Bildung und Sprache

Deutscher Universitätsislam? – Das Graduiertenkolleg Islamische Theologie

Logo des Graduiertenkollegs; © GKITLogo des Graduiertenkollegs; © GKIT

Lehrer für islamischen Religionsunterricht gibt es inzwischen in Deutschland. Nun sollen hier auch Imame für die muslimischen Gemeinden ausgebildet werden. Aber von wem? Ein neu gegründetes Graduiertenkolleg will die wissenschaftliche islamische Theologie in Deutschland fördern.

Noha Abdel-Hady forscht in Hamburg über ein Thema, bei dem viele Deutsche ungläubig zurückfragen, ob es das überhaupt gibt: islamische feministische Theologie und Fatwas, also religiöse Rechtsgutachten, von Frauen. „Im frühen Islam, bis ins siebte Jahrhundert hinein, hat es bedeutende weibliche Rechtsgelehrte im Islam gegeben“, sagt Abdel-Hady. An diese Wurzeln hätten Frauen im 20. Jahrhundert wieder angeknüpft, insbesondere in Ägypten seit den 1970er-Jahren. Abdel-Hady nennt Soad Saleh und Abla Al-Kahlawi, zwei Wissenschaftlerinnen, die bis heute für einen reformorientierten Islam stehen und mit denen sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit auch gesprochen hat.

Bisher mehrheitlich Theologinnen

Kollegiatin Noha Abdel-Hady (rechts); © Stiftung Mercator/Marisa KlasenAbdel-Hady ist eine von sieben Doktoranden, die seit Herbst 2011 den ersten Jahrgang des neu gegründeten Graduiertenkollegs Islamische Theologie bilden. Acht weitere Plätze schreibt die Stiftung Mercator in diesem Jahr aus. Sie finanziert das Projekt mit 3,6 Millionen Euro, verteilt über sechs Jahre. Unter den sieben Nachwuchstheologen sind nur drei Männer, aber vier Frauen. Außer Noha Abdel-Hady behandelt auch Nimet Seker ein Thema feministischer Theologie. Die Doktoranden sind überwiegend in Deutschland geboren oder aufgewachsen, alle haben hier studiert. Sie stammen aus türkischen, iranischen und afghanischen Familien.

Das neue Graduiertenkolleg ist überregional strukturiert: Es hat Zweigstellen in Hamburg, Osnabrück, Münster und Paderborn, in Frankfurt, Erlangen-Nürnberg und seit November 2011 auch in Tübingen. Leiter ist Professor Omar Hamdan, koordiniert wird das Kolleg von Münster aus, durch Mouhanad Khorchide. Er bildet, wie die meisten Kollegen, bisher vor allem islamische Religionslehrer aus. Denn seit einigen Jahren führen die Bundesländer Schritt für Schritt konfessionellen Religionsunterricht für Muslime ein, und qualifizierte Lehrkräfte gibt es noch viel zu wenig. In einem weiteren Schritt sollen auch Imame in Deutschland universitär ausgebildet werden, um jene Prediger zu ersetzen, die meist aus den Herkunftsländern muslimischer Migranten „importiert“ werden und oft, ähnlich christlichen Auslandspfarrern, nur wenige Jahre bleiben.

Das deutsche Modell der Religionsintegration

Kollegiaten des Graduiertenkollegs; © Stiftung Mercator /Marisa KlasenSo schält sich allmählich eine Art Masterplan zur Integration des Islam in das deutsche Schul- und Universitätssystem heraus. Lehrer und Geistliche sollen einerseits an staatlichen Institutionen ausgebildet werden, andererseits sollen religiöse Inhalte von den Religionsgemeinschaften und nicht vom Staat bestimmt werden, weshalb konfessioneller Religionsunterricht und Theologie gelehrt werden. Unschwer erkennt man darin die spezifisch deutsche Regelung der universitären und schulischen Präsenz der christlichen Kirchen wieder. Der Islam in Deutschland soll sich offenbar in diese Regelung einfügen. Die junge Wissenschaftlerin Abdel-Hady begrüßt diese Entwicklung: Wissenschaftliches Denken sei dem Islam von Haus aus nicht fremd. „Die Eingliederung in die deutsche universitäre Struktur bringt jetzt eine gemeinsame Basis für den Dialog zwischen Religionen und in der Gesellschaft“, sagt Abdel-Hady.

Wer repräsentiert die Muslime?

Dennoch stößt dieser Prozess immer wieder auf ein Problem: Es gibt keine den Kirchen entsprechende zentrale Organisation des Islam. Deshalb haben die Bundesländer die Dachverbände der Moscheevereine – Zentralrat der Muslime sowie Islamrat – in die Beiräte der Institute für islamische Theologie geholt. Sie haben dort ein Vetorecht bei der Berufung der Dozenten – und üben das auch aus. Bekannt wurde der Konfliktfall um den Münsteraner Islamprofessor Sven Kalisch. Dieser war aus der Religionslehrerausbildung ausgeschieden, nachdem er die historische Existenz Mohammeds bezweifelt hatte und die islamischen Verbände im Beirat ihn deshalb nicht mehr für tragbar hielten.

Kollegiaten des Graduiertenkollegs; © Stiftung Mercator /Marisa Klasen

Für die Graduiertenausbildung wurde das Beiratsmodell allerdings nicht übernommen. „Es gibt keine Mitsprache islamischer Verbände bei der Auswahl der Kandidaten und bei ihren Forschungsprojekten“, sagt Janfelix Engelhardt von der Stiftung Mercator. Die Akzeptanz der Wissenschaftler als spätere Ausbilder von islamischen Religionslehrern und Imamen sieht Engelhardt nicht als Problem. „Bislang gab es aus den islamischen Verbänden dazu keine Kritik. Und unsere Kandidaten kommen ja aus der muslimischen Community, sind dort gut vernetzt.“

Kritik kommt allerdings aus einer anderen Richtung, wie auch regelmäßig zu den Islamkonferenzen des Bundesinnenministers: Die islamischen Verbände in Deutschland seien keineswegs repräsentativ für die Gläubigen hierzulande. Nur eine Minderheit ist in ihnen organisiert. Zudem ist der größte Einzelverband, die türkische Ditib, direkt von der türkischen Staatsführung kontrolliert – worauf anlässlich des Starts des Graduiertenkollegs der Journalist Ahmet Senyurt im Westdeutschen Rundfunk hinwies.

„Zähmung“ oder Partizipation?

Schloss der Universität Münster; © WWU/Peter GrewerDass bei den Mitwirkenden des „deutschen Universitätsislam“ unterschiedliche Wertungen des gemeinsamen Projekts existieren, zeigt sich schon jetzt. So sprechen Politiker gern von seinem „wertvollen Beitrag zur Integration“, wie es seinerzeit der damalige Innenminister Thomas de Maiziére (CDU) ausdrückte. Der Münsteraner Staatsrechtler Christian Walter sprach ganz offen von einem „legitimen Zähmungsinteresse“ des Staates.

Das rief die Kritik einer der Doktorandinnen des Graduiertenkollegs hervor. „Partizipation ist das Schlüsselwort, nicht Integration“, schrieb Nimet Seker in einem Beitrag für die Zeitschrift Christ und Welt. Islamische Theologie und islamischer Religionsunterricht sollten nicht für politische Anliegen verzweckt werden. Zugleich hat aber auch Seker eine integrative Erwartung an den islamischen Religionsunterricht. „Leider spielen in manchen Moscheevereinen nationale Identitäten noch eine Rolle“, schreibt sie, und sieht deshalb das „gemeinsame Lernen von bosnisch-, arabisch-, afrikanisch-, türkisch- und deutschstämmigen muslimischen Schülern“ als große Chance an.

Gregor Taxacher
ist Theologe und arbeitet als Redakteur des Westdeutschen Rundfunks sowie als freier Autor (Schwerpunkt unter anderem: Christentum, Judentum und Islam) in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2012

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