Bildung und Sprache

Das Deutsch der Migranten: „Ethnolekt“ hat ausgedient

Ein eigentliches Deutsch der Migranten gibt es nicht.  Foto: stockbroker © 123RFEin eigentliches Deutsch der Migranten gibt es nicht.  Foto: stockbroker © 123RFAuf der 48. Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache diskutierten Sprachwissenschaftler kontrovers: über Kanak Sprak, den Plural von „Erdbeere“ und andere Phänomene, die das Deutsch der Migranten ausmachen.

Fast 500 Wissenschaftler aus 27 Ländern kamen in Mannheim zusammen, um über das Deutsch der Migranten zu diskutieren. Was den meisten wohl schon im Vorfeld klar war: Die gerade nach Deutschland gezogene Professorin mit türkischer Staatsbürgerschaft hat ebenso einen Migrationshintergrund wie die Tochter einer russlanddeutschen Familie oder der Sohn italienischer Eltern, die schon vor Jahren eingebürgert wurden. Die Menschen, die in Deutschland als Migranten bezeichnet werden, unterscheiden sich also unter anderem durch ihr Bildungsniveau, die Dauer ihres Aufenthalts in Deutschland und die Sprachen, die in ihren Herkunftsländern und in ihren Familien gesprochen werden. Und deshalb gibt es auch keine einheitliche Sprachform, kein eigentliches Deutsch der Migranten.

Welcher Sprechstil ist typisch – und für wen eigentlich?

Die Bezeichnung „Ethnolekt“ wird von Wissenschaftlern jetzt in Frage gestellt.  Foto: auremar © 123RFDoch auch wenn viele Migranten im Alltag ein lupenreines Standarddeutsch oder einen regionalen Dialekt sprechen: Als Deutsch der Migranten sind in den vergangenen Jahren ganz bestimmte neue Formen der deutschen Sprache bekannt geworden, die offenbar durch Migration entstanden sind, als „Türkendeutsch“ oder „Kanak Sprak“, „Kiezsprache“ oder „Ethnolekt“ bezeichnet werden und auch auf der Tagung in Mannheim im Fokus zahlreicher Diskussionen standen. Äußerungen wie „Ischwör!“ oder „Ich gehe Bibliothek“ sind also nicht charakteristisch für das Deutsch der Migranten, aber doch für den Sprachgebrauch einer bestimmten Gruppe von ihnen.

„Das ist ganz typischer Sprachgebrauch von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und eher geringem Bildungsniveau, die in multikulturellen Stadtvierteln leben“, erklärt Arnulf Deppermann, Leiter der Abteilung Pragmatik am Institut für Deutsche Sprache und Hauptorganisator der Mannheimer Tagung. Neuere Untersuchungen legen laut Deppermann aber die Vermutung nah, dass es sich auch hier nicht um eine einheitliche Sprechweise handelt und dass man Einflüsse aus verschiedenen Herkunfts- oder Familiensprachen darin nachweisen kann. Deshalb werde die Bezeichnung „Ethnolekt“ von Wissenschaftlern jetzt in Frage gestellt: „Der Begriff suggeriert, es gebe eine ethnische Gruppe als Träger. Stattdessen entwickelt sich eher ein Polyethnolekt, der von Sprechern verschiedener ethnischer Hintergründe verwendet wird und auch jugendsprachliche Elemente enthält.“

Stil oder fehlerhaftes Deutsch?

Handelt es sich bei den Sprachformen um eine kulturelle Bereicherung oder um eine Verarmung der deutschen Sprache?  Foto: kjpargeter © 123RFKontrovers diskutiert wurde die Frage, wie der Gebrauch dieses Polyethnolekts zu bewerten ist. Handelt es sich um einen Stil, den die jungen Leute ganz gezielt verwenden, oder um ein fehlerhaftes Deutsch, das mit einem ungenügenden Ausdrucksvermögen, schlechten Schulleistungen und einem beruflichen Scheitern in Verbindung steht? Sprechen die Jugendlichen mit Migrationshintergrund so, weil sie ihre sprachliche Kreativität ausleben und ein Wir-Gefühl in der Gruppe entstehen lassen wollen, oder weil sie einfach kein korrektes Umgangs- oder Standarddeutsch beherrschen? Handelt es sich bei den Sprachformen um eine kulturelle Bereicherung oder um eine Verarmung der deutschen Sprache? Deppermanns Eindruck: Hier muss noch geforscht werden. „Man weiß, dass es Beispiele für beide Gruppen gibt. Aber wie das in größerem Maßstab einzuschätzen ist und was die gesellschaftliche Realität mehr prägt, darüber weiß man noch nicht sehr viel.“

Deutsch lernen von klein auf – mit professioneller Unterstützung

Was wird in Zukunft mit den Polyethnolekten in den multikulturellen Stadtvierteln passieren?  Foto: 36clicks © 123RFIn einem andern Punkt herrscht unter Sprachwissenschaftlern weitestgehend Einigkeit: Wenn Kinder von klein auf mit zwei Sprachen aufwachsen und in beiden Sprachen auch genügend guten Input bekommen, dann werden sie auch mit beiden Sprachen gut zurechtkommen. Deshalb sollten gerade Kinder, die zuhause eine andere Sprache sprechen, schon früh mit der deutschen Sprache konfrontiert werden. Damit kein Kind zurückbleibt, gibt es Sprachdiagnostik und Fördermaßnahmen. Deppermann würde sich wünschen, dass dabei auch zunehmend das Fachwissen von Sprachwissenschaftlern einbezogen wird. „Bisher wird das häufig von Psychologen gemacht. Weil die sich mit linguistischen Strukturen nicht so gut auskennen, führt das aber immer wieder zu Fehleinschätzungen.“ Ein Beispiel: „Es kann passieren, dass ein Kind auf ein Bild zeigt und sagt: ‚Da sind viele Erdbeere.‘ Das kann bedeuten, dass das Kind den Plural nicht erworben hat. Es kann aber auch sein, dass es einfach nur Dialekt spricht. In der Pfalz beispielsweise ist es durchaus üblich, dass der Plural von ‚Erdbeere‘ wie der Singular klingt. Nur wenn man das weiß, zieht man hier keine vorschnellen Schlüsse, sondern prüft das Ergebnis anhand anderer Beispiele.“

Mit großem Interesse werden die Sprachwissenschaftler in Zukunft verfolgen, was weiter mit den Polyethnolekten in den multikulturellen Stadtvierteln passiert. Denn heute kann man nur Hypothesen darüber aufstellen, ob die Jugendlichen diesen Sprechstil mit zunehmendem Alter wieder aufgeben werden oder nicht, ob die nächste Generation ihn dann übernehmen und weiterentwickeln wird und ob bestimmte Formen dann vielleicht sogar Einfluss auf die deutsche Standardsprache nehmen werden.

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2012

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