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Projekte für Geflüchtete
Die Flüchtlingskrise ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Das Goethe-Institut leistet einen Beitrag zur Integration der Flüchtlinge in Deutschland und organisiert seit 2013 in den Herkunftsregionen gemeinsam mit Partnern verschiedene Kultur- und Bildungsprogramme, zum Beispiel im Zaatari Camp in Jordanien, in der libanesischen Bekaa-Ebene oder in mehreren Städten der Türkei. Hier werden die unterschiedlichen Projekte in Reportagen und Interviews vorgestellt.

Kulturelle Flüchtlingshilfe – das verlorene Tagebuch

Syrische Flüchtlingskinder bei einem Theaterworkshop von Action for Hope | Foto: Goethe-Institut Libanon
Syrische Flüchtlingskinder bei einem Theaterworkshop von Action for Hope | Foto: Goethe-Institut Libanon


Reden hilft. Ganz gleich ob sich die Geschichten über Filme, Theater oder Musik ihren Weg bahnen – sie müssen raus. Das Goethe-Institut und die Hilfsorganisation Action for Hope leisten deshalb in den Flüchtlinglagern im Nahen Osten kulturelle Erste Hilfe.

Ein Youtube-Clip, verwackelt und verwaschen die Bilder, dazu erzählt erschöpft eine Mädchenstimme: „Ich dachte, ich sei endlich in Sicherheit, als ich in Ersal im Libanon ankam. Doch plötzlich fand ich mich mit meiner Familie inmitten der Kämpfe zwischen dem IS und der libanesischen Armee. Wir flohen zum zweiten Mal und ließen alles zurück, auch mein geliebtes Tagebuch. Jetzt ist es verloren und mit ihm all meine Geheimnisse. Ich habe gezögert, ein neues Tagebuch zu kaufen, aus Angst, es erneut im Krieg zu verlieren.“ Dann eine Kamerafahrt in ein Geschäft, und dieselbe Mädchenstimme, die fragt: „Guten Tag, verkaufen Sie auch Tagebücher?“



Ein Video wie eine Flaschenpost aus dem Krieg. Ein ganzes Leben enthält sie, verdichtet auf eineinhalb Minuten, und erzählt von Flucht, Verlust, und dann am Ende vielleicht von einem neuen Beginn. Personal Diary von Khadija Ibrahim Al-Ibrahim ist mit denkbar simplen Mitteln gemacht, und zeugt doch von einer beeindruckenden Leistung: Aus persönlicher Erfahrung ist hier Kunst geworden, so kurz und simpel das Video auch sein mag. Personal Diary ist das Ergebnis eines Videoworkshops der Nichtregierungsorganisation Action for Hope und des Goethe-Instituts in einem Flüchtlingslager in der Bekaa-Ebene im Libanon.

Action for Hope versteht Kulturarbeit als Teil humanitärer Hilfe für Flüchtlinge. Denn zum Überleben, zum Weiterleben brauchen Flüchtlinge mehr als nur Verpflegung und ein Dach über dem Kopf. Sie benötigen die Möglichkeit, ihre Erfahrungen zu erzählen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten, und ihrer Verzweiflung wie Hoffnung Ausdruck zu verleihen.

Action for Hope entwickelte sich aus dem Besuch einer Gruppe arabischer Kulturschaffenden im Jahr 2012 in den Lagern für syrische Flüchtlinge in Kilis in der Türkei. Bei den Begegnungen mit den Menschen dort wurde den Action-for-Hope-Aktivisten klar, dass die Menschen mehr brauchten als drei Mahlzeiten am Tag und ein Dach über dem Kopf. Es brauchte neben der humanitären Hilfe auch Hilfe kultureller Art.

Die Künstlerinnen und Künstler um die Ägypterin Basma el-Husseiny, die seit vielen Jahren eng mit dem Goethe-Institut zusammenarbeitet, sind seit ihrem ersten Besuch 2012 noch vier weitere Male mit Kulturkonvois in die Lager zurückgekehrt, drei Jahre später ist daraus Action for Hope entstanden, el-Husseiny leitet die Organisation. In ihren Augen sind Kulturschaffende prädestiniert dafür, den Flüchtlingen notwendige Hilfe zu leisten: „Sie sind viel besser im Stande, eben jene Bedürfnisse zu stillen, in denen es um Hoffnung, Emotionen, Erzählungen, Sinn geht, um Schöpferisches.“ Künstler seien Experten, wenn es darum gehe, mit Verzweiflung umzugehen. „Weil sie eine Möglichkeit schaffen, Dinge auszudrücken, sei es durch ein Gedicht, ein Bild oder einen Film.“



Die Arbeit von Action for Hope stützt sich auf die Einsicht, dass die Menschen nicht nur ihr Eigentum, sondern auch ihr soziales Gefüge verloren haben. „Sie leben in vollkommener Unsicherheit und Abhängigkeit von anderen“, sagt el-Husseiny. „Deshalb fühlen sich viele völlig verloren und haben den Eindruck, dass sich niemand um sie schert.“ Diese Verzweiflung berge auch große Gefahren in sich. Viele Flüchtlinge verfielen in Depression, andere neigten zur Gewalttätigkeit. Eine Situation, die von Islamisten ausgenutzt werde. „Selbst wenn etwa die Verpflegung von Norwegen bezahlt wird und die Zelte von der UNHCR, haben viele Menschen in den Flüchtlingslagern das Gefühl, dass einzig die Islamisten ihnen zuhören und Hoffnung geben.“
Pepe Egger

Oktober 2015

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