Bildung und Sprache

Medizinischer Übersetzungsdienst – „Mit Händen und Füßen“ ist nicht immer genug

© www.triaphon.orgScreenshot aus dem Triaphon-Erklärfilm © www.triaphon.org

In Deutschland werden jeden Tag Notfall-Patientinnen und -Patienten zu langsam, falsch oder gar nicht behandelt. Oft ist der Grund dafür, dass sie ihre Beschwerden nicht schildern können – weil sie kein Deutsch sprechen. Ärztinnen und Ärzte müssen daher oft langwierige Untersuchungen anstellen, um eine Diagnose zu stellen. Manchmal dauert das jedoch zu lange.

Wer kennt es nicht von seinen Auslandsaufenthalten: die Faszination darüber, dass man auch ohne Kenntnis der Landessprache in den meisten Situationen irgendwie ‚mit Händen und Füßen‘ zurechtkommt. So muss das auch für Menschen in Deutschland sein, die kein Deutsch sprechen. Allerdings gibt es auch Situationen, in welchen ‚irgendwie‘ und ‚irgendwann‘ schlichtweg nicht ausreicht.

Sprache kann Leben retten

Nicht ausgereicht hat es etwa 2015 für einen kleinen Jungen in Berlin: Er starb an einem Gehirntumor, während das ärztliche Personal der Diagnose eines Magen-Darm-Virus nachging. Die Mutter des Jungen, eine nicht-deutschsprachige Vietnamesin, hatte ihren Sohn am Tag vor seinem Tod in die Notaufnahme gebracht. Sie konnte nur mit Gesten kommunizieren, dass ihr Sohn immer wieder erbrach. Was im Zuge der Zeichensprache verloren ging: Die Information, wie lange das Erbrechen bereits anhielt. Mit Gesten gelang es der Mutter nicht, zu vermitteln, dass der Dreijährige bereits seit Wochen immer wieder morgens und auf leerem Magen erbrochen hatte. Hätten die Ärztinnen und Ärzte das gewusst, hätten sie sofort an einen Tumor gedacht.

Rätselraten und Pantomime statt medizinischer Arbeit

In dem Krankenhaus, in welchem sich diese tragische Szene abspielte, absolvierte die Medizin-Studentin Lisanne Knop gerade ihr praktisches Jahr. Schon bald störte sie sich daran, dass der Berufsalltag als Ärztin durch die zahlreichen Verständigungsprobleme mit ihrem Studium oft wenig zu tun hatte. „Ich hatte den Eindruck, mehr Zeit mit Rätselraten und Pantomime zu verbringen als mit medizinischer Arbeit“, so die heute 31-jährige. 2015, zum Höhepunkt der so genannten Flüchtlingskrise, waren 23 Prozent ihrer Patientinnen und Patienten nicht-deutschsprachig. Doch auch heute, drei Jahre später, erlebt sie als Ärztin noch mindestens einen sprachlichen Engpass pro Schicht. In vielen Fällen wurden durch Sprachbarrieren kleine Hürden zu echten, zeitaufwändigen Problemen. Knop wollte diese Situation nicht weiter hinnehmen – und entwickelte eine Lösung.

Einfache Fragen mit großer Bedeutung

Die Lösung nennt sich Triaphon und ist ein gemeinnützig organisierter Übersetzer-Dienst. Aufgebaut hat ihn Knop gemeinsam mit einem befreundeten Kollegen, Dr. Korbinian Fischer, und einem ehrenamtlichen Team von Programmierern und Organisatoren. Der Triaphon-Dienst hilft per Telefon, wenn es darum geht, mit nicht-deutschsprachigen Erkrankten in wenigen Sekunden einfache, aber entscheidende Fragen abzuklären, wie etwa: Wann haben Sie zuletzt etwas gegessen? Wo genau tut es weh? Seit wann haben Sie die Beschwerden? Die Antworten ersparen dem Notdienst-Personal und den Erkrankten viele Diagnoseuntersuchungen. Das Sana Klinikum Lichtenberg, in dem Knop heute arbeitet, ist eines von zwei Krankenhäusern in Deutschland, die Triaphon seit Oktober 2017 offiziell in ihre Versorgung nicht-deutschsprachiger Patientinnen und Patienten integriert haben.

Rufbereitschaft, rund um die Uhr

Professionelle Dolmetscherinnen und Dolmetscher können nicht auf Abruf für 3-Minuten-Einsätze einspringen. Triaphon läuft hingegen auf Rufbereitschaft, rund um die Uhr. Wenn im Sana Klinikum Lichtenberg eine Patientin oder ein Patient ankommt, der oder die nur Arabisch, Farsi, Vietnamesisch, Rumänisch, Russisch oder Türkisch versteht, so wählt das diensthabende Personal die Triaphon-Hotline an. Dort werden sie weitergeleitet zu den aktuell verfügbaren Fachkräften der jeweils gefragten Sprache. Diese sind zweisprachige Privatleute, die vom Triaphon-Projekt in medizinischer Übersetzung geschult werden und die das Projekt ehrenamtlich unterstützen. Sie sind entweder professionelle Übersetzerinnen und Übersetzer, sie sind teilweise selbst Menschen mit Migrationshintergrund, oder sie haben lange im Ausland gelebt. Per Webplanungs-Tool können sie selbst koordinieren, wann sie eingesetzt werden möchten. Somit verteilt sich die 24-Stunden-Bereitschaft auf viele Schultern.

Wer kein Deutsch versteht, kann vom Rettungspersonal abgewiesen werden

Nach dem Patientenrechtegesetz sind Ärztinnen und Ärzte dazu verpflichtet, zu behandelnde Personen umfassend über die Art der Behandlung und deren Alternativen, Risiken und Erfolgsaussichten aufzuklären. Ist dies aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten nicht möglich, kann die Behandlung entweder verweigert werden oder eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher hinzugeholt werden – die Kosten für diesen tragen dann theoretisch die Behandelten. In der Praxis ist das – zum Glück – oft anders. Einige große Krankenhäuser beschäftigen Vertragsdolmetscherinnen und -dolmetscher und übernehmen die Übersetzungskosten. Nicht selten übersetzen auch von den Patientinnen und Patienten mitgebrachte Familienangehörige oder Bezugspersonen. Doch eine einheitliche Regelung, die die medizinische Versorgung für alle sichert, steht bislang noch aus.

Die Betriebskosten für die Triaphon-Hotline werden aktuell größtenteils durch Spendengelder gedeckt. Außerdem zahlen die Praxen und Kliniken, die Triaphon nutzen, geringe monatliche Pauschalen. Durch diese Regelung spielt es keine Rolle, ob ein Anruf nur drei Minuten oder eine Stunde dauert – oder ob noch einmal wegen Kleinigkeiten nachgefragt werden muss. Für die Patientinnen und Patienten ist der Service kostenfrei.

Lisanne Knop ist begeistert von dem ehrenamtlichen Support für das Triaphon-Projekt. Trotzdem findet sie: Eigentlich sollte das kein Job für Ehrenamtliche sein. Sie sieht die Verantwortung bei den Krankenkassen und beim Staat – hier habe sie aber bisher nicht mehr als wohlwollendes Schulterklopfen erhalten.


Corinna Mayer
ist freiberufliche Redakteurin im Bereich Kultur und Gesellschaft.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Projekt Migration und Integration

September 2018

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