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Projekte für Geflüchtete
Die Flüchtlingskrise ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Das Goethe-Institut leistet einen Beitrag zur Integration der Flüchtlinge in Deutschland und organisiert seit 2013 in den Herkunftsregionen gemeinsam mit Partnern verschiedene Kultur- und Bildungsprogramme, zum Beispiel im Zaatari Camp in Jordanien, in der libanesischen Bekaa-Ebene oder in mehreren Städten der Türkei. Hier werden die unterschiedlichen Projekte in Reportagen und Interviews vorgestellt.

Erste Hilfe Deutsch – ehrenamtliche Sprachbegleiter in Göttingen

Ehrenamtliche Deutschlehrer im Goethe-Institut Göttingen; Foto: Pepe Egger
Ehrenamtliche Deutschlehrer im Goethe-Institut Göttingen; Foto: Pepe Egger


Ehrenamtliche Sprachbegleiter leisten für die Integration von Flüchtlingen einen wichtigen Beitrag. Das Goethe-Institut bietet deshalb kostenlose Wochenendkurse an, in denen Grundlagen für den Unterricht in „Deutsch als Zweitsprache“ vermittelt werden. Eine Reportage aus einem Kurs in Göttingen.

Als die Zahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge gegen Ende des Sommers immer größer und größer wurde, beschloss Jannes, Student der Informatik und Mathematik, Jahrgang 1995, mit Black Sabbath T-Shirt und rotblondem Schimmer im Haar, nicht mehr nur zu reden, sondern selbst etwas zu tun.

Dann hat er sich im Flüchtlingswohnheim Große Breite in Weende, Göttingen, einfach auf den Boden gesetzt und „jedem, der wollte, Hallo und Tschüss beigebracht“. Vier Wochen später ist daraus ein Deutschunterricht entstanden, zuerst ganz ohne Materialien und didaktisches Gepäck, dann immer besser ausgestattet und jetzt auf Dauer eingerichtet.

Sibylle ist Psychologin und erst vor Kurzem in Pension gegangen. Sie hat spontan einen Tisch in die Turnhalle eines anderen Göttinger Flüchtlingsheims gestellt und angefangen, Deutsch zu unterrichten: Mittlerweile arbeitet sie montags bis freitags vormittags als ehrenamtliche Sprachlotsin.

Wochenendlehrgang statt Studium

Heute, es ist Samstagmorgen, sitzen beide mit 16 anderen Ehrenamtlichen im Gartenpavillion des Goethe-Instituts Göttingen und absolvieren einen Wochenendlehrgang („Grundlagenkurs Deutsch als Fremdsprache“) für ehrenamtliche Sprachlotsinnen und -lotsen. Mit der Fortbildung reagiert das Goethe-Institut auf den sprunghaft gestiegenen Bedarf an Spracherwerb einerseits, und das ebenso sprunghaft gestiegene Angebot von Freiwilligen und Ehrenamtlichen andererseits. Letztere sollen hier in ihrer Tätigkeit unterstützt, beraten und trainiert werden.

„Ein solcher Kurs“, so Dr. Roland Meinert, Leiter der Region Deutschland des Goethe-Instituts, „kann und soll kein mehrjähriges Fachstudium Deutsch als Fremdsprache ersetzen, er soll Menschen, die helfen möchten, allererste Schritte auf diesem Terrain ermöglichen.“ Die Kursleiterin, Ilsemarie Waechter, ist sich der Schwierigkeit der Aufgabe bewusst: Ein Himmelfahrtskommando wäre es, in zwei Tagen lernen zu wollen, was andere in vier Jahren Ausbildung „Deutsch als Fremdsprache“ erwerben.

Aber darum geht es hier auch gar nicht. Obwohl das Interesse an didaktischen Spezialfragen hoch ist und man sich ein interessierteres Publikum schwer vorstellen kann. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass Göttingen eine Universitätsstadt ist. Die hier Versammelten kommen durchweg aus akademischen Berufen: Anthropologinnen gibt es, Germanistinnen, Slawistinnen, Psychologinnen, pensionierte Pädagogik-Professoren, Französisch-Referendare.

Was zählt sind Humor und Flexibilität

Gohar, eine der Teilnehmerinnen, erzählt von ihrer Arbeit im Rosenthaler Hof, einer Außenstelle des Erstaufnahmelagers Friedland; bis zu 70 Deutschlerner und -lernerinnen hat sie in der Klasse, deren Kinder sie in einer Ecke beschäftigt, um den Lärmpegel zu senken. „Guten Tag, Auf Wiedersehen, Bitte, Danke, Entschuldigung“, Gohar ist für die grundlegendsten aller Grundlagen zuständig, sie hat die ganz frisch Angekommenen als Schüler, die hier nur wenige Wochen bleiben, weil sie von Friedland aus über ganz Deutschland verstreut werden.

Gohar weiß, wie sich das anfühlt: Ankommen, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen. Die Armenierin hat das einst selbstdurchlebt. Und sie hat das nötige schauspielerische Talent, den Sinn für Humor, um die die Neuankömmlinge für ihren Deutschunterricht zu gewinnen: „Ich stell mich in den Raum und rufe „Madrassah, Madrassah“ („Schule“), erzählt sie, „dann lachen die Leute, und kommen zu mir.“

Flexibilität ist wichtig, das vermittelt auch Ilsemarie Waechter, die Kursleiterin des Goethe-Instituts. Die Anforderungen für die ehrenamtlichen Sprachbegleiterinnen und Begleiter könnten unterschiedlicher nicht sein, was das Bildungsniveau, die Lernkultur, die Begabung, Motivation, und den Alphabetisierungsgrad der Lernenden angeht.

Deshalb ist auch nicht ausgemacht, was zuerst gelehrt werden soll und was am Wichtigsten ist. Auf welche sprachlichen Situationen müssen Geflohene als erstes vorbereitet werden? Auf einen Arztbesuch? Auf die Orientierung in der Stadt? Sollten sie nicht vor allem anderen lernen, wie man einen Notruf absetzt, wenn es brennt? Oder vielleicht kulinarische Vokabeln pauken, denn: „Jemand soll doch wissen, wie die Tomate heißt, die ihm hier vorgesetzt wird“? Eine Kontoeröffnung, das wird sehr schnell aktuell; die Erläuterung zu verstehen, wie der Müll zu trennen sei, kann noch warten.

„Straswitsje, gdijeweischewiote?“

Man merkt bald: Zur Sprachvermittlung gehört zuerst, noch bevor es um die richtige Wortstellung und Verb-Endung geht, dass sich die Lehrenden in die Lage der Lernenden hineinversetzen. Ilsemarie Waechter bedient sich eines höchst wirksamen Tricks, um zu veranschaulichen, wie es sich anfühlt, in einer fremden Sprache anzukommen. „Straswitsje, gdijeweischewiote? Jaschewuvgöttingenje, jarabotajuvnortheimje.“ Auf einmal verstehen die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer nur noch Bahnhof: Eine Minilektion Russisch, „Hallo, wie heißen Sie?“, genügt, um Augenblicke vollkommener Überforderung, Verlorenheit in einem Meer von Lauten und Tönen zu erzeugen, die sich allein zu einem großen „Kannitverstan“ vermengen.

„Gdijeweischewiote“, die Kursteilnehmer murmeln mit, verstecken sich vor den Blicken der Lehrerin, versuchen die Nachbarin zu imitieren und hoffen, dass irgendwann der Groschen fällt und das Gesprochene haften bleibt.

Für einen Augenblick spüren die Ehrenamtlichen, wie wichtig ihre Hilfestellung sein kann, wie entscheidend ihre Aufgabe als Sprachlotsen ist. Umso mehr als Asylsuchende auf die Teilnahme an Sprach- und Integrationskursen keinen Anspruch haben, solange der Staat nicht darüber entschieden hat, ob sie überhaupt bleiben dürfen.
Pepe Egger
Oktober 2015
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