berliner Slam-Poet Bas Böttcher empfiehlt Lehrkräften, bestehende textliche Muster mit Schülern zu variieren und fortzuschreiben. Wie in diesem Gedicht sei es dabei gerade am Anfang hilfreich, Sinn und Klang voneinander zu trennen, also den Reim als Bindeglied zweier inhaltlich unterschiedlicher Zeilen zu verwenden. Auf diese Weise schule man den poetischen Blick und den Spaß daran, die Welt aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu betrachten. Außerdem könne man so schon mit begrenztem Wortschatz gute Ergebnisse erzielen.

Janna Degener
ist Linguistin und arbeitet als freie Journalistin in Königs Wusterhausen bei Berlin.

Text: Goethe-Institut, Janna Degener.
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November 2016

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