Bildung und Sprache

Goethe und die Liebe

Die vielgeschmähten Sprachtests für heiratswillige Zuwanderer sind besser als ihr Ruf – und sollten erhalten bleiben.

Dr. Matthias Makowski | © Goethe-Institut e.V.Kaum eine Regelung der deutschen Integrationspolitik ist bis heute so umstritten wie jenes Überleitungsgesetz aus dem Jahr 2007, das von Frauen (und auch Männern) Deutschkenntnisse verlangt, die aus dem Ausland zu ihrem Ehepartner nach Deutschland ziehen wollen – und zwar schon, wenn sie einen Visumsantrag stellen. „Keine Liebe ohne Deutsch!“ So bringen es viele Zuwanderer auf den Punkt. Sie kritisieren die Regelung als Diskriminierung von bestimmten Zuwanderer-Gruppen – das Ziel, Zwangsheiraten zu erschweren, verfehle sie. Die SPD hat nun einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Abschaffung der Tests vorsieht.

Auch die Verantwortlichen des Goethe-Instituts haben lange überlegt, ob und wie die Einrichtung bei der Umsetzung dieser Regelung mitmachen sollte. Schließlich rechnet sich das Flaggschiff der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik seine politische Unabhängigkeit hoch an und legitimiert seine Akzeptanz auch damit, dass es an Weisungen nicht gebunden und frei von staatlichen Aufträgen ist. Doch ohne das Netz der Goethe-Institute mit seinen differenzierten Sprachlern- und Prüfungsangeboten wären die neuen Regelungen zum Scheitern verurteilt gewesen. Wir machen also mit bei den Tests, doch so eng das Netz der fast 400 Prüfungskooperationspartner des Goethe-Instituts weltweit geknüpft ist, so hoch die Unterrichts- und Prüfungsstandards sind: Für viele Zuwanderungswillige ist die Sprachprüfung ein schwieriges Hindernis. Dies macht es auch für das Goethe-Institut nicht einfach, diesem zusätzlichen Auftrag mit Neigung nachzukommen. Wie zum Beispiel sollte das Goethe-Institut helfen, Zwangsehen zu verhindern? Ratlosigkeit herrschte 2007 unter den Mitarbeitern, als die neue Regelung kam.

Aber die Goethe-Institute haben sich dieser Herausforderung gestellt. Es hatten sich ja schon immer Zuwanderer auf ihre Zeit in Deutschland durch die Teilnahme an Sprachkursen vorbereitet: Studenten und Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Manager. Die neuen Zielgruppen unterscheiden sich indes von der vertrauten Klientel. Schließlich stellt der erfolgreiche Abschluss Weichen für eine ganz persönliche Zukunft. Dann bringen die Kursteilnehmer nur in geringem Maß Erfahrungen mit dem Lernen einer Fremdsprache mit. Mitunter ist der Besuch eines Kurses der erste Kontakt mit einem Schriftsystem.

Soll die Sprachprüfung einen positiven Effekt auf die Chancen der Zuwanderer haben, müssen Zusatzangebote die Prüfung flankieren: Es braucht eigens dafür qualifizierte Lehrkräfte, die Angebote müssen auf die individuellen Voraussetzungen der Teilnehmer zugeschnitten sein, gelegentlich stehen Alphabetisierungsmaßnahmen am Anfang des Deutschkurses. In aller Regel lernen die künftigen Zuwanderer an Orten, die weit von ihrem Lebensumfeld entfernt sind. So fängt für viele die Fremde bereits an, bevor sie überhaupt in Deutschland angekommen sind. In solchen kritischen Situationen ist eine psychologische Begleitung oft der einzige Weg, den vielfachen Druck von Ehepartner und Familie und den Ansprüchen, die die Kursteilnehmer selbst an sich stellen, zu ertragen.

In den bald fünf Jahren, in denen es diese Kurse gibt, ist jedoch aus dem bürokratischen Zwang heraus eine bildungspolitische Chance entstanden. Die Kursangebote werden geschätzt: Nach einer aktuellen Studie bewerten nahezu 90 Prozent der Zuwanderer rückblickend die vorintegrative Sprachförderung im Heimatland als sehr hilfreich oder hilfreich für ihre Vorbereitung auf das Leben in Deutschland.

Diese Eindrücke bestätigen auch Fachleute in den Ausländerbehörden: Gerade die Frauen sind besser informiert über ihre Rechte und Möglichkeiten, sie sind besser motiviert und anspruchsvoller bei der Wahl des Integrationskurses. Und natürlich sind sie kommunikationsfähiger. Sie kommen mit der Erfahrung einer geglückten Bildungsanstrengung, die sich nicht allein in der Verbesserung der Fremdsprachenkenntnisse erschöpft. Hierin verbirgt sich womöglich der eigentliche Gewinn dieser Sprachförderung. Menschen erfahren mitunter erstmals in ihrem Leben, wie ein Bildungsangebot ihr Selbstvertrauen stärkt und damit hilft, dass der Wechsel in ein anderes Land auch gelingen kann.

Eine Herausforderung bleibt: Die Zeit zwischen der Prüfung im Heimatland und der Aufnahme eines Integrationskurses in Deutschland dauert im Durchschnitt elf Monate – manchmal sogar mehrere Jahre. Das Goethe-Institut baut für diese Lücke Angebote online und kostenfrei auf, damit die im Heimatland erworbenen Kenntnisse bis zum Eintritt in die deutschen Fördersysteme nicht wieder verblassen.

Die Verpflichtung, Grundkenntnisse der deutschen Sprache bereits vor der Ausreise nachzuweisen, erhöht die Integrationschancen in Deutschland – das ist im Grunde eine Binsenweisheit. Die Funktion, Zwangsehen zu verhindern, erfüllt die neue Regelung natürlich höchstens begrenzt. Es gibt tatsächlich Kursteilnehmerinnen, die mit Absicht so oft durch die Prüfung fallen, bis die Ehe verhindert ist. Für einen Evidenzbeweis reicht das indes nicht aus. Auch deshalb steht die Regelung von 2007 in der Diskussion. Dass etwa die Niederlande die ähnlich lautende Verpflichtung zum Sprachnachweises 2011 wieder abgeschafft haben, wird von vielen als Indiz dafür genommen, dass der Sprachnachweis vor Ausreise auch in Deutschland fallen werde. In diese Richtung zielt neben der SPD auch ein aktueller Antrag der Fraktion Die Linke im Bundestag. Darüber hinaus wird sich das Bundesverfassungsgericht neuerlich mit einer Verfassungsbeschwerde befassen müssen.

Dr. Matthias Makowski
war bis Ende März 2012 Leiter der Abteilung Sprache des Goethe-Instituts und ist nun Leiter des Goethe-Instituts Athen.

Mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung
Mai 2012

     

    Ehegattennachzug

    Oft gestellte Fragen und eine Beispielprüfung zum Sprachnachweis für Ehepartner, die nach Deutschland zu ihrer Familie ziehen.