Bildung und Sprache

Deutsch lernen, der Liebe wegen – Wie Frauen von den Kursen für nachziehende Ehefrauen profitieren

Wer aus einem Nicht-EU-Staat stammt und in Deutschland leben möchte, muss erst Deutschkenntnisse vorweisen. Die sogenannten Vorintegrationskurse der Goethe-Institute werden mehrheitlich von Frauen besucht. Was lernen sie dort? Und wie geht es ihnen, wenn sie in Deutschland angekommen sind?

Die Knotts | © privat Sakhorn Butchanon und Jürgen Knott haben am 11. Oktober 2551 geheiratet. Bei uns zeigte der Kalender 2008 – die buddhistische Zeitrechnung beginnt mehr als 500 Jahre vor Christus. Sakhorn wird Lilly genannt, wegen ihrer eher hellen Haut. Alle Thailänder bekommen nach der Geburt einen solchen Spitznamen, der dann gebräuchlicher wird als der Taufname. Die 41-Jährige stammt aus dem Norden des Landes, sie wuchs auf in dem Dorf Dong Kheng; dort leben ihre Eltern noch heute. Im Haus der Familie fand auch die Trauung statt, nach buddhistischem Ritus. Lilly und ihr Mann holen ein Fotoalbum.

Auf den Fotos sind Mönche in orangefarbenen Gewändern zu sehen, die Familie, die Dorfbewohner. Es muss eine schöne Feier gewesen sein. Für beide ist es bereits die zweite Ehe. Sie hätten sich nie vorstellen können, einmal jemanden aus einem anderen Kulturkreis zu heiraten, sagen sie übereinstimmend. Denn zwischen Dong Kheng in Thailand und Waldsassen in der Oberpfalz liegen schließlich nicht nur rund 8.700 Kilometer, sondern auch Welten. Die Knotts lernten sich im nahen Tschechien kennen. In einem Studio für traditionelle Thai-Massage, in dem Lilly arbeitete, weil sie in Europa mehr Geld verdienen konnte als daheim. Bis zur Hochzeit verging noch eine Weile. Doch dass sie in Deutschland zusammenleben wollten – und dass Lilly dort auch Deutsch lernen sollte –, war schnell beschlossen. Der Antrag auf ein Visum bei der Deutschen Botschaft in Bangkok allerdings wurde abgelehnt. Bevor Lilly ihrem Mann in die 7.000-Einwohner-Gemeinde folgen konnte, musste sie zuerst in ihrem Heimatland die grundlegenden Sprachkenntnisse erwerben. So regelt es seit 2007 das Zuwanderungsgesetz für die meisten Nicht-EU-Staaten. Ein Erlass, der noch immer umstritten ist. Vor allem wegen der Frage, ob damit in erster Linie politische Ziele verfolgt werden. Oder wieweit er für die Lernenden tatsächlich von praktischem Nutzen ist.

Am Schwersten ist das Hören

Lilly Knott belegte den Kurs „Start Deutsch 1“ am Goethe-Institut in Bangkok, der mit der Prüfung auf dem Niveau A1 schließt. Ein weltweit eingesetzter Test, entwickelt vom Goethe-Institut auf der Grundlage des „Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen“. Wenn man Lilly fragt, was ihr am schwersten gefallen sei, muss sie nicht lange überlegen: „das Hören“. Einer der schriftlichen Übungsteile also, bei dem eine Alltagssequenz vorgespielt wird, eine Lautsprecherdurchsage etwa, und dazu Aufgaben zu bearbeiten sind. „Die Deutschen sprechen sehr schnell“, sagt Lilly und lächelt.

Nachdem die Bundesregierung den Spracherwerb zur Bedingung für den Ehegattennachzug gemacht hatte, stieg die Nachfrage nach diesen sogenannten Vorintegrationskursen an den Goethe-Instituten in fast allen betroffenen Ländern sprunghaft an. In Thailand um das Vierfache. Seit Mitte 2009, sagt Dr. Ulrike Lewark, die Leiterin der Spracharbeit in Bangkok, sei allerdings wieder ein Rückgang um zehn Prozent zu verzeichnen, was sie auf viele neue Sprachkursanbieter in den Provinzen zurückführt. Immerhin mehr als 1.500 Frauen besuchten 2009 an ihrem Institut die Kurse und legten die Prüfung ab. 82 Prozent bestanden sie. Weit schlechter sieht die Quote bei den externen Prüflingen aus, die nur den Test am Institut ablegen.

Auch Lilly Knott war im ersten Anlauf durchgefallen. Im zweiten erreichte sie 66 von 100 Punkten, das entspricht der Note ausreichend. Eine enorme Leistung, bedenkt man, dass ihre Eltern Reisbauern waren und sie nur sieben Jahre zur Schule gehen konnte. Und in dieser Zeit versäumte sie viel, weil sie lange krank war. Lesen und schreiben brachte sie sich selbst bei, da lebte sie schon in Bangkok: „Mit Zeitungen“. Sie arbeitete dort in einer deutsch-thailändischen Wurstfabrik, eröffnete später mit ihrem ersten Mann ein Restaurant. Noch später schulte sie um auf Thai-Massage – eine Zeitlang war sie die persönliche Physiotherapeutin des Präsidenten von Ost-Timor.

Als sie Deutsch lernte, fing Lilly Knott bei null an. Besuchte zuerst den vierwöchigen Alphabetisierungskurs, in dem das lateinische Alphabet gelehrt wird. „Sehr wichtig“, nennt sie diese Vorbereitung. Danach folgten zwei Sprachkurse, je vier Wochen à 80 Unterrichtsstunden. Zusätzlich nahm sie an den Abenden noch Privatunterricht bei ihrer Lehrerin, Marisa Fritzenwallner, und wiederholte das Gelernte. Sonst, glaubt sie, hätte sie das Pensum nicht bewältigt.

Viele sind das Lernen kaum gewöhnt

„Die Schüler sind fleißig“, sagt Fritzenwallner, eine gebürtige Thailänderin. „Aber viele sind das Lernen kaum gewöhnt, man muss ihnen am Anfang immer sagen, was sie notieren sollen und was nicht.“ Die Prüfung hält sie nicht für zu schwierig, aber manche Frauen – die meisten Kursteilnehmer in Bangkok sind weiblich und zwischen 18 und 50 Jahre alt – wollten sie zu früh ablegen, um schneller nach Deutschland zu kommen. Sie mahnt zur Geduld und sie fordert ihre Schüler mit Beharrlichkeit. Gerade bei der Aussprache: „Wenn jemand das R nicht kann, lasse ich es wiederholen, immer wieder“. Manchmal helfen Übungen mit Wasser im Mund. „Eine gute Lehrerin. Und streng!“, sagt Wassana Redl, geborene Suraket, lachend. Sie bestand die Prüfung im ersten Anlauf, mit 71 Punkten. Was ihr nicht nur Zeit, sondern auch Geld sparte. Ein Kurs kostet 7.500 thailändische Baht, was in ländlichen Gebieten das Doppelte eines Monatsgehaltes bedeuten kann. Umgerechnet ungefähr 190 Euro. In der Regel wird das Geld aus Deutschland überwiesen.

Wassana, die May genannt wird, lebt jetzt mit ihrem Mann in Filderstadt-Bonlanden, nahe dem Flughafen Stuttgart. Sie stammt aus Ang Thong, 200 Kilometer von Bangkok. In Thailand managte sie die Buchhaltung für die Hilfsorganisation „Empower Foundation“, die sich unter anderem um Tsunami-Opfer kümmerte. In Stuttgart arbeitet sie als Zimmermädchen. May sagt, die Arbeit sei hart, aber sie lebe gern hier. Ihre 14-jährige Tochter aus erster Ehe reist bald nach. Aber wie war das, als sie nach Deutschland kam – konnte sie sich verständigen, zumindest ein wenig? Ja, sagt sie und lächelt. Ihr Ehemann hingegen schüttelt den Kopf: „Zum Brötchenkaufen hat es nicht gereicht“. Wobei er einräumt, es sei nicht hilfreich gewesen, dass sie am Anfang untereinander nur Englisch gesprochen hätten. Vor einem halben Jahr haben sie auf Deutsch umgestellt.

Mit szenischem Spiel dem Kulturschock vorbeugen

Wer die A1-Prüfung abgelegt hat, versteht etwa 650 deutsche Wörter und beherrscht 300 aktiv. Natürlich ist das nur ein erster Schritt auf dem Weg zum Erlernen der Sprache. So wie die Kurse zwar auf den Alltag in Deutschland vorzubereiten versuchen – mit Übungen zum Einkauf, zum Ausfüllen eines Formulars –, aber die tatsächliche Erfahrung nicht ersetzen können. Oft haben die Frauen und auch Männer, die nach Deutschland heiraten, das Land nie zuvor gesehen. Und wissen daher nicht, was sie erwartet. Şükriye Dönmez beugt dem potenziellen Kulturschock praktisch vor. Mit szenischem Spiel. Die Schauspielerin und Kulturpädagogin, die in Berlin-Kreuzberg aufwuchs, schlug dem Goethe-Institut in Istanbul begleitende Kurse vor. An Interessenten mangelt es nicht: Die größte Gruppe der Prüfungsabsolventen stammt aus der Türkei, 10.775 waren es 2009.

Anfänglich sei sie skeptisch gewesen, ob das Zusatzangebot sinnvoll sei, sagt Erika Broschek, Leiterin der Spracharbeit in Istanbul. Jetzt ist sie begeistert, beobachtet, dass Teilnehmerinnen ihre Dialoge selber schreiben wollen „und viel weniger Angst vor dem Sprechen haben“. Dönmez hat ein mehrstufiges Modell entwickelt, das die Schüler theatralisch auflockert und ihnen die Zunge löst. Am Schluss stehen kurze Sketche, in denen kulturelle Konflikte gespielt werden. „Zum Beispiel im Supermarkt: Die Tüte kostet Geld, in der Türkei ist sie umsonst – das führt schnell zu Missverständnissen.“ Oder im Bus: „In der Türkei ruft man dem Fahrer zu, dass man aussteigen möchte, in Deutschland muss man die Haltestelle abwarten.“

Ich wollte nicht Deutsch lernen

Gönül Erol Kara, eine ehemalige Schülerin von Dönmez, hat ihre erste kulturelle Konfliktsituation erst kürzlich erlebt, als sie in ihrer neuen Heimat Stuttgart einem Kind aufhelfen wollte, das hingefallen war. Ganz normal in der Türkei. Aber der Vater habe sie angeblafft, sein Sohn müsse selber lernen aufzustehen. Sie lacht. Kara ist 35 Jahre alt, eine selbstbewusste Frau aus Istanbul. Dort lernte sie im vergangenen Jahr auch ihren Mann kennen, einen Deutschen mit türkischen Wurzeln. Zuerst, sagt sie sehr offen, habe sie gar nicht eingesehen, warum sie Deutsch lernen sollte, um ihr Visum zu erhalten – ihr Mann spreche doch Türkisch. Dass Sprachkenntnisse doch nützlich sein können, wurde ihr dann allerdings recht bald bewusst: Als sie kurz nach ihrer Ankunft Fotos vom türkischen Generalkonsulat in Stuttgart schoss. Die Aktion rief die Polizei auf den Plan, der sie sich, mit ihren wenigen Worten, erklären musste. „Viele hatten nach der Prüfung in Istanbul das Gefühl: Jetzt habe ich es geschafft“, sagt sie. „Aber die richtige Prüfung fängt erst hier an.“ Auf dem Weg zur Selbstständigkeit.

„Ihr braucht das für euch selbst“

Was Gönül Kara heute ebenfalls hilfreich findet: dass sie im Sprachkurs in Istanbul Freundschaften schließen konnte, die auch in Deutschland fortbestehen. Sie hat besonderes Glück, eine gute Freundin wohnt nur zehn Minuten entfernt. Aber auch die Thailänderinnen telefonieren zumindest mit anderen Frauen, die in Köln, Freiburg, Ingolstadt wohnen. Netzwerke entstehen, die der Isolation vorbeugen. Was Kara hingegen beklagt, ist der Prüfungsstress. Obwohl am Goethe-Institut Istanbul sogar eine ergänzende psychologische Betreuung angeboten wird. „Alle im Kurs waren nur auf die Prüfung fokussiert“, sagt sie, ihre Schwiegermutter übersetzt aus dem Türkischen. Auch Şükriye Dönmez gibt zu bedenken: „Dieser Druck macht es einem gleich unsympathisch, die Sprache zu lernen.“ Sie schlägt stattdessen eine Anwesenheitspflicht vor, die signalisiert: „Ihr braucht das für euch selbst“. Die Argumente der Befürworter der gegenwärtigen Regelung sind dagegen auch klar. Mögliche Zwangsehen sollen verhindert werden, im Zweifelsfall der organisierte Menschenhandel.

Das stärkste Pro-Argument liefern die Frauen selbst. Die Kurse motivieren, in Deutschland weiterzulernen. Wenn kein Goethe-Institut in der Nähe ist, dann an der Volkshochschule. Gönül Erol Kara wird in Stuttgart noch einmal auf A1-Niveau beginnen. Zur Auffrischung. Und weil der Kurs in Deutschland einiges voraussetzt, was ihr fehlt. Sie war immer berufstätig und sobald die Sprachkenntnisse ausreichen, will sie wieder arbeiten. May Redl hat in der Zwischenzeit die B1-Prüfung absolviert, das Fortgeschrittenen-Niveau. Außerdem einen Orientierungskurs, in dem Grundlagen zu Geschichte und Politik Deutschlands vermittelt werden.

Lilly Knott hat die B1-Prüfung bereits erfolgreich bestanden, an der Volkshochschule im nahen Tirschenreuth. Die Lokalzeitung druckte ein Foto von ihr und den anderen Absolventen. Sobald die gemeinsame Tochter in den Kindergarten kommt, wird sie sich um eine Stelle als Thai-Masseurin im Sibyllenbad Neualbenreuth bewerben. Lilly, die in dem kleinen Ort Waldsassen anfänglich „gemustert“ wurde – auf diesen Begriff verständigen sich die Eheleute –, macht täglich Fortschritte. Wenn sie jetzt von der Nachbarin angesprochen und zum Essen eingeladen wird, dann versteht sie es und kann es ihrem Mann erzählen. „Ich liebe bayerisches Essen“, sagt sie.
Lächelnd fügt sie hinzu: „Und den Schnee.“

Patrick Wildermann
ist seit 1994 als freier Journalist tätig. Seit 2003 lebt und arbeitet er in Berlin, wo er unter anderem für den Kulturteil des Tagesspiegels, das Stadtmagazin tip und das Magazin Theater der Zeit Reportagen, Künstlerportraits und Rezensionen schreibt.

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April 2011

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