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Jobwunder mit Schönheitsfehlern

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Die Europäer wundern sich, die Welt staunt und die Experten suchen nach Erklärungen. Während in vielen Ländern Europas die Arbeitslosigkeit auf zehn Prozent und mehr steigt, sinkt sie in Deutschland. Trotz der immer noch nachwirkenden Wirtschafts- und Finanzkrise rechnet die Bundesagentur für Arbeit (BA) 2012 mit dem niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten: 6,8 Prozent. Was ist dran am Jobwunder Deutschland? Leben die deutschen Arbeitnehmer auf einer Insel der Seligen? Oder ist das alles nur mit niedrigen Löhnen erkauft? Welche Chancen haben ausländische Arbeitskräfte und Zuwanderer?

Tatsache ist, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 2012 bei rund 29 Millionen liegen wird. Das sind mehr als vor dem Konjunkturhoch zehn Jahre zuvor. Aus ihren Beiträgen (und denen ihrer Arbeitgeber) finanzieren sich die Sozialkassen für Renten, Gesundheit und Arbeitslosigkeit. Die Zahl der Erwerbstätigen liegt bei über 41 Millionen. Das ist der höchste Stand seit der Wiedervereinigung, ein deutscher Rekord. Zu den Erwerbstätigen insgesamt zählen neben den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten die Beamten, Soldaten und mithelfenden Familienangehörigen. Das sind zusammen rund 37 Millionen. Dazu kommen noch einmal rund vier Millionen Selbstständige.

Viele arbeiten für Niedriglohn

© Colourbox.comAlso Arbeit für alle? Wie immer liegt der Teufel im Detail: Immer mehr Menschen arbeiten für geringe Löhne. Für Experten ist das eine der Ursachen für das „Jobwunder“. Zu den gering Entlohnten gehört die Friseurin, die ohne soziale Absicherung für fünf Euro die Haare schneidet, genauso wie der sozialversicherungspflichtig beschäftigte Lagerarbeiter, der seinen Job für einen Stundenlohn von neun Euro brutto macht. Niedriglohn ist nach einer OECD-Definition das Arbeitsentgelt, das bezogen auf eine Vollzeitbeschäftigung von 40 Stunden die Woche am Monatsende unter die Grenze zur Armut fällt. Diese liegt laut Statistischem Bundesamt bei 940 Euro im Monat (für Alleinlebende).

Insgesamt verdienen in Deutschland acht Millionen Menschen weniger als 9,15 Euro die Stunde. Ihre Zahl ist seit 1995 um 2,3 Millionen gestiegen. Knapp 1,4 Millionen kommen noch nicht einmal auf fünf Euro Stundenlohn. Das geht aus einer im März 2012 veröffentlichten Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen hervor. Die Studie bezieht allerdings Schüler, Studenten und Rentner mit ein, die in einem Nebenjob für Niedriglohn beschäftigt sind. Rechnet man die heraus, liegt die Zahl immer noch bei 7,5 Millionen. Jeder zweite unter den Niedriglöhnern arbeitet in einem Vollzeit-Job, das heißt: Trotz 40-Stunden-Woche reicht das Geld zum Leben nicht. Unter den gering Bezahlten sind auch viele Leiharbeiter. Ihre Zahl nähert sich aktuell der Millionengrenze, jeder Dritte übt einen Hilfsarbeiterjob aus.

Zuwanderer und Deutsche mit Migrationshintergrund

© Hubertus Blume - Fotolia.comDas größte Risiko, in den Niedriglohnsektor abzurutschen, haben befristet Beschäftigte, Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung und Ausländer. Zuwanderer und ihre Nachkommen partizipieren insgesamt in geringerem Maße vom Aufschwung am Arbeitsmarkt als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Zu diesem Schluss kommt der Integrationsreport Nummer neun des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen lag die Arbeitslosenquote in diesem Bereich bei rund 14 Prozent, Tendenz sinkend.

Nach der Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes zum 1. Mai 2011 für die neuen EU-Beitrittsländer (Polen, Ungarn, Tschechien, Slowenien, Estland, Lettland, Litauen und die Slowakei) gelten in Deutschland nur noch für Bulgaren und Rumänen Beschränkungen für die Zuwanderung. Für Arbeitnehmer aus diesen beiden Ländern sowie aus Drittstaaten außerhalb der EU gilt ein bisher strikt gehandhabtes System, das sich an der Nachfrage nach Arbeit orientiert. Es muss ein Arbeitsplatzangebot in Deutschland vorliegen und es darf niemand anderes – EU-Ausländer oder Deutscher – einen Anspruch auf diesen Arbeitsplatz geltend machen können.

Doch die Bestimmungen beginnen sich zu lockern. Rumänische und bulgarische Fachkräfte, die in Deutschland Arbeit suchen, brauchen seit 1. Januar 2012 keine Arbeitsgenehmigung mehr nachzuweisen. Das gilt auch für Saisonkräfte, die bis zu sechs Monate im Jahr in der Land- und Forstwirtschaft, im Hotel- und Gaststättengewerbe, in der Obst- und Gemüseverarbeitung tätig sind.

Fachkräfte dringend gesucht

© Colourbox.comDiese Lockerung liegt im Trend, denn Fachkräfte werden gesucht. Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) von Ende 2011 können mehr als ein Drittel der Unternehmen offene Stellen kurzfristig nicht besetzen, das entspricht 1,3 Millionen Arbeitsplätzen. Vor allem technikorientierte Branchen wie Fahrzeugbau und Elektrotechnik seien betroffen, aber auch die Gesundheitswirtschaft.

Nach langem Zögern hat die Bundesregierung ein Gesetz zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse auf den Weg gebracht. Seit dem 1. April 2012 in Kraft, setzt es für rund 60 Berufe wie zum Beispiel die akademischen und nichtakademischen Heilberufe und die Handwerksmeister einheitliche Standards für die Bewertung ihrer beruflichen Auslandsqualifikation. Die Bundesländer haben angekündigt, die berufsrechtlichen Regelungen für Lehrer, Ingenieure und Erzieher ebenfalls zu ändern. Von der Regelung betroffen sind nach Schätzung des Bundesforschungsministeriums rund 2,9 Millionen in Deutschland lebende Personen mit Migrationshintergrund, die ihren höchsten beruflichen Abschluss im Ausland erworben haben. Unmittelbar rechnet das Ministerium mit rund 300.000 Anerkennungsverfahren. Denn auch das gehört zum deutschen „Jobwunder“: Qualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Das ist eine Chance vor allem für gut ausgebildete Zuwanderer. Die Chancen für weniger Qualifizierte sind dagegen eher bescheiden.

Volker Thomas
ist freier Journalist und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung (www.thomas-ppr.de).

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April 2012

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